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Von der ältesten Stimme der Welt

von Heike Werner      Sonntag, 30. September 2007

Das Kommunale Kino präsentiert “Eine kurze Geschichte über den Wind - Poesie ohne Laute” - eine Lesung für Gehörlose und Hörende

Möwe im Wind

Flügelschläge oder: Vom Wind getragen

Man kann nur hoffen, dass die gute Idee fortgesetzt wird, auch wenn die Veranstalter mit “Eine kurze Geschichte über den Wind - Poesie ohne Laute” erst zum zweiten Mal eine Lesung für Gehörlose und Hörende auf die Beine stellen. Vor dem Debüt im Jahr 2005 waren die Organisatoren noch skeptisch, wie die hörenden Gäste auf eine nahezu geräuschlose Umgebung reagieren würden - auf eine Lesung, die in Gebärdensprache übersetzt werden sollte. Damals wurden Auszüge aus Kurt Morawietz’ Text “Nächtliche Gedanken” gelesen und das Publikum war begeistert.

Deshalb haben sich Elke Oberheide vom Kulturbüro der Stadt Hannover und der Schriftsteller Marcel Magis entschlossen, nach nunmehr zwei Jahren eine weitere Lesung dieser Art unter dem Leitgedanken “Der Wind ist die älteste Stimme der Welt” ins Kommunale Kino zu bringen. Zusammen mit der Gebärdenpoetin und Mitorganisatorin Wiebke Kögel, dem Schauspieler Gerd Zietlow und dem Videokünstler Tosh Leykum haben sich Magis und Oberheide für dieses Mal eine Krähe als Protagonistin ausgesucht. Die Krähe erzählt in drei Kapiteln vom Flügelschlag und von den Geschichten, die durch den Wind transportiert werden. Die Texte werden von Gerd Zietlow gelesen und von Wiebke Kögel simultan in Gebärdensprache übersetzt. Tosh Leykum ergänzt die Geschichte mit eindrucksvollem Bildmaterial. Hierduch soll ein weiterer gemeinsamer Erlebnisraum für Hörende und Gehörlose geschaffen werden.

Sonntag, 30. September 2007:
“Eine kurze Geschichte über den Wind”, Lesung für Hörende und Gehörlose, Kommunales Kino im Künstlerhaus, Beginn: 16 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: pixelquelle.de)

2 Kommentare zum Artikel
“Von der ältesten Stimme der Welt”

Oberheide, Elke schrieb am Montag, 8. Oktober 2007, 11:17

Hallo langeleine,
es war das Kulturbüro , das im KoKi präsentierte.
Und es war eine Krähe, die erzählte und nicht die Möwe.
Aber dennoch, vielen Dank für den schönen Hinweis.
Und das nächste Mal richtig lesen, nicht wahr?!
Ich wünsche einen wunderschönen Montag und schicke viele Grüße aus dem Kulturbüro, Elke Oberheide

Corinna Luedtke schrieb am Dienstag, 23. Oktober 2007, 09:27

Stilles Erleben

“Du und ich, wir beide erzählen eine Geschichte vom Wind.”
Mit diesen Worten beginnt die Lesung, die Gehörlose und Hörende in einen gemeinsamen Erlebnisraum entführen soll. Du und ich, das sind Wiebke Kögel, Gebärdenpoetin und Mitorganisatorin und der Schauspieler Gert Zietlow als Sprecher. Auf der Bühne lediglich ein Stehpult für den Sprecher, im Hintergrund eine große Leinwand.

Das Gedicht “Die Heimkehr” von Heinrich Heine bildet den Einstieg in die Geschichte.
Einfühlsam von Gert Zietlow gelesen und eindrucksvoll von Wiebke Kögel simultan in Gebärdensprache übersetzt.
Von einer Meerjungfrau ist die Rede, die sich erwärmen will an einem Menschenbild, denn der Abend ist gar so kalt.

Die Geschichte wird erzählt von einem Raben: “Ich bin ein Rabe, der sich viele Gedanken macht.”
Gekleidet in einen schwarzen langen Mantel, die dunklen Haare streng nach hinten gekämmt, die Lippen dunkelrot geschminkt, übernimmt die Gebärdenpoetin nun die Rolle der Krähe. Sie erzählt mit bewegter Mimik, mit ihrem Körper und den Händen. Ihre Finger fliegen und flattern durch die Luft, sie streichen über und an ihrem Körper entlang. Zuweilen wird sie von kühlem blauen Licht umgeben, dann wieder von warmen Rottönen. Faszinierender kann Erzähltes kaum sein.

Der Rabe beobachtet, wie sich die Welt verändert, er beobachtet die Menschen, versucht, sie zu verstehen. Er ist ein Reisender, der die Welt begreifen will.
Der Wind ist sein Verbündeter. Die Geschichten, die er erzählt, werden von Ort zu Ort getragen. Was der Wind alles kann, zeigt die Gebärdenpoetin: Er kann zärtlich sein, aber auch wüten und zerstören.

Die Erzählabschnitte erfolgen im Wechsel mit kurzen Videofilmen, die von dem Videokünstler Tosh Leykum auf die große Leinwand projiziert werden. Zum einen werden Bilder von Meerjungfrauen, Schlingpflanzen, Seepferdchen und aufsteigenden Wasserblasen gezeigt, die zum Träumen verleiten. Es gibt aber auch nachdenklich stimmende Videosequenzen. So fliegt eine Krähe über verwüstete Orte, die von einem Hurrikan, Blizzard oder Tornado zerstört wurden.

Die Filme werden nicht mit Musik oder Geräuschen untermalt; sie „erzählen“ für sich.
Dabei ist es still im Saal. Aber die Stille ist nicht einfach nur still. Sie ist angefüllt mit einer besonderen Atmosphäre: Gehörlose und Hörende erleben gemeinsam. Das Gefühl des gemeinschaftlichen Erlebens macht diese Veranstaltung zu einem außergewöhnlichen Ereignis.

Wohin die Suche und der Wind den Raben treiben und was er letztlich
(wieder-)findet, wird hier nicht verraten. Doch so viel: es hat mit einem Lächeln zu tun.

Ein Lächeln, das auch auf dem einen oder anderen Gesicht im Publikum zu sehen ist.
Am Ende der Veranstaltung Applaus: Die Hörenden applaudieren mit Klatschen, die Gehörlosen klatschen nicht, sie strecken ihre Arme in die Höhe und „wedeln“ mit ihren Händen. Am Ende betreten Marcel Magis und Tosh Leykum die Bühne. Der Applaus schwillt wieder an. Als der Autor die Bühne verlässt, streckt auch er seine Hände in die Höhe und dreht sie als Dank hin und her.

Dieser Aufführung ist zu wünschen, dass sie noch viele Zuhörerinnen und Zuhörer bekommt.

Corinna Luedtke, Autorin aus Laatzen

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