Jörg Smotlacha
17. Februar 2014

Der doppelte, doppelte Boden

Seitenansicht: „F“ von Daniel Kehlmann

Vielschichtig und voller Anspielungen: Daniel Kehlmanns beweist mit „F“, dass deutschsprachige Literatur große Kunst sein kann, Buchcover

Es muss nicht leichtgefallen sein, den Erwartungen gerecht zu werden, auch für einen Daniel Kehlmann nicht. Acht Jahre nach seinem Welterfolg „Die Vermessung der Welt“ und immerhin vier nach seinem virtous verschachtelten Roman in neun Geschichten „Ruhm“ musste „F“, das neueste Werk des wohl renommiertesten deutschen Schriftstellers der jüngeren Generation, sich des so neugierigen wie kritischen Blickes gewahr sein, den die deutsche Medien-Öffentlichkeit auf es werfen würde. Und eines sei vorweggenommen: Obwohl Teile des Feuilletons scharf mit dem Buch ins Gericht gingen und ein Rezensent auf Spiegel Online nach endlosen Wortspielen mit dem titelgebenden Buchstaben „F“ am Ende für „Firlefanz“ befand, ist jede der 384 Seiten des Werkes äußerst lesenswert.

Aber zum Inhalt: Martin Friedland ist ein Priester, der nicht glaubt, dafür aber davon träumt, an Meisterschaften mit dem Rubik’s Cube teilnehmen zu dürfen, übergewichtig, aber gutmütig. Sein Dasein als Pfarrer gerät ihm mehr und mehr zur Qual. Als sein Bruder Eric ihn in sein Büro einlädt, weil er angeblich ein existenzielles Problem hat, folgt ein belangloses Zusammentreffen, bei dem Eric ständig mit dem Handy herumspielt. In Wahrheit ist der Finanzberater hochverschuldet, von unheimlichen Visionen geplagt und steht mit einem Bein im Knast, weil er seine besten Kunden betrogen hat. Dessen Zwillingsbruder Iwan wiederum hat ein ganz anderes Problem: Er ist verkannter Künstler und erfolgloser Kunstkritiker zugleich, bis ihm der Clou gelingt, die Werke des Malers Eulenböck mit den Mitteln der Kunstkritik zu großen Erfolgen zu machen, obwohl diese noch gar nicht existieren, woraufhin er sie in Absprache mit Eulenböck fälschen muss…

Natürlich: Kehlmann wäre nicht Kehlmann, wenn er einfach nur eine Geschichte zu erzählen hätte. Er erzählt die Story der drei so ungleichen wie doch verwandten Brüder – zwei sind immerhin Zwillinge, die sich zum Verwechseln ähnlich sind – in drei voneinander getrennten, kunstvoll miteinander verknüpften Kapiteln, lässt die Dinge dadurch plötzlich in einem jeweils gänzlich neuen Licht erscheinen und spielt geschickt mit den Erwartungen seiner Leserinnen und Leser. Den äußeren Rahmen gibt das Schicksal des Vaters der drei Brüder, Arthur Friedland, der zu Beginn des Romans mit seinen Jungs eine Show eines Hypnotiseurs besucht und dabei fürchterlich gedemütigt wird. Woraufhin er seine Familie verlässt, um fortan Bücher zu schreiben, unter anderem „Familie“ und „Mein Name sei Niemand“, ein Werk, das zu einer unerklärlichen Selbstmordwelle führt. Schließlich taucht Arthur nur noch am Rande auf, trifft seine Söhne, die allesamt mit Lebenslügen und Heuchlereien zu kämpfen haben, hier und da nur flüchtig und taucht wieder ab.

Das alles ist große Kunst, weil doppelbödig, vielschichtig und voller Anspielungen. „F“ könnte in seiner Verlorenheit Kafkas „K“ sein und erinnert in seiner verwackelten Darstellung auf dem Buchcover an den deutschen Expressionismus der 1920er-Jahre, an die auch die – gleichwohl in der Gegenwart spielende – Hypnotiseurs-Szene erinnert. „Mein Name sei Niemand“ bezieht sich natürlich auf Max Frisch, doch die dargelegten Bezüge des Romans im Roman, dessen Haupt-Protagonist – wie nicht anders zu erwarten war – „F“ heißt, reichen von Paulo Coelho bis Jean-Paul Sartre. Zudem gibt es unter anderem Referenzen an Jonathan Franzen, David Foster Wallace und Orson Welles. Und das Kapitel „Familie“, welches als doppelte Spiegelung wiederum aus der Feder Arthur Friedlands stammt, ist eine eindeutige Hommage an Jonathan Safran Froers „Alles ist erleuchtet“. Und ganz nebenbei ist Kehlmann dann auch mal eben ein großer Gesellschaftsroman zur Finanzkrise und den Abgründen des neoliberalen Zeitalters gelungen. Ein großer Spaß also! Vorausgesetzt man mag Literatur, die spielfreudig ist. „F“ jedenfalls gewinnt langsam, ganz langsam mit jeder Seite mehr an Rasanz und Dichte.

Daniel Kehlmann: „F“, Roman, 384 Seiten, Rowohlt, ISBN-13: 978-3498035440, 22,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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