Henning Chadde
23. Dezember 2013

Country war gestern – es lebe der Country…

Das Verhör: „Abgebrannt“ von Dieselknecht

Hahn drauf, Highspeed-Bluegrass drin: „Abgebrannt“ von Dieselknecht, Album-Cover

Yeehaw, das Country- und Bluegrass-Zentrum liegt mitnichten irgendwo im hintersten Amerika begraben, sondern blüht und gedeiht vielmehr mitten in unserem eigenen Lande, in Dortmund. Zumindest, wenn man den vier Mannen von Dieselknecht Glauben schenken mag. Setzen sich die Ingredienzien ihres musikalischen Schaffens doch aus Banjo, Gitarre, Akkordeon, Snare, Cajón, Bass, Dobro, Harp und jeder Menge Gesang zusammen. Letzterer nicht selten mehrstimmig, allerdings durchgängig mit deutschem Textwerk bestückt. Nachzuhören auf immerhin drei Alben – zuletzt und just am 20. Dezember erschienen auf ihrem aktuellen Werk „Abgebrannt“. Und fürwahr: Da rumpelt, sumpft und countryfolked es sympathisch tiefenentspannt und augenzwinkernd selbstbewusst vor sich hin, dass einem der imaginäre Stetson sogleich lässig tief ins Genick rutscht.

Erstaunlich, präsentieren Pa, Junior, Smelly XXL und Marcellus W. neben ihrem bisher bekanntem „Stampf“ aus Highspeed-Bluegrass, Mundorgel-, Arbeiter- und Widerstands-Liedern nunmehr forciert auch hintergründig sanfte Balladen und sarkastisch-humorvolle Detailbetrachtungen mitten aus dem Alltagsleben. Und empfehlen sich nicht nicht erst durch letzeren Umstand als astreine Geschichtenerzähler, die man sich ebenso gut am gemeinsamen Lagerfeuer vorstellen könnte. Schön mit Sonnenuntergang und fein geparkten Pferde-Wagons im Hintergrund. Auf dem Treck gen Westen beispielsweise. Oder Norden, Süden und Osten. Ganz gleich, solange diese Burschen einfach nur die aufmunternde Treck-Führung übernehmen. Und ja, in Zeiten, in denen doch tatsächlich immer noch Boss Hoss für das Party-Western-Herz der Nation gehalten werden, durchaus mutig. Weil absolut eigenständig und tatsächlich originär. Und originell. Klar, dass solch ausgewählter Eigensinn nicht auf die Charts abzielt, sondern eher die schweißgetränkte Polka-Stampede in den Clubs unseres Vertrauens sucht. Denn genau dort gehören Dieselknecht definitiv hin. Wissen sie doch: Hier liegen die wahren Herzen begraben. Diese zu erobern, dürfte den Herren mit Songs wie „Quatsch mich nicht voll“, „Die Ballade von G.G.Allen“, „Wir saßen in Johnnys Spelunke“ oder auch „Kolbenfresser-Blues“ und „Leicht versaut“ absolut nicht schwer fallen. Ist doch amtlich anzunehmen, dass die vier Dieselknechtler erst live und in Farbe so richtig in ihrem Element sind und zur saloonzerfetzenden Hochform auflaufen. Darauf hoch die Hüte. Und ein Flasche Whisky. Mindestens.

Dieselknecht: „Abgebrannt“, CD, 12 Songs, 37 min., AgrarBerlin

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Kategorien: Musik

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