Susanne Viktoria Haupt
16. Dezember 2013

Nähe durch Distanz

Seitenansicht: „Liebes Leben“ von Alice Munro

Alice Munro beweist in ihrem letzten Kurzgeschichten-Band, dass sie die hohe Kunst des Erzählens fehlerfrei beherrscht, Buchcover von „Liebes Leben“

Erst in diesem Jahr hat die kanadische Schriftstellerin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten, und ihre Kurzgeschichten-Bände, die sich ohnehin stets durch eine hohe Qualität ausgezeichnet haben, wurden zum Must-Have in jedem gut sortierten Bücherregal. Und nun, gerade mal zwei Monate nach der Bekanntgabe des Preises, ist Munros neuester Erzählband „Liebes Leben“ auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Doch das Werk soll auch ihre letzte Kurzgeschichten-Sammlung sein, wie die Autorin betonte. Nach genauer Lektüre der 14 Geschichten kommt einem diese Entscheidung auch logisch vor. „Liebes Leben“ ist Munros autobiographischstes Werk, ohne Zweifel. Aber das Buch ist gleichzeitig auch eine Form der Friedensschließung, ganz ohne Selbstmitleid. Und neben all der persönlichen Noten bietet es auch erneut ein tiefes Eintauchen in die Welt von Munros Kurzgeschichten-Kunst.

In „Liebes Leben“ sind es wieder die Frauen, die unmittelbar im Zentrum stehen. So geht es beispielsweise um eine junge Frau, die in Kriegszeiten als Lehrerin in ein Sanatorium für an Tuberkulose erkrankte Kinder reist und dort ein Verhältnis mit einem Chirurgen beginnt. Was auf den ersten Blick nach Groschenroman klingt, ist in Wahrheit hohe Verdichtungskunst, die sehr nahe geht. Munro achtet auf die Sprache, wählt einzelne Wörter mit Bedacht aus, schafft Räume und Nähe und nicht zuletzt durch ihren kühlen Ton eine rege Anteilnahme des Lesers. Und so kommen sie alle daher, die Kurzgeschichten von Munro. Geprägt vom ärmlichen Kleinstadtleben in Kanada. Geprägt von den Wünschen der Protagonisten und den kleinen unüberwindbaren Hindernissen im Leben. Und sei es eine Hasenscharte, die den Betroffenen dazu brachte, für Akzeptanz zu stehen. Aber vor allem geht es Munro stets um das Wort und auch um all die Wörter, die Munro ihren Figuren nicht in den Mund legt. Denn bei diesen Passagen müssen die Leser selber fühlen statt Erklärungen zu erwarten.

In den vier letzten Geschichten ihres Bandes berichtet Alice Munro davon, wie es war, nahe der amerikanisch-kanadischen Grenze aufzuwachsen. Ihr teils schwieriges Verhältnis zu den Eltern beleuchtet sie mit viel Nachsicht. Die Prügelstrafe, die sie von ihrem Vater bezogen hat, kommentiert sie in „Liebes Leben“ als angemessen. Ihre Mutter, eine Frau aus eher ärmlichen Verhältnissen, hatte sich hochgearbeitet bis zu einer Lehrposition. Und Alice selbst wurde von nächtlichen Zwangsgedanken geplagt, die sie glauben machen wollten, dass sie ihre kleine Schwester umbringen möchte, die sie doch so abgöttisch liebt. Auch die frühe Parkinson-Erkrankung ihrer eigenen Mutter wird zum Thema. Dennoch wird die Nobelpreisträgerin in ihren Ausführungen nicht zu konkret, nie zu direkt oder indiskret. In Bezug auf die eigene Autobiographie hält sie ihre Leser auf Distanz. Nur, dass genau diese Distanz zur Verbindung zwischen Leser und Autorin wird.

Auch, wenn dies nun Munros letzter Kurgeschichten-Band sein sollte, so gibt es für diejenigen, die sich mit ihren Werken bisher noch gar nicht oder nur wenig auseinandergesetzt haben, vorläufig noch genügend Lesestoff. Der zuständige S. Fischer Verlag zumindest musste auf die gesteigerten Anfragen nach Munros Erzählungen drastisch reagieren. Es wurden nicht nur vermehrt Bände nachgedruckt, sondern auch ihr aktuelles Werk „Liebes Leben“ von Frühjahr 2014 auf Dezember 2013 vorgezogen. Das dürfte dann auch ein guter Tipp für Ratlose in der Vorweihnachtszeit sein.

Alice Munro: „Liebes Leben“, Erzählungen, 368 Seiten, S. Fischer, ISBN-13: 978-3100488329, 21,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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