Susanne Viktoria Haupt
20. Januar 2014

White Trash und Aufstieg

Seitenansicht: „London NW“ von Zadie Smith

Von denen, die auszogen, um etwas zu erreichen: „London NW“ von Zadie Smith, Buchcover

London, Postcode NW. Nathalie, Leah, Felix und Nathan kommen alle aus dem Nordwesten der englischen Metropole. Zwischen von Hochhaussiedlung, Imbiss-Grill und Einwanderer-Klischee hat jeder der vier eigentlich versucht, das Beste aus sich zu machen. Und das Beste bedeutet in diesem Fall „Raus aus dem Herkunfts-Sumpf“. Nathalie hieß eigentlich Keisha, aber dieser Name hätte ihre dunkle Hautfarbe noch mehr unterstrichen. Deswegen änderte sie ihn, um ihr Jurastudium nicht nur zu absolvieren, sondern danach auch einen guten Job zu bekommen. Gleichzeitig findet sie den passenden Mann, Francesco de Angelis, Investmentbanker und das versehentliche Ergebnis einer heißen Liebesnacht zwischen einer wohlhabenden Mailänderin und einem karibischen Bahnwärter. Freundin Leah sorgt derweil dafür, dass staatliche Lotterie-Gelder sozialen Projekten zu Gute kommen und ist mit einem liebevollen Franzosen mit algerischen Wurzeln liiert, um den sie stets beneidet wird. Im Gegensatz zu Nathalie wohnt die Tochter irischer Arbeiter noch im alten Viertel, doch wünscht sie sich nichts sehnlicher, als es genauso wie ihre Jugendfreundin „da raus“ zu schaffen. Felix wiederum hat dank seiner neuen Freundin Grace die Drogensucht überwunden, Nathan hingegen steckt als Dealer noch in der Betäubungsmittel-Szene fest. Alle vier Protagonisten sind mittleweile Mitte 30. Manch einer wäre gerne schon viel weiter in seinem Leben gewesen und mancher, wie beispielsweise Nathalie, hat im Laufe der Zeit nicht nur den eigenen Namen abgelegt. Das Leben ist ein harter Kampf um Anerkennung und Aufstieg trotz schlechter Herkunftsvoraussetzungen. Fragt sich nur, ob all das „neue Leben“ langfristig auch wirklich glücklich machen kann.

Zadie Smith porträtiert in ihrem neuen Roman „London NW“ die verschiedenen Facetten Londons und seines Stadtteiles Kilburn und schildert die Wandlung der Protagonisten und die Spiegelung des Herkunftsviertels in deren neuem Leben. Smith, die selbst in London geboren wurde und im Alter von 14 Jahren ihren Namen von Sadie in Zadie änderte, geht es genau wie in ihren vorangegangenen Werken um Themen wie soziale Herkunft, Aufstieg, Bildungskampf und Millieu. Anders allerdings als in „Zähne zeigen“, „Der Autogrammhändler“ und „Von der Schönheit“ versucht die Autorin nicht mit Bildung und persönlichem Aufstieg aufzutrumpfen, sondern mit der Fähigkeit, kleine wortgeballte Mosaikteile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Das Gute daran ist: Egal, ob den Lesern die Schwerpunktverlagerung von Inhalt zu Stil zusagt – ein Uptempo-Roman über London geht eigentlich immer. So lange Drogen und Millieu-Problematik dabei sind und obendrein noch eine Aufsteigerin, die zudem noch völlig unzufrieden wirkt und sich auf virtuelle Sex-Date-Seiten flüchtet, funktioniert das für die Leser. Fraglich jedoch, ob Smith nach sieben Jahren, die seit ihrem letzten Roman vergangen sind, mit ihrem Kurswechsel auch auf literarisch anspruchsvoller Ebene bestehen und punkten kann. „Von der Schönheit“ brachte ihr schließlich 2005 berechtigterweise einen Platz auf der Short List des Man Booker Prize ein. Obgleich die Charaktere in „London NW“ blasser und herzloser erscheinen, steht Zadie Smith noch immer für eine junge, rebellische und qualitativ hochwertige Stimme der englischsprachigen Literatur. Diese Erkenntnis wird sich auch durch ein nur „befriedigendes“ Werk keineswegs so schnell ändern. Hoffen wir zumindest.

Zadie Smith: „London NW“, Roman, 432 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462045574, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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