Susanne Viktoria Haupt
7. April 2014

Die Abwärtsspirale in der Traumfabrik

Seitenansicht: „Straight White Male“ von John Niven

Ein Niven, wie er im Buche steht: „Straight White Male“, Buchcover

Eigentlich ist es gemein, dass ich erst jetzt über das neue Buch von John Niven schreibe. Denn erst vor wenigen Tagen war der Schotte mit seinem neuen Werk gemeinsam mit dem ehemaligen Frontmann von Muff Potter, „Nagel“, auf großer Lesetour durch Deutschland und hat natürlich auch in Hannover halt gemacht. Mea culpa. Dennoch ist „Straight White Male“ unbedingt ein Buch, über das man schreiben sollte. Hier sei ein kleiner Blick zurück gestattet: Niven ist mir mit seinem Erstling „Kill Your Friends“ auf einem üppig bestückten Büchertisch aufgefallen. Das war irgendwann Ende 2008 und vornehmlich kaufte ich das Buch nur wegen seines Titels. Später jedoch war ich dem John Niven-Fieber verfallen und habe seitdem aber auch wirklich jedes seiner Werke verschlungen. Angefangen bei „Kill Your Friends“ über „Coma“, den blasphemischen Knaller „Gott bewahre“, „Das Gebot der Rache“ bis hin zu seinem erst später in deutscher Sprache erschienendes, eigentliches Erstwerk „Music from Big Pink“. „Straight Whitle Male“ verweilte daher nach seinem Erscheinen ganz oben auf meiner Lese-Liste und meine Erwartungen waren natürlich hoch: schonungslos, stark sarkastisch, schwarzhumorig, pointiert und locker zu lesen. Und siehe da: Niven hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern in Sachen literarische Gesellschaftssatire vielleicht auch für sich selbst noch einmal ganz neue Maßstäbe gesetzt.

„Straight White Male“ handelt von Schriftsteller Kennedy Marr, 44 Jahre alt, Ire und nach einigen sehr erfolgreichen Romanen mittlerweile Drehbuch-Autor in Hollywood. Das könnte alles sehr traumhaft sein, wenn es sich nicht um eine von Niven entwickelte Figur handeln würde. Denn genau wie viele seiner Vorgänger in anderen Romanen hat auch Kennedy Marr einen sehr ausschweifenden Lebensstil mit viel Luxus und genauso viel Genussmittel-Konsum. Das Drehbuchschreiben ist wichtig, weil es ihm sein Leben finanzieren muss. Doch Marr ist auch in punkto körperlicher Gewalt ausschweifend und ungehalten. Er hat ein paar Mal zu oft zugeschlagen – schon hat er nur noch die Wahl zwischen Knast oder Couch. Marr entscheidet sich für die Therapie, auch wenn die ihn sichtlich nervt. Allerdings ist der nun nötige Besuch beim Psychiater nicht die einzige Baustelle in seinem Leben. Mit der Arbeit kommt er auch schon einige Zeit nicht mehr richtig hinterher und so sitzt Marr auf einem Haufen Drehbücher, die auf Vollendung warten. Hinzu kommt, dass auch die Steuerbehörde die Hand offen hält. Ein korrekter Umgang mit Steuerforderungen zählt nämlich auch nicht zu Marrs großen Talenten. Dabei ist es doch gerade für ihn so wichtig, viel Geld zu haben – als Ausgleich für jeden Funken Armut in der Vergangenheit. Hilfe eilt aus Europa. Wenn er ein Jahr an der Uni in Warwickshire unterrichten würde – und dort in der Nähe seiner 16-jährigen Tochter wäre – würde er einen mit einer dreiviertel Million Dollar dotierten Preis bekommen. Doch es gibt so einige Dinge, auf die Marr einen ausgereiften und ungesunden Hass hat – und akademische Einrichtungen sowie ihre Zöglinge gehören definitiv dazu. Dennoch bleibt dem verschuldeten Lebemann nichts anderes übrig, als die lange Reise nach England anzutreten und sich dort seiner geballten Abneigung zu stellen…

Wer John Niven kennt, weiß, dass die Geschichte von Kennedy Marr nur im Chaos und gleichzeitig mit großen Lachanfällen enden wird. Der Autor schenkt uns mit „Straight White Male“ einen bitterbösen Roman, der unbedingt lesenswert ist. Wenn Ihr also in den nächsten Wochen Menschen im Bus, in der Bahn, auf Frühlingswiesen oder auch auf Bänken sitzend im Park böse lachend über einem Buch hängend seht, dann muss es sich höchstwahrscheinlich um den neuen Niven handeln.

John Niven: „Straight White Male“, Roman, 384 Seiten, Heyne, ISBN-13: 978-3453268487, 16,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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