Henning Chadde
14. April 2014

Vollbrett? So what?

Das Verhör: „Gettin‘ Dizzy“ von Coogans Bluff

Sexy Soul-Rock mit ordentlich Gebläse im Arsch: Coogans Bluff „Gettin‘ Dizzy“, Album-Cover

Das nennt man mal selbstbewusste Veränderung: Gestartet sind Coogans Bluff vor vier Alben noch knietief im Stoner Rock stehend, das Gaspedal bis zum Bodenblech durchgedrückt in Richtung dreckiges Vollphone-Riffing, schwerer Grooves und pychedelischer On-The-Road-Trips bis zum Horizont. Auf ihrem neuen Album „Gettin‘ Dizzy“ haben sie aber nunmehr die sich bereits auf ihrem dritten Longplayer „Poncho Express“ aus dem Jahre 2012 ankündigende Stilerweiterung zur vollen Blüte getrieben, besser gesagt zu einem formvollendeten Abschluss gebracht. Der mag zwar so manchen Riff-Adepten aus den alten Tagen abschrecken, dürfte aber gleichwohl für etliche Neuzugänge an der Fan-Basis sorgen, die sich auf Höhe der heutigen Retro-Club-Zeit sehen lassen können. Haben Coogans Bluff ihren Sound doch deutlich „erleichtert“ und frönen nun vielmehr ihrer eigentlichen Liebe für den psychedelischen Rock der späten Sechziger und beginnenden Siebziger. Wobei sie diesen mit einer Stil-Vielfalt anzureichern wissen, die durchaus Staunen macht. Und eben deutlich Respekt vor dem Mut zollt, sich solch einer gravierenden Grunderneuerung auszusetzen. Funk- und Soul-Elemente haben im Rock nix zu suchen? Bei Coogans Bluff schon. Bläsersätze, die die Gitarrenwände komplettieren auch nicht? Klar, denn das funktioniert. Chöre, Mellotron, folkige und krautige Ausflüge sind Hippie-Driss? Kann schon sein, aber eben nur bedingt. Denn es kommt deutlich darauf an, mit welcher Neugierde und musikalischen Finesse man all diese Elemente kombiniert und selbstbewusst zu einem neuen Ganzen formt.

Und gerade hier legt „Gettin‘ Dizzy“ eine beeindruckende Bandbreite an den Tag, die definitiv auch gestandene Alt-Rocker mitreißen dürfte. Klar könnte man ob der genannten Zutaten jetzt vermuten, dass Coogans Bluff einfach nur auf das momentan angesagte Sechziger- und Siebziger-Jahre-Rock-Retro-Revival aufspringen wollen. Das trifft es aber nur bedingt. Schaut bei den Rostockern doch vielmehr Captain Beefheart als Anleihe durch statt Led Zeppelin und Konsorten, und das Ganze erinnert bisweilen gar an die seligen schwedischen Überrocker Union Carbide Produktion – wohlgemerkt in ihrer Endphase – und würde sich auch in einem Tarantino-Streifen soundtechnisch astrein machen. Heißt: auf „Gettin‘ Dizzy“ flirrt und sirrt musikalisch vielmehr die Unruhe und urbane Hektik einer schwülen Seventies-Sommernacht in New York denn die sengende Stoner-Wüsten-Sonne über dem Death Valley. Und so machen Coogans Bluff schließlich auch passgenau ihrem Namens-Vorbild alle Ehre, haben sie eben jenen doch dem gleichnamigen Don Siegel-Film mit Clint Eastwood aus dem Jahre 1968 entliehen. Chapeau, Jungs! Wenngleich der Verfasser dieser Zeilen eben doch auch Euer straight derbe abrockendes Frühwerk mit Songs wie „Marshall Law“ oder „I Believe“ abzunicken weiß. Anspiel-Tipps: der hektisch arschtretende Titel-Stomper „Gettin‘ Dizzy“, das sexy und dreckig groovende „Her Tears“, der wunderbar soundtrackreife Instrumental-Jam „Ellen James Society“, das folgende Bläser-Soul-Monster „Too Late“ und der tanzwütige Arschwackel-Club-Rocker „Money & Mess“.

Coogans Bluff: „Gettin‘ Dizzy“, CD, 9 Songs, 41 min., Noisolution

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Kategorien: Musik

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