Susanne Viktoria Haupt
4. November 2013

Literarischer Windstoß

Seitenansicht: „Straße der verlorenen Schritte“ von Lyonel Trouillot

Raue Geschichtsaufarbeitung: Lyonel Trouillots „Straße der verlorenen Schritte“, Buchcover

Terror, Krieg, Gewalt, Hass – das ist es, was die Bordellbesitzerin, der Taxifahrer und der junge Intellektuelle in jenen Stunden und Tagen in Lyonel Trouillots Roman „Straße der lautlosen Schritte“ in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince erleben. Hatte der Inselstaat ohnehin schon immer eine schwache wirtschaftliche Stellung, so wird die Bevölkerung nun erst recht von Regierungsstürzen und damit zusammenhängenden ökonomischen und sozialen Problemen geplagt. Zwar sind die drei Protagonisten keine klassischen Träumer und auch keine naiven Visionäre, aber neben all dem vorherrschenden Zynismus versuchen sie ihr Leben und alle Beteiligten irgendwie zusammenzuhalten. Der junge Mann ist verliebt, die Bordellbesitzerin sorgt sich um ihre jungen Schützlinge und der Taxifahrer versucht vergeblich seine Kunden sicher und behütet von einem Ort zum anderen zu bringen. Und dennoch verändert eine einzige Nacht das ganze Dasein. Die Nacht, in der wieder der Strom ausfällt. Eine Nacht, in der sich noch nicht alle, auch nicht die Kinder, von den vorangegangenen Dramen auf der einst so paradiesischen Insel erholt haben. Es folgt eine kühle Beobachtung der Ereignisse, eine unverblümte Darstellung aller Empfindungen, verpackt in harter und rauher Sprache. Der Roman berichtet von den großen Journalisten, die sich sensationsgeil nach treffenden und möglichst blutigen Fotos auf der Insel umsehen und jeden Bewohner gierig in die Mangel nehmen. Von den Kindern, denen der Schock schon früh tiefe Kerben in ihre Gesichter gezeichnet hat, und von den Exekutionen, welche die neue „Regierung“ schonungslos durchführen lässt und über die Medien zur Abschreckung verbreitet. Das Ergebnis ist ein literarisches Blutbad voller Sorgen und existentieller Ängste. Getragen von einem heftigen Windstoß der Multiperspektivität, der durch die Hauptstadt Haitis weht.

„Straße der lautlosen Schritte“ ist keine Gute-Nacht-Lektüre. Obgleich seine Sprache sich hart und direkt durch die Seiten bahnt, kommt sie dennoch poetisch daher und manifestiert damit die düstere Poesie der Ereignisse in Haiti in den 1990er-Jahren. 1990 wurde – nach den langen Amtszeiten des Diktators François Duvalier und seines Sohn Jean-Claude Duvalier – der Armenpriester Jean Bertrand Aristide als neugewählter Präsident eingesetzt. Aristide wurde allerdings bereits ein Jahr später durch einen gewaltvollen Militärputsch entmachtet. Lyonel Trouillot, selbst Haitianer, ging bereits in den 1980er-Jahren ins amerikanische Exil. Später wurde er Sprecher der oppositionellen Bewegung „Collectif Non“, die sich gegen die diktatorischen Anwandlungen von Aristide richtete. Ob „Straße der verlorenen Schritte“ die Ereignisse in Aristides erster kurzer Amtszeit widerspiegeln soll oder die Zeit unter der seit 1991 von Raoul Cédras errichteten Militärdiktatur, bleibt im Roman unklar. Sicher ist nur, dass die Zustände unter allen Amtsinhabern dieser Epoche grausam gewesen sein müssen und Trouillots Prosa-Bericht seine Leser unsanft dazu zwingt, sich mit der Geschichte Haitis auseinanderzusetzen. Trouillots, der 1956 in Port-au-Prince geboren wurde, lebt mittlerweile auch wieder dort. Sein Roman „Straße der lautlosen Schritte“ wurde bereits 1996 veröffentlicht, aber erst jetzt hat er den Weg in die deutsche Übersetzung geschafft. Schade eigentlich, dass so manch feine Veröffentlichung aus dem Liebeskind Verlag in der Wucht der Herbstprogramme ein wenig untergeht. Denn mit Trouillots Roman beweist der Verlag einmal mehr den Mut, schmale, aber umso komplexere Werke in die Bücherregale zu schieben.

Lyonel Trouillot: „Straße der verlorenen Schritte“, Roman, 448 Seiten, Liebeskind Verlag, ISBN-13: 978-3954380152, 16,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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