Henning Chadde
25. November 2013

Durchaus ver(w)irrend

Das Verhör: „Gegengift“ von Uns

Hysterie trifft Post-Core, trifft Elekronik, trifft Tanzwut, trifft Parolenwerk: „Gegengift“, Album-Cover

Holla bolla, die gehen gezielt an die Nerven! Das Berliner Trio Uns weiß definitiv, wie man nachhaltig abgedreht musikalisch kommentieren und provozieren kann. Kein Wunder, setzen sich Uns doch aus feinstem Indie-Adel und Mitgliedern von Kate Mosh, Petula und Shiva zusammen. Allesamt Bands, die stets aufgeweckt kritisch am Nabel der Musik- und Club-Zeiten zu kratzen wussten. Mit „Gegengift“ haben Uns nun nach dreijähriger Bandgeschichte und zahlreichen EP-Veröffentlichungen endlich ihr Debüt in Album-Länge herausgebracht. Und was sie sich auf diesem Album zusammengebraut haben, ist fürwahr ein durchgeknallter Kessel Buntes, der das Inhalts- und Sound-Prädikat „absolut eigen“ durchaus verdient hat. Wobei man im verschwurbelten Textgeiste des Sängers dieses „absolut eigen“ auch um einige Wortspiel-Ebenen erweitern könnte: „Absolut eigen, nicht artig / Hurra! / Macht unter’m Strich Quersumme: eigenartig – mit einem Arschritt / Klar!?“. Alles klar?

Nö? Na dann mal anders, zum Beispiel so, wie es der Pressetext anpreist. Da trifft eine „erbarmungslose Diskokrachmaschine“ auf einen „verzweifelten Irren aus der Dichterhölle“ und kreiert lupenreinen „NDW ohne 80er“, der obendrein „Air-, Mclusky- und Suicide-Stofftaschenträger“ gleichsam tanzen lässt. Die Attribute „arty“ und „aggro“ dürfen in diesem Zusammenhang durchaus trendbewusst in den Mund genommen werden, wobei sich jene deutlich auf Kosten von „aggro“ ins momentan in Indie-Elektro-Krach-Zeiten schwer angesagte „arty“ bewegen. Das durchgeknallte Textwerk, das schneidende Inhalte durchgängig quergeschossen mit dem neueren deutschen Elektro-Parolengeist kombiniert, und stets von scheinbar gegenläufigen Assoziazionspunkten unterbrochen wird, tut hier sein übriges und lässt die Zuhörer nicht selten komplett verwirrt mit der Frage zurück: „Was will uns der gute Herr dort am Mikro nur sagen?“ Zusammengenommen mit der Tatsache, dass die Texte in der gewagten bis mutigen Gesangsmenge von gelegentlicher Hardcore-Shouterei und dominierenden – beinahe schon an Klaus Nomi erinnernden – Höhenflügen dargeboten werden, entwerfen Uns auf „Gegengift“ ein musikalisches Katz-und-Maus-Spiel, das beinahe jegliche Erwartungshaltung lässig untertunnelt. Wobei positiv davon ausgegangen werden darf, dass sich Uns um Erwartungshaltungen ohnehin einen feuchten Kehricht kümmern und lieber voll frontal auf Rythmus-Keule und Konfrontation setzen. Wobei sie nicht selten dann doch mehr „state of the art“ klingen, als ihnen bewusst und lieb sein dürfte. Keine Frage, dass in diesem Zusammenhang Sven Väth bestimmt kein Freund von Uns ist.

Und so heißt denn auch technokritisch nachgeschoben, aber natürlich haltungspassgenau, ein Song auf „Gegengift“ eben „Sven Väth“. „Was macht der eigentlich heute?“, möchte man da fragen, obwohl es einen nicht die Bohne interessiert. Gut, dass Uns uns wieder an ihn und die Tatsache seiner gegenwärtigen Irrelevanz und Belanglosigkeit erinnert haben. Egal, vielleicht liegt Hannover auch einfach nur zu weit weg von Berlin. Klar aber auch, dass mit dieser kalkulierten Konnotation „Sven Väth“ bestimmt bald zum kleinen bis mittelgroßen Szene-Hit aller Zappel-Club-Hipster von Berlin bis Visselhövede mutieren dürfte. Das Uns aber auch anders können, beweisen sie mit dem wunderbar stompenden und nahezu schon gradlinigen „Owen Hart“, dem offen schwebend hektizierenden „Wenn man alles verliert“, das durchaus an eine musikalisch versierte Fehlfarben-Variante auf Augenhöhe mit der Jetztzeit denken lässt, und dem in dieselbe Kerbe schlagenden „Kapitän“, bei dem der Hochtongesang sich endlich einmal tatsächlich als durchgezogenes Alleinstellungsmerkmal hervortun darf. Und na klar, zur abschließenden Parolen-Wirksamkeit des Titelstücks „Gegegengift“ darf man dann durchaus auch mal niederknien: „Ihr habt das Gift / Wir haben das Gegengift / Wir haben den Klang, die Erlösung und das Gegengift“. Das geht doch. Wie auch der Bandname übrigens. Respekt Jungs! Und sonst so? Uns doch egal. Uns legen so oder so ihren kratzend-knarzenden Zeigefinger weiterhin in die vermeintlichen Trend-Wunden der Gegenwart.

Uns: „Gegengift“, CD, 10 Songs, 32 min., noisolution

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Kategorien: Musik

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