Jörg Smotlacha
3. März 2014

Fieberkrank und jenseits

Seitenansicht: „Drosseln begraben“ von Sergio Pitol

Warum Literatur so großartig sein kann: Sergio Pitol, „Drosseln begraben“, Buchcover

Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Octavio Paz, Jorge Luis Borges, jüngst Roberto Bolaño und natürlich vor allem immer wieder Gabriel García Márquez – die lateinamerikanische Literatur ist voll von Schriftstellern, die nicht nur in ihrem Dunstkreis für Furore gesorgt haben, sondern weltweit Spuren hinterlassen haben. Es gibt aber immer noch einen Fundus an Literaten, die in Europa wenig bis gar nicht bekannt sein dürften. Nicht mehr ganz druckfrisch, aber unbedingt eine Erwähnung wert ist daher der 2013 veröffentlichte Erzählband „Drosseln begraben“ des mexikanischen Schriftstellers Sergio Pitol, der im spanischen Original immerhin bereits 2005 veröffentlicht wurde.

In ihm enwirft Pitol ein Panoptikum äußerst skurriler, zwischen 1957 und 1980 entstandener Kurzgeschichten, die herrlich abwegig sind, allesamt tragische Helden haben, in Mexiko, Rom, Paris, Warschau, Barcelona und Bristol entstanden sind, einen ganzen Kanon zwischen Erzählkunst, Tragik und dem Leben an sich aufreißen und vor allem eines belegen: das Literatur immer noch äußerst entdeckenswert ist.

In Pitols Erzählkosmos gibt es den Sohn eines perversen und gewalttätigen Großgrundbesitzers, der das Erbe seines Vaters antreten soll und deswegen Arbeiter auspeitschen, Frauen vergewaltigen und Konkurrenten töten muss. Am Ende der Kurzgeschichte, die so böse dräuend wie unglaublich ist, erfahren wir Leser, dass er bereits als Kind gestorben ist. Außerdem begegnen wir unter anderem einem fieberkranken Protagonisten im eiskalten Warschau, der sich von einer mysteriösen Frau durch die Stadt schleifen lässt und schließlich, nach allerlei Schrecken, im Schnee verendet, und einem Schriftsteller der sich mit seinen alten Notizen beschäftigt, dann einen Essay liest, ins Kino geht, und plötzlich in die Geschichte eines Liebespärchens und eines deutschen Matrosen ukrainischer Herkunft verwickelt wird, die ihn über Obsession und Inspiration in der Literatur sinnieren lässt.

Das Beste an Pitols Erzählungen aus drei Jahrzehnten ist, dass man förmlich spürt, wie der Autor literarische Formen immer wieder neu ausprobiert und sie bis ans Äußerste führt. Das Ergebnis ist so dunkel, melancholisch und zugleich fast musikalisch, wie eine gute Komposition, so dass man nicht aufhören mag, Pitol zu lesen. Zum Glück hat der Wagenbach-Verlag neben „Drosseln begraben“ auch noch die Romane „Defilee der Liebe“, „Eheleben“ und „Die göttliche Schnepfe“ im Angebot – Werke, die irgendwie zwischen Gesellschaftsroman, Liebesdrama, Krimi und wahnwitziger Satire schwanken und die Erzählkunst dieses außergewöhnlichen Autors ausmachen. Unbedingt empfehlenswert.

Sergio Pitol, „Drosseln begraben“, Erzählungen, 156 Seiten, Wagenbach, ISBN-13: 978-3803132499, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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