Henning Chadde
17. März 2014

Knüppeldick im Alltags-Dschungel

Seitenansicht: „Herr Weber auf Safari“ von Andreas Weber

Literarisches Fährtensuchen: Andreas Webers „Herr Weber auf Safari“, Buchcover

Herr Weber ist ein ziemlich umtriebiger Typ mit einer feinen Beobachtungsgabe und skurillen Ausdrucksarten. Nicht nur jener Herr Weber, der als titelgebender Protagonist in Andreas Webers im Unsichtbar Verlag erschienenem Kurzgeschichten-Band „Herr Weber auf Safari“ umherstreunert, sondern gleichsam auch der Verfasser der Stories in realitas. Andreas Weber, Jahrgang 1971, und seit Urzeiten in München beheimatet, ist als Autor und Veranstalter in der deutschsprachigen Poetry Slam- und Lesebühnen-Szene seit vielen Jahren äußerst nachhaltig aktiv. Er organisiert die Wortbühne „TatWort“ im Kulturzentrum cuba in Münster, den Poetry Slam im Alten Schlachthof Soest und die Spoken Word Reihe in der Lagerhalle Osnabrück. Obendrein ist er Mitglied der monatlichen Lesebühne „(Die2)drei“ und der Slam Show „Glam Poetry“ sowie emsiger Herausgeber des kostenlosen Off-Literatur-Magazins „Zettelwirtschaft“. Außerdem Gewinner zahlreicher und nicht selten äußerst namhafter Poetry Slams, wie beispielsweise des größten regelmäßigen Slams im europäischen Raum, dem Hamburger Bunker Slam, sowie mehrfacher Sieger des WDR Poetry Slams. Da kann man sich schon fragen, wann Weber auch noch die Zeit findet, als ernstzunehmender Autor seine Texte in Buchform unter das Lese-Volk zu bringen. Aber auch die findet er. Nachdem 2008 sein Kurzgeschichten-Debüt „Rotes Sofa inklusive Taxigeschichten“ im Paderborner Lektora-Verlag erschien, legte er 2012 im Unsichtbar Verlag mit dem selbsternannten westfälischen Groschenroman „Randale“ nach, nur um just Ende 2013 in ebenjenem Verlag auch noch seine neue Kurzgeschichten-Sammlung „Herr Weber auf Safari“ nachzuschieben.

Wer nun aber denkt, dem Titel nach handele es sich dabei um ein astreines Dschungel-Tagebuch mit Extrem-Erlebnissen von den äußeren Rändern der Welt, garniert mit jeder Menge brandgefährlichem exotischem Vieh-Volk, der hat sich gründlich geschnitten. Denn wenn Herr Weber auf Safari geht, ist es noch viel gefährlicher. Haut er doch mit Vorliebe seine Beobachtungs-Machete kreuz und quer durch das verworrene Gestrüpp eines alltäglichen Gegenwart-Dschungels, der zu den gefährlichsten Biotopen der Erde zählt: die westfälische Gegenwart. Webers ganz eigene Gegenwart – und auch Vergangenheit. Und verdammt, dort trifft er auf wildgewordene Lebensformen, die einem wirklich das Blut aussaugen und bisweilen weitaus gefährlicher und bissiger sind als ein prähistorischer Säbelzahn-Tiger. Seine Mutter zum Beispiel. Immer wieder sieht sich der mittlerweile erwachsen gewordene Heißsporn unter anderem bei Familienfesten mit Vorwürfen konfrontiert, die ihn auf die früheste Kindheitsstufe zurückkatapultieren und fassungslos zugeneigt das mittellange Haupthaar schütteln lassen. „Ach Mutter“, pflegt er dann in der Regel zu sagen und weiß mit äußerst feinzüngiger Beobachtungsgabe jedweder Konfrontation den aufziehenden Sturm aus den Segeln zu nehmen. Fürwahr, ist er doch schon ein richtig großer Junge. Aber eben als Schriftsteller dieser anzunehmend teil-autobiografischen Geschichten auch ein überaus wissender. Und somit weiß Herr Weber auch, das Mutter eigentlich gar nicht so falsch liegt, pflegt er doch im Privaten ein vielfältiges Laissez-faire-Leben, das sich der allgemeinen Normspur niemals anpassen lassen wird.

Immer wieder unterbricht Andreas Weber die regelmäßig wiederkehrenden „muttergeschichtlichen“ Ausflüge und Erlebnis-Anekdoten schlau mit konterkarierenden Geschichten aus seinem ganz privaten Entwicklungs-Horizont. Und hier kann es schon einmal vorkommen, dass sich der ach so erwachsen fühlende Herr Weber urplötzlich als engagiert angehender Hobby-Bastel-Freak und Lötkolben-Fan entpuppt. Oder sich gar als großer Bühnen-Autor urplötzlich auf trinkgelagigen Dorf-Festen verheizt sieht, die so gar nichts mit seinem Selbstbild als erfolgreicher Schriftsteller zu tun haben. Such is life. Und hart ist es. Und im übertragenen Sinne eben nicht nur das westfälische.

Das Besondere an den sage und schreibe 131 versammelten Kurz- und Kürzest-Geschichten in „Herr Weber geht auf Safari“ ist die absolute Gelassenheit, mit welcher der Autor seine Storys erzählt. Und die augenzwinkernde Zugeneigtheit zu allen seinen Protagonisten, nicht zuletzt zu sich selbst. Denn häufig genug ist er selbst das unausweichliche Ziel seiner eigenen poetischen Beobachtungsgabe. Und die weiß durchweg zielgenau Details aufs Korn zu nehmen und abzubilden, die den Leser ums ein oder andere kopfschüttelnd staunen lassen. Und tatsächlich nicht selten passgenau mitten im eigenen Erleben landen. Westfalen ist eben überall. In diesem Sinne: Chapeau, Herr Weber – so vielseitig kann Safari sein! Gerne mehr davon.

Andreas Weber, „Herr Weber auf Safari“, Kurzgeschichten, Taschenbuch, 160 Seiten, Unsichtbar Verlag, ISBN: 978-3-942920-28-5, 9,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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