Henning Chadde
24. März 2014

Angry young men

Das Verhör: „No“ von xBomb Factory

Rough, wütend und rückwärtsgewandt nach vorn: xBomb Factorys „No“, Album-Cover

In Großbritannien gibt es einen Ort Namens Warboys, verortet in der Grafschaft Cambridgeshire. Wer es noch etwas genauer wissen will: Ja, das ist absolutes englisches Niemandsland, tiefste Provinz hoch zehn – plus Ende Gelände im Quadrat. Naja, vielleicht nicht ganz, hat das wenigstens dem Namen nach kämpferische Städtchen doch immerhin eine astreine Städtepartnerschaft mit dem Kreis Viersen aufzuweisen. Da geht was, möchte man denken. Schüleraustausch, zum Beispiel. Während sich echte Großstadt-Kids beispielsweise bei englischen Gastfamilien in London vergnügen dürfen, finden sich die Viersener Austausch-Stöpsel hingegen in Warboys wieder, während dessen Jungspundinnen und Jungspunde sich wiederum in Viersen die Fingernägel blankkauen dürfen. Klingt frustrierend? Das ist es aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Tja, und was machen geneigte Kreativlinge in solchen Fällen, wenn sie des ziellosen Rumhängens müde sind? Richtig, sie gründen eine Band. In Warboys wie vermutlich auch in Viersen.

So geschehen bei xBomb Factory, die dem Namen ihres Heimatörtchens Warboys in offensichtlicher Angepisstheit und Roughness alle Ehre machen wollen. Gehen sie auf ihrem im April bei Noisolution erscheinendem Debüt-Album „No“ doch mit einer drängenden Aussage-Stringenz und rotzigen Gradlinigkeit zu Werke, die den geneigten Hörer – so er denn bereits die Vierzig überschritten hat – deutlich an die Anfangstage von Post-Punk und Wave Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger erinnern. Richtig, das war die Zeit, als Post-Punk und Wave noch nicht durch die Charts auf Hochglanz poliert wurden und in der Folge Top Of The Pops toppten. xBomb Factory gehen eher so in Richtung The Fall. Und erinnern durch den bellenden Sprechgesang tatsächlich an Mark E. Smith. Sie sind mehr Gang Of Four, denn heutige Editors, Franz Ferdinand und Konsorten – aber dennoch bei aller vermeintlichen Rückwärtsgewandheit eine ganze Menge moderne Art Brut, gepaart mit der Stinkefinger-Haltung und dem Dräufgängertum von McClusky. Gott hab Letztere seelig. Das ist einfach geradeaus, schnörkellos, ruppig-wavig und das ist wie gesagt ziemlich angepisst.

xBomb Factory hört man den Frust geradezu an, denn sie machen aus ihm keinen Hehl, sondern stellen ihn kurzerhand in den programatischen Mittelpunkt ihrer Musik und Aussage. Und die ist definitiv eher der Working Class, denn dem hippen Kunststudententum und Neo-Clubster-Wave-Style dieser Tage zuzuordnen. xBomb Factory zielen erst gar nicht auf die Charts, sie zielen auf den aufrüttelnden Schuss mitten ins Herz ihrer Zuhörer – und in ihre Hirne. Und das tut bisweilen durchaus weh. Und kratzt gehörig an den Nerven. Aber wie sagt man doch so schön, „ein bisschen Schmerz macht es erst so richtig gut“? Well, wer das musikalisch betrachtet unterschreiben kann, der greife bitte zu. Den jüngeren Semestern sei gesagt: „Ihr auch, bitteschön!“ So versteht man vielleicht seine großen Geschwister etwas besser. Oder eventuell sogar die Eltern. Aber immer dran denken: mehrmals hören hilft! Kleine Anspielhilfe: „Tapes“, das sphärisch-anklagende „We Spend The Money We Make“, das großartige „God Loves Us And He Hates You“, der explosive Zappel-Breaker „Plastic Bag Flag“ und das beiahe schon gradlinig rockende „Idiot Box“. Viel Vergnügen!

xBomb Factory: „No“, CD, 12 Songs, 31 min., Noisolution

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Kategorien: Musik

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