Henning Chadde
3. Februar 2014

Drei minus vier macht einen

Seitenansicht: „Wir Tiere“ von Justin Torres

Ungestüm, brutal, liebevoll und familiär zwanghaft verhaftet: „Wir Tiere“ von Justin Torres, Buchcover

Sie sing jung. Sie sind wild. Sie sind drei. Drei Brüder. Und wollen mehr. Sie wollen das Leben, ihre Träume, das Abenteuer, die Gefahr, Geborgenheit und Aufbruch. Sie wollen Weichheit und Härte. Sie wollen eine echte Familie sein – mit ihrem prügelnden Vater und ihrer beinahe ätherisch dahin vegitierenden Mutter, die sie liebt, die sie lieben. Die aber scheinbar vor der Last des Lebens und seinen zerstobenen Wünschen und Träumen und nicht zuletzt ihrem manchmal brutalen, zeitweise zärtlichen Mann ins innere Exil geflüchtet ist. Ohne teilhabend, ohne greifbar zu sein. Und doch gehören sie alle zusammen, sind eine Familie. Eine Familie, die nicht voneinander loskommt, die sich bedingt, immer wieder zerstört, im Endeffekt aber auf dem verlorenem Posten des sogenannten amerikanischen White Trash steht. Sich aber beschützt und Halt gibt, wo von der Grundkonstellation her eigentlich überhaupt keiner existieren dürfte.

Schnell und intensiv

Mit seinem Debüt-Roman „Wir Tiere“ hat der 1980 geborene amerikanische Schriftsteller Justin Torres eine vordergründig dem „Coming-Of-Age-Genre“ zuzuschreibende Familien-Saga hingelegt, die ihn bei ihrem Erscheinen auf dem englischsprachigen Markt 2011 seitens der Kritik sogleich zur vielversprechendsten Stimme der „young american novelists“ erhob. Vorschusslorbeeren, die selbst dem Autoren bis heute nicht ganz geheuer sind, und die im weltweiten Verlags- und Kritiker-Geschäft – gerade in Bezug auf junge amerikanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller – nicht selten überaus schnell vergeben werden. Und manchmal nur die Halbwertzeit einer einzigen Veröffentlichungs-Saison besitzen, bevor der Literatur-Zirkus weiterzieht und das nächste Aussage-Wunder hochjubelt. Indes, bei Justin Torres dürfte es ob des Inhaltes und der Form seines Debüt-Romans durchaus interessant sein, diese Halbwertzeit etwas länger zu beobachten. Schafft er es in „Wir Tiere“ doch, eine äußerst schnell geschnittene und intensiv vielschichtig erzählte Familien-Geschichte auf schlanken 169 Seiten zu erzählen. Und das in einer Sprache, die vor assoziativer Geschwindigkeit und pfeilschnellen Beobachtungen und Formulierungen nur so strotzt und von jeder Menge Gegen-Schnitten lebt, die einem den Atem stocken lassen. Einer Sprache, die nicht selten die Frage aufwirft, wann man solche Intensität zum letzten Mal gelesen hat. Und ob überhaupt schon einmal.

In 23 knappen Kapiteln erzählt Torres vom Erwachsenwerden und schließlichen Auseinanderdriften dreier Brüder vor dem Hintergrund einer äußerst fragilen Familien-Konstellation. Im Mittelpunkt stehen der namenlose Ich-Erzähler und seine zwei älteren Brüder Joel und Manny, die versuchen, ihr eigenes Leben und somit ihre selbstbestimmte Freiheit zu finden. Zusammen mit ihren jungen Eltern – der Vater ist Puerto-Ricaner, die Mutter Amerikanerin, beide bekamen den ersten Sohn, als sie selbst noch Teenager waren – lebt das Trio mehr schlecht als recht am Rande der Gesellschaft, sozusagen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums. Die Brüder versuchen, sich durchzuboxen, in der halbgaren Hoffnung auf eine halbwegs normale Kindheit und einen ebenso halbwegs gangbaren Weg ins Erwachsenwerden. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Liebe und der explosionsartigen Gewalt, die in ihrer Familie alltäglich ist. Sie bewundern den prügelnden Vater wegen seiner vermeintlichen „Stärken“ und verklären diese zumeist als Lehrstück für sich ins männlich Positive und somit letztlich erst in das für sie emotional Begreifliche. Wohingegen sie ihre Mutter in ihrer Schwäche und Lebensverzagtheit zwar abgöttisch lieben, sie aber ebenso wegen dieser verachten. Besser lernen zu verachten, denn zwar steht die Mutter für eine Art Ruhe-Hafen, den sich die Brüder wünschen, aber der Vater hinterlässt – nicht nur an den Körpern der Jungs – zunehmend deutlichere Spuren. Bis aus kleinen Männern schließlich junge, erwachsene Männer werden und der Ich-Erzähler aus dem vorgefertigten Lebens-Korsett auszubrechen beginnt. Er entdeckt die Literatur und Bildung für sich, sucht Herausforderungen, die seiner Familie bisher gänzlich fremd waren und entdeckt den wahren Kern seiner Sexualität. Ein Freiheitsstreben, das die gesamte Familie zur Explosion bringt, weil es Horizonte und Lebenswege eröffnet, die in ihrem Universum bisher schlichtweg nicht existierten.

Vom Übergang der Fiktion zum vermeintlichen Selbst

Wenngleich Justin Torres selbst zu seinem Roman bemerkte, keine dysfunktionale Familie in den Mittelpunkt von „Wir sind Tiere“ gestellt zu haben – und die Kritik zumeist grob fahrlässig das oberflächlich starke Band der Familie zwischen Ausbruch, Gewalt, Liebe und Sehnsucht als positiv verbindend verklärte -, darf doch dringend angenommen werden, dass Torres entgegen seiner Aussage genau auf diesen schmalen Grad zwischen kindlicher und familiärer Abhängigkeit und der daraus resulierenden zwanghaften Zugeneigtheit, sprich: Abhängigkeit, abgezielt hat. Eine Zugeneigtheit, welche die Brüder die partiell exzessive Gewalt des Vaters im Kontext seiner durchaus ernst gemeinten und gelebten Liebe für seine Söhne vollkommen verklären lässt. Eine Situation, in der sich auch die Mutter der Jungs wiederfindet, in der schweren Hoffnung, alles würde eines Tages gut. Eine Hoffnung, die sie aber innerlich längst resignieren lassen hat, und die sie bei jedem ihrer Ausbruchsversuche mit den Söhnen zu ihrem Mann zurückkehren lässt. Ist er doch schließlich eben jener: ihr Mann und der Vater ihrer Söhne. Und Söhne brauchen nun mal nicht irgendeinen, sondern „ihren“ Vater.

Zunehmend schmerzhafter wird „Wir Tiere“ schließlich in der zweiten Hälfte des Romans, denn hier lässt Torres durchaus autobiografische Assoziationen und Interpretationen zu. Nicht zuletzt die eindringliche Schilderung der aufbrechenden Neugier, Zerrissenheit und Scham des Ich-Erzählers und die Reaktion seiner Familie, die am Ende seines schmerzhaften Weges wenigstens einmal – und dann erneut an der emotional komplett falschen Stelle – zusammenzustehen scheint, bewegen zutiefst. Und widerlegen die These des Autors, keine dysfunktionale Familie beschreiben zu wollen. Diese Aussage mag aus persönlicher familiärer Befangenheit und Loyalität heraus durchaus verständlich sein. Vielmehr aber beschreibt Torres eine ebensolche mit all ihren Facetten, die allein durch das Gegensatzpaar „Gewalt und Liebe“ alle Beteiligten in eine auswegslose Abhängigkeit treibt, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Und die gerade deswegen einen Zusammenhalt gaukelt, den sich die Brüder und ihre Eltern so sehnlichst wünschen. Ein Zusammenhalt, der allein der vermeintlichen familiären und obendrein sozialen Auswegslosigkeit geschuldet ist. Und somit dem Untergang. Nicht zuletzt dieser autobiografische Ansatz macht zusammen mit dem Umstand, dass man „Wir Tiere“ als Leser just als geschriebenes Werk in den Händen hält, deutlich, welch einen Weg der Autor zu sich selbst – und zur Freiheit – anscheinend hinter sich gebracht hat. Einen Weg, der ihn im realen Leben nach einigen Umwegen dankenswerterweise zur Literatur führte. Und zu einer äußerst interessanten Erzählstimme werden ließ, die weit über die Masse der aktuellen, jungen Autoren-Generationen hinaus Bestand haben dürfte. Äußerst ergreifend. Emotional wie literarisch.

Justin Torres: „Wir Tiere“, Roman, 169 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN-13: 978-342104579-9, 16,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel