Aline Kappich
18. November 2013

Das große Zittern

Seitenansicht: „Lexikon der Angst“ von Annette Pehnt

Minimalistische Merkwürdigkeiten: Annette Pehnts „Lexikon der Angst“, Buchcover

Früher, als sie noch ein Kind war und am Nachmittag vom Spielen herein kam, stellte die Großmutter ein Glas Milch auf den Tisch und blieb mit feierlich zusammengepressten Lippen und in die Hüften gestemmten Händen neben ihr stehen, bis sie das Glas in kleinen Schlucken geleert hatte. Mittlerweile ist sie erwachsen und trinkt eigentlich keine Milch mehr. Sie wohnt alleine, kommt erst spät von der Arbeit nach Hause und trinkt dann lieber ein Gläschen Wein. Eines Tages holt sie dennoch eine Milchflasche aus dem Kühlschrank, dreht den Schraubverschluss ab, schnuppert daran, setzt sich an den Küchentisch, schenkt sich ein Glas ein. Da stürzt ihr plötzlich ein großer, weißer Schwall entgegen und schlägt wie ein Tsunami über ihrem Gesicht zusammen.

In dem ersten der fünfundvierzig kleinen Prosastücke, die in Annette Pehnts Erzählband „Lexikon der Angst“ versammelt sind, schlägt die Angst unerwartet kraftvoll zu und bleibt fortan ständiger Begleiter. Den Angriff noch im Blut, erschrickt die Protagonistin, wenn in der Werbung melkende Bäuerinnen zu sehen sind, und springt auf, wenn ihr in der Cafeteria jemand das Milchkännchen reicht. Auch in den folgenden Erzählungen begegnen uns Figuren mit Ängsten, deren Ursprünge meist im Verborgenen bleiben. So treffen wir einen Geschäftsmann, der die Sonne fürchtet, einen Vater, der seinen gutmütigen Kindern misstraut, oder eine junge Frau, die Angst vor dem Schweigen hat.

Zwar sind die Geschichten nach den Anfangsbuchstaben ihrer eigensinnigen Motive geordnet, ein Lexikon im eigentlichen Sinne liegt freilich nicht vor. Der Titel des Buches weist vielmehr auf die Bandbreite der Ängste hin, derer sich Annette Pehnt literarisch angenähert hat. Sie lotet das alltägliche Unbehagen in all seinen Nuancen aus, von A bis Z, von der Existenz- bis zur Todesangst. Doch die Autorin ist weder an Diagnosen noch an Behandlungsmethoden interessiert. Die bizarr vertrauten Szenarien laden ihre Leser vielmehr dazu ein, sich einen eigenen Reim auf das Beschriebene zu machen. Dies können sie umso bereitwilliger, als die ineinander verwobenen Sätze sich zu lakonischen Bewusstseinsströmen entwickeln, deren fließender Bewegung man mit Leichtigkeit folgen kann.

Das alles macht Annette Pehnts feine Beobachtungen beklemmend und berührend zugleich. Weil jeder Mensch dieses irrationale Zittern in irgendeiner Form kennt. Vielleicht ist es deswegen auch nicht verwunderlich, dass ich auf der Suche nach ihrem Erzählband von der freundlichen Buchhändlerin in die Lebenshilfe-Abteilung geschickt wurde, nachdem ich in der Prosa-Ecke nicht fündig geworden bin. Da stand das „Lexikon der Angst“ dann auch, versehentlich eingereiht bei A wie Angststörung.

Annette Pehnt: „Lexikon der Angst“, Erzählungen, 176 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492056137, 17,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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