Tanz am Abgrund, der Sonne entgegen
von Matthias Rohl Dienstag, 13. November 2007Kabarett als Schauspielkunst in Vollendung – Andreas Giebel gastiert endlich wieder im TAK und schwimmt “Im Sammelbecken der Leidenschaften”
Nie um einen Trinkspruch verlegen: Der Kabarettist Andreas Giebel
Befragt nach seinem Lebensmotto, gab Andreas Giebel der sichtlich verdutzten Sabine Sauer in einem TV-Interview einen ukrainischen Trinkspruch zum Besten: “Also lasst uns trinken auf unsere Särge, gezimmert aus hundert Eichen, die wir morgen pflanzen werden!” Dieser wunderbar “melankomische” Satz enthält im Kern bereits alles, was die Bühnenkunst des erratischen Urviechs vom Weißwurstäquator so unwiderstehlich und erfrischend zeitlos macht. Giebel zeigt uns in seinen schauspielerisch vollendeten, kabarettistischen Mikrokosmen, dass Poesie die Schwester der Erkenntnis und Humor der Bruder der Verzweiflung ist.
Allegorie und Aberwitz
Mit seinem Schaffen geht der vierfache Vater weit über die Kunstgattung Kabarett hinaus. Giebel, dieser feinsinnig-präzise Beobachter exotischer Welten zwischen Alltags-Allegorie und Aberwitz, seziert in seinen Programmen die Leichen im Keller eines Daseins, in dem der Münchner Viktualienmarkt zum Mutantenstadl der Mehr-Personen-Bühnenstücke dieser One-Man-Band gerinnt. In den bizarren Biographien dieses Typen-Panoptikums führt uns der 1958 geborene Ausnahmekünstler seine schelmisch augenzwinkernde Leidenschaft für Bernhardsche Antihelden vor Augen, die sich, ganz Untergeher, heillos in ihre Gespinste und Gestirne verstricken. Sie heißen “Puschkin”, “Placebo”, “Achter” oder “Elmar” – und Bier ist das Benzin des Lebensmotors dieser Stehtischtrinker und Hefeweizen-Hamlets. Sie ziehen uns unwiderstehlich in ihre Welt hinein, diese Typen, mit Sätzen wie: “Den Geschmack von dem Geruch hätt‘ ich gern, aber ohne was zum Essen” oder formulieren dadaistische Glaubensbekenntnisse: “Christentum wegen Schweinsbraten, Islam wegen der Weiber und Hinduismus wegen der Wiedergeburt – aber nicht als Wurm!” Famos!
Andreas Giebel als Grieche
Variationen auf Woyzeck
Ob “Alpenvirus” (1996), “Vom Heben gezeichnet – ein Sherpa packt aus” (2000), “Der Sonne entgegen” (2003) oder “Störtebeker” (1999), einer grandiosen Gemeinschaftsproduktion, in der Giebel im Duett mit dem kongenialen Georg Schramm alle Register des Schauspiel-Kabaretts zog – stets zeigt uns dieser Meister der brillanten Darstellung liebenswerten Versager mit der ausgeprägten Vorliebe für strauchelnde Randexistenzen, dass seine Programme im Grunde subtile Variationen auf Büchners Woyzeck sind: “Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man herabsieht.” Man staunt, genießt – und verlässt das Kabarett in dieser vibrierenden Mischung tiefster Heiterkeit und Melancholie.
Ein Lachen, das ein Denken ist
Wie kein anderer Großmeister der Kleinkunst führt uns Andreas Giebel den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy vor Augen. Im Dreieck von gewichtiger Bühnenpräsenz, schauspielerischem Nuancenreichtum und philosophischem Humor zeigt uns der Arztsohn und ehemalige Masseur und Hausmeister in immer neuen Häutungen die “Methode Giebel”: Seine Bühnenspiele zelebrieren einen Ernst zweiter Ordnung – sie zeigen uns, dass es ein Lachen gibt, das eigentlich ein Denken ist. Plastisch ziehen uns die lebensechten Figuren in ihren Bann. Es ist das Kabarett der Details – Sprache, Gesten, Mimik, Marotten, die abrupten Szenen- und Rollenwechsel. Eine kurze Drehung des barocken Körpers, eine leichte Modulation der Stimme, eine Nuance des Gesichtsausdrucks, und schon hat man einen völlig anderen Menschen vor sich! Unvergesslich, wie Giebel einst in einem seiner jüngeren Programme das Method-Acting-Genie Robert De Niro derart gekonnt parodierte, dass man für Sekunden den Eindruck gewann, “Bob” stünde leibhaftig vor uns. Größer war Kleinkunst nie! Doch das letzte Wort gehört dem Meister: “Vom Heben gezeichnet / Nicht grundlos verwegen / Tanzt Giebel am Abgrund / Der Sonne entgegen! / Viel Vergnügen!”
- Andreas Giebel – “Im Sammelbecken der Leidenschaften“
- Theater am Küchengarten, Am Küchengarten 3-5, 30449 Hannover
- Mittwoch, 14. November 2007, 20 Uhr
- Donnerstag, 15. November 2007, 20 Uhr
- Eintritt: 16 Euro
(Fotos: www.andreas-giebel.de)
Rubrik: Bühne
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