Henning Chadde
28. September 2007

„Ich trage zwei Leben im Herzen“

Literatur als Ruhezone und Gegenpol: Ein Portrait der hannoverschen Autorin Christina Haubold

Angefangen hatte alles unter dem Nickname Sommerhaus. Den hatte sich Christina Haubold für verschiedene journalistische Tätigkeiten im World Wide Web gegeben. Schließlich firmierte sie unter diesem Namen auch mit eigenen Prosatexten auf verschiedenen Literatur- und Autorenseiten. Sie hinterließ ihre Spuren unter anderem bei katzenfisch.de und jetzt.de, nahm Kontakt zum hannoverschen Poeten-Forum SubLit auf und entdeckte das Universum von myspace für ihre literarische Kunst. Und von allen Seiten erntete sie ausgesprochenes Lob für ihre Geschichten – von ihren virtuellen Autorenkollegen, von Lesern und Freunden. Irgendwie war es da nur eine Frage der Zeit, bis sie die virtuelle „Bühne“ um die realen Bretter, die die Welt bedeuten, erweitern sollte.

Christina Haubold

Auf dem Sprung: Christina Haubold

Von Tagebüchern und eigenen Universen

„Geschrieben habe ich eigentlich schon immer. Tagebuch seit der ersten Klasse, ich habe Regale voll davon“, führt Christina Haubold schmunzelnd aus. Das hört sich klassisch und gar nicht so untypisch an, und doch war es von Anfang an mehr, als schnöde Tagesnotate unter der repitativ öden Ansprache „Liebes Tagebuch…“. Haubold schrieb Geschichten. Sie beobachtete, hielt fest, erschuf ihr eigenes kleines Universum, erschuf ihre eigene Sprache. Vor knapp zehn Jahren fing sie dann ernsthaft an, Kurzgeschichten zu verfassen, behielt die „private Abgeschiedenheit“ allerdings bei. Sie schrieb für sich, für den eigenen Ansporn und dachte nicht im Traum daran, diese eigene Welt einmal zu verlassen. Sie hatte einfach nicht das Bedürfnis, mit ihren Texten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Der Sprung auf die Bühne

Dann kam 2006. Angespornt durch eine Freundin, der sie ihre Texte vorlas, knüpfte sie erste Kontakte zur Literaturszene in Hannover und hatte im September des selben Jahres beim hannoverschen Poetry Slam „Macht Worte!“ ihren ersten Bühnenauftritt. Und auch hier erntete sie Lobeshymnen. Da Hannovers Poeten bekanntlich so schnell keinen ihrer Kolleginnen beziehungsweise Kollegen wieder vom Haken lassen, folgten weitere Auftritte und immer mehr Einladungen zu Lesungen. Schließlich bekam Haubold das Angebot der hannoverschen Verlegerin und Autorin Maya Birken, einen Einzelband mit Kurzgeschichten zu publizieren und die Anfrage, sich als festes Ensemble-Mitglied bei Hannovers erster weiblicher Lesebühne Zuckerwort und Peitsche zu beteiligen. Und seitdem steht sie zusammen mit den Kolleginnen Katja Merx und Maya Birken sowie wechselnden Gästen regelmäßig alle zwei Monate im Kulturpalast Linden auf der Bühne. Qualität setzt sich durch.

Christina Haubold

Christina Haubold, Kaffee trinkend

Kreative Gradwanderungen

Trotzdem betont Christina Haubold, dass sie „eher ein zurückhaltender Mensch“ sei. „Mir fehlt einfach das ‚Rampensau-Gen‘, obwohl mir das Auftreten unheimlich viel Spaß macht'“, führt die 29-Jährige aus und wundert sich selbst ein bisschen darüber, dass sie im Live-Literaturbetrieb Hannovers mittlerweile als feste, gern gesehene Größe gehandelt wird. Und vor allem, dass alles so schnell ging. Dabei ist die studierte Technik-Fachjournalistin Geschwindigkeit aus ihrem Berufsalltag mehr als gewohnt. Ebenfalls seit 2006 arbeitet sie als Redakteurin bei Hit Radio Antenne und betreut maßgeblich die Morningshow „Lennert & Co.“. Gerade diese vermeintliche Gegensätzlichkeit zur Ruhe und teilweisen Ernsthaftigkeit der Literatur genießt Haubold. „Ich trage zwei Leben im Herzen“, betont sie. „Mir macht es wahnsinnig viel Spaß, in der schillernden, schnellen Medienbranche zu arbeiten“. Dabei fordere sie gerade die sehr kommerzielle Orientierung und der „Boulevard-Touch“ der Morningshow heraus, die kreative Gratwanderung hin zum hintergründigen Infotainment. Hier ist sie nah am Menschen, am „Talk of town“, kann ihren journalistischen Anspruch an den Mann und die Frau bringen. Gleichzeitig ist sie in die Planung und Programmgestaltung involviert. Eine Dualität, die sie sehr schätzt und die sie nach eigener Aussage wohltuend „erdet“.

Christina Haubold

Weiß, wo sie steht: Christina Haubold

Der optimale Ausgleich

In der Literatur findet Haubold schließlich das zweite Leben in ihrem Herzen. In ihr und im Prozess des Schreibens findet sie die nötige Tiefe und die passgenaue Umsetzung ihrer inneren Welt, die sich manchmal eben doch vom „Hochgeschwindigkeits-Boulevard“ massiv unterscheidet. „Das Schreiben ist der optimale Ausgleich zum Leben in einer High-Life-Redaktion“, hier erfüllt sich schlussendlich ihr Streben nach der inneren Ruhe und auf die legt sie besonders viel wert. Auf ein literarisches Genre möchte sie sich als Schriftstellerin allerdings nicht festlegen lassen. Für Haubold ist die Kurzgeschichte momentan einfach die „beste Möglichkeit, Situationen und Sätze in eine neue, erlebbare Form zu bringen, Fiktion mit realen Eindrücken zu verbinden“. Wichtig ist ihr dabei, mit ihrer Prosa ein Gefühl zu vermitteln, ohne dieses Gefühl Wort für Wort zu benennen. Und so zeichnet sich Haubolds Literatur durch emotional-vielschichtige Fährten, hintergründigen Humor, aber auch bitter-süße Ernsthaftigkeit und punktgenaue Wortwahl aus.

Christina Haubold

Christina Haubold, schwarz-weiß

Die Autobiographie des Schreibens

Teilweise tragen Christina Haubolds Texte durchaus autobiographische Züge, aber „nie zu hundert Prozent“. Bewusst spielt die Autorin damit auf die häufige Verwechslung des „lyrischen“ Ichs mit dem „eigenen“ Ich an. „Meine eigenen Emotionen treten klar hervor, aber ich habe Respekt davor, mich ganz ’nackt‘ zu machen, mich ganz in meinen Geschichten zu entblößen“, fügt sie bedacht an. Das sei einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt. Haubold geht es gelassen an und weiß, dass sie mit ihrem Schaffen und ihren literarischen Aktivitäten erst am Anfang steht. Insofern sieht sie auch ihrem ersten, Ende des Jahres im hannoverschen Verlag zeter & mordio erscheinenden Kurzgeschichtenband sympathisch bescheiden entgegen: „Ich bin einfach nur glücklich, dann mein eigenes Buch mit meinem Namen drauf in den Händen zu halten. Ich werde in einen Buchladen gehen, gespannt auf die Auslage sein und mal schauen, welches Interesse die Menschen um mich herum zeigen. Den Moment werde ich ganz intensiv für mich alleine feiern und genießen.“ Und da ist sie dann wieder: die innere Ruhe, die Christina Haubold so sehr schätzt. Von diesen Momenten seien ihr von Herzen noch viele gegönnt.

Nicht verpassen:

Christina Haubold liest am 28. September am KULTURKIOSK von langeleine.de in der Faust-Warenannahme. Im literarischen Gepäck hat sie eine Auswahl ihrer besten Kurzgeschichten und brandneue Werke – ergreifend hintergründig, emotional schillernd und sympathisch humorvoll.

Christina Haubold im Netz:
www.myspace.com/zuckerwortundpeitsche

(Fotos: Heike Werner (2), Pressefotos (2))

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Kategorien: Literatur, Menschen

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