Susanne Viktoria Haupt
6. Januar 2014

Unter den Wäldern von Portland

Seitenansicht: „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“ von Colin Meloy

Fantastische Story, geschmückt mit innovativen Illustrationen: „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“ von Colin Meloy, Buchcover

2014 hat begonnen und neue literarische Veröffentlichungen stehen bevor. Nichtsdestotrotz gibt es noch genügend herrliche lesenswerte Werke aus 2013. Zum Beispiel der Roman „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“ von Colin Meloy. Das Buch ist Ende November 2013 erschienen und eignete sich wunderbar als Weihnachtsgeschenk. Jedenfalls legte sich die Autorin dieser Zeilen den Roman selbst unter das grüne Nadelbäumchen. Einigen geneigten Lesern dürfte „Wildwood“ noch unbekannt sein, da es eigentlich ein Jugendbuch ist. Aber in Zeiten, in denen draußen alles noch etwas karg aussieht und nach all den Feiertagen der Alltagstrott wieder einkehrt, ist ein wenig literarische Fantasie genau das Richtige. Im Falle von „Wildwood“ ist der Begriff Jugendbuch auch nur grob zutreffend, und er sollte erwachsene Leser keineswegs abschrecken. Denn hinter Wildwood verbirgt sich nicht nur ein einzelnes Werk, sondern eine ganze faszinierende Saga. „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“ ist bereits der zweite Teil eines Wald-Zyklus von Colin Meloy, das Buch könnte aber ein weiterer Anreiz sein, sich vielleicht auch noch den ersten Teil, der schlicht und einfach „Wildwood“ heißt, zu Gemüte zu führen. Lohnen tut sich dies allemal, und so kann auch die Zeit bis zur Veröffentlichung des dritten Teils, der die Saga komplettieren soll, locker überbrückt werden.

In der Wildwood-Saga geht es um Prue, ein junges Mädchen, das im ersten Teil des Zyklus zusammen mit ihrem Freund Curtis ihren kleinen Bruder retten musste. Denn dieser wurde von schwarzen Krähen in den gefährlichen Wald Wildwood entführt, der die beiden angehenden Teenager in eine geheimnisvolle Welt mit allerhand Magie und Düsternis führte. Samt kleinem Bruder wieder zurück aus dem wilden Wald, sehnt sich Prue in ihrer beschaulichen und sicheren Welt in Portland aber nun gleich wieder nach neuen Abenteuern. Wer einmal den spannenden Kontrast zum idyllischen Kleinstadtleben erlebt hat, der möchte ihn eben nicht mehr missen. Während Prue innerlich vom Wildwood nicht losgelassen wird, lässt dieser sie ebenfalls nicht los. Denn auf einmal beginnt das Mädchen Stimmen zu hören, die von Pflanzen stammen. Dies ist aber noch nicht alles. Denn die gesamte Region leidet unter kalten Temperaturen und einer Nahrungsmittelknappheit. Und als wäre das alles nicht schon genug, müssen Prue und ihre Freunde auch noch feststellen, dass sie von einer Horde Meuchelmördern verfolgt werden. Dunkle Kräfte sind im magischen Wald zu Gange, die alles Bekannte zu ihren Gunsten verändern wollen. Prue muss sich also wieder auf den Weg machen, um mit aller Macht das zu retten, was ihr lieb und teuer ist: das mysteriöse Naturgebiet am Rande von Portland. Leider wird Wildwood aber auch noch vom Industriellen Joffrey Unthank bedroht, der seine Fabriken ausweiten möchte. Der wilde Wald steht ihm dabei gehörig im Weg und so sucht er nach Mitteln und Wegen, das gesamte Gebiet dem Erdboden gleich zu machen. Für Prue, Curtis und seine kleine Schwester beginnt ein scheinbar aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen. Und dieser führt sie nicht nur durch den Wald, sondern ebenfalls durch die geheime Unterwelt…

Wer bereits den ersten Band der „Wildwood“-Saga kennt, der wird ohnehin nichts anderes vorhaben, als auch den zweiten zu lesen. Allerdings kommt „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“ noch düsterer daher als Teil eins. Und er verfügt über noch skurrilere und undurchsichtigere Gestalten wie zum Beispiel Desdemona Mudrack, die in einem Waisenhaus als Empfangsdame arbeitet und nirgends deplatzierter erscheinen könnte. Der Fokus des Inhaltes liegt auch im zweiten Teil auf Freundschaft, Solidarität, Infragestellen von Machtverhältnissen und Mut. Dank des Industriellen Unthak kommt gar noch eine gehörige Portion Kapitalismuskritik hinzu, die den kleineren und größeren Lesern zeigt, wie wichtig es ist, mit seiner Umgebung und der Natur im Einklang zu leben.

Autor Colin Meloy kommt aus Montana und ist bekannt als Frontmann der Folkrock-Band The Decemberists, die in Portland verwurzelt ist. Die Illustratorin der „Wildwood“-Saga wiederum ist keine Geringere als die Dame, die auch schon die Alben seiner Band mit ihren Zeichnungen bestückt hat: Carson Ellis, Künstlerin und Ehefrau von Meloy. Beide bisherigen „Wildwood“-Bände wurden zu Beststellern der New York Times. Wer Lust hat, der sollte versuchen, die Originalausgaben der Bücher zu lesen, da die Originale aus dem Verlag Balzer + Bray sowohl bei der Aufmachung als auch bei der Wahl des Papiers einen zusätzlichen künstlerischen Wert haben, der vor allem für passionierte Buch-Liebhaber von Bedeutung sein dürfte. Die Leser der Originalausgaben können sich obendrein auch schon im Februar auf das Erscheinen des dritten und letzten Bandes freuen. Bis zum deutschen Release wird es hingegen noch einige Zeit dauern.

Colin Meloy: „Wildwood – Das Geheimnis unter dem Wald“, Roman, 592 Seiten, Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453267152, 17,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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