Susanne Viktoria Haupt
22. April 2014

Böse Großstadt

Seitenansicht: „Diskobushaltestellenhierarchie“ von Erik Brandt-Höge

Ein Titel, der ein wenig nach Gymnasial-Lyrik klingt: „Discobushaltestellenhierarchie“ von Erik Brandt-Höge, Buchcover

Letzten September fuhr ich im Auto durch Berlin, als auf Radio Fritz Bosses neue Single „Es war die schönste Zeit“ beworben wurde. Der Refrain ging folgendermaßen: „Das war die schönste Zeit, weil alles dort begann. Und Berlin war wie New York, ein meilenweit entfernter Ort. Und Deine Tränen waren Kajal, an dem Tag als Kurt Cobain starb, lagst Du in meinen Armen, das war die schönste Zeit, weil alles dort begann“. Ohne hier eingefleischten Bosse-Fans auf den Schlips treten zu wollen: Der Text in Verbindung mit der flach-melancholischen Jammerstimme von Bosse bewegte mich dazu, in Nullkommanix den Sender zu wechseln. Schön fand ich das nicht. Nun begegnete ich Bosse wieder, denn ein lobpreisendes Statement über Erik Brandt-Höges Debüt-Roman „Diskobushaltestellenhierarchie“ wurde auf die Rückseite der neuerschienenen Taschenbuch-Ausgabe gedruckt. Und irgendwie passt beides für mich gut zusammen.

Von Lüttstedt nach Berlin

Es geht um Hannes Bloom. Hannes ist gerade aus der Oberstufe gepurzelt und mittelmäßig voll mit Visionen und Plänen. Er will weg aus Lüttstedt, einem kleinen Dorf ganz hoch im Norden. Da ist nix, Hannes mag auch keine Scheunen-Partys und er ist auch ein Niemand hier. Was bleibt, ist Berlin als absoluter Kontrast, also macht sich Hannes auf den Weg in die Hauptstadt. Dort ist alles so viel anders. Die Mieten am Boxi sind noch super günstig. 250 Euro warm für eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Auf den Klingelschildern stehen natürlich nur punkige Spitznamen, und die Vormieterin seiner neuen Wohnung ist in seinen Augen eine absolute Hippie-Braut mit schweren nudistischen Störungen. Doch so schön solche Klischees überzeichnet sein könnten, so platt und unspektakulär werden sie von Autor Brandt-Höge transportiert. Und sein Berlin ist ein bisschen retro, denn es gibt sogar noch Diplom-Studiengänge.

Aber damit nicht genug. Denn Hannes, der gerade seinen Zivildienst in einem Kindergarten absolviert, fährt an den Wochenenden wieder heim. Anlässlich seines 20. Geburtstags wird eine opulente, und dennoch von ihm gehasste Scheunen-Party gegeben. Dort lernt er Leenke kennen, sie trägt blaue Jeans und ein schwarzes Polo-T-Shirt und hat riesige Brüste. Leenke will in Kiel studieren, aber auf dem Dorf wohnen bleiben. Sie liebt das Land, doch Hannes und Leenke kommen zusammen, und natürlich ist Berlin Sodom und Gomorra für sie – ein Pool für Drogen, Prostitution und Verderben. Und so nölt Leenke bei jedem Telefonat herum, wenn Hannes mal wieder feiern war. Sie möchte ihn doch so dringend wieder nahe dem Deich bei sich haben. Nachdem Hannes sich von Leenke getrennt hat, weil Leenke natürlich mit seinem besten Freund fremdgegangen ist, als er mal wieder in Berlin feiern war, stürzt er sich in voller Blüte seiner 20 Lenze ins Berliner Nachtleben. Sex, Alkohol, Sex, Alkohol, Sex und nochmals Alkohol. Namenlose Brüste schwenken nachts zwischen seinen Laken und lassen ihn seine Einsamkeit vergessen. Wir sehen einer tragischen, scheiternden Gestalt zu, verschluckt vom Großstadtmonster. Hingerichtet von Neon-Reklame und Spätis. Ich weine kurz. Oder auch nicht.

Nervender Protagonist

Ich lese die Kapitel in Eilgeschwindigkeit. Ich lerne noch Cem kennen, den Besitzer von „Cems Chicken“ unten im Haus von Hannes‘ Domozil. Cem ist ein Parade-Türke, der alles „monsterkrass“ findet. Ich begegne mit Hannes noch ein paar rechtsdenkenden Arbeitslosen in einer rechtsorientierten Kneipe in Neukölln. Dort haut Hannes auch das erste Mal zu, denn das passt so gut, das gibt dem ganzen Buch noch einen weiteren moralischen, sogar politischen Aspekt. Ich beende mit Hannes seinen Zivi-Dienst im Kindergarten und bewerbe mich mit ihm bei einem Klatschblatt für eine Praktikumsstelle. Dort wird Hannes natürlich sofort übernommen, bekommt gar eine Stelle als Ressortleiter und von da an achttausend Euro den Monat netto. Aber der stressige Journalisten-Job frisst ihn bald auf. Zwar ist er nun jemand, aber er wird zerrieben von all dem Stress, der Hektik und dem bebenden Verlangen nach weiblichem Fleisch. Hannes scheint so frustriert, dass man ihm nichts recht machen kann. Trotz vieler Monate in Berlin lernt er nur Cem und seine kurzen Bett-Bekanntschaften kennen, bei der es keine über einen One-Night-Stand schafft. Dazu erläutert uns in langen, zähen Kapiteln immer wieder das alltägliche Leben der Dorfjugend als Vergleich. Er fühlt sich noch immer einsam, verlassen, überfordert, und spürt, wie sehr er seinen eigenen Körper immer mehr unter seinem Lebensstil leiden lässt. Ich ertappe mich dabei, ausrufen zu wollen: „Hannes, werd‘ endlich erwachsen und hör auf zu jammern!“ Selten ging mir ein Protagonist so sehr auf den Keks und war mir keine fünf Minuten später doch schon wieder egal.

Obwohl Autor Brandt-Höge 1983 geboren wurde, lässt er wenig relevante Lebenserfahrung in seinen Roman einfließen, die einen beim Lesen berühren würde. Ich glaube auch, dass „Diskobushaltestellenhierarchie“ auch für 20-Jährige wenig interessant ist, denn Hannes hört einfach nicht auf zu jammern. Er ist völlig isoliert in seiner kleinen Welt, fühlt sich vom großen bösen Berlin und seiner Rasanz bedroht und glaubt in seinen klaren Momenten, dass nur die alte Heimat und seine verflossene Leenke sein wahres Glück sein könnten. Leider geht dieser Roman nicht einmal als Parodie durch, denn dafür müsste er spritziger und viel überspitzter verfasst worden sein. Stattdessen gleicht er eingangs erwähntem Bosse-Song, und das lässt mich auf der einen Seite etwas verzweifeln, aber auf der anderen Seite tut mir auch der Autor leid. Denn Brandt-Höge hat diverse journalistische Artikel und Beiträge in namhaften Zeitungen und Magazinen veröffentlicht, doch sein Debüt-Roman funktioniert einfach nicht. Vielleicht hätte er ein wenig echte Lebenserfahrung mit reinpacken sollen. Mehr Leidenschaft und weniger Lethargie. Und vor allem hätte er die endlos langen Beschreibungen weglassen sollen, denn beim Lesen möchte man auch einmal etwas nachdenken und die eigene Vorstellungskraft benutzen. Schlussendlich vermisst und sucht man als Leser genau das, was auch Hannes in Berlin sucht: Echtheit und Unterhaltung.

Erik Brandt-Höge: „Diskobushaltestellenhierarchie“, Roman, 304 Seiten, Knaur, ISBN-13: 978-3426513910, 12,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel