Henning Chadde
12. Mai 2014

Druck? Rock? Soul? Spidergawd!

Das Verhör: „Spidergawd“ von Spidergawd

Groove-Monster mit ordentlich Gebläse und Rock-Breitseite: „Spidergawd“, Album-Cover

Jesses, Maria und Josef – im Motorpsycho-Kosmos ist Stillstand anscheinend das absolute No Go. Hat der Trondheimer Psychedelic-Rock-Vierer gerade erst Anfang März mit „Behind The Sun“ den 17. regulären Longplayer in seiner 25-jährigen Bandgeschichte vorgelegt, schieben Motorpsycho-Bassist und -Mastermind Bent Saether und -Drummer Kenneth Kapstad sogleich Ende April den Debüt-Rock-Brocken ihrer nigelnagelneuen offiziellen Zweit-Band Spidergawd hinterher. Und der hat es verglichen mit der Haupt-Kapelle der Trondheimer wirklich faustdick hinter den Groove- und Rock-Löffeln. Nun gut, zugebenenermaßen hinterlassen Motorpsycho allein durch das Mitwirken zweier Mitglieder an der treibenden Spidergawd-Rhythmus-Front deutlich ihre Einflüsse. Vor allem, was den sich stetig aufbauenden Druck und die beinahe grenzenlose Spiel- und Improvisations-Freude des selbstbetitelten Neulings anbelangt. Ansonsten hat es sich aber auch mit den oberflächlich betrachteten, offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Haben sich Saether und Kapstad doch mit Per Borten den Sänger der – ebenfalls aus Trondheim stammenden – legendären, leider aber bereits längst wieder aufgelösten Band Cadillac vors Mikrofon und an die Gitarre geholt.

Und gerade hier zeigt sich denn auch gleich der erste, fulminante Unterschied zum Motorpsycho-Kosmos: im Gesang. Hat man bei Erstgenannteren stets das Gefühl, dass die Vocals zwar stimmig, aber doch stets ein wenig schräg bis – man möge den Vergleich dem Verfasser dieser Zeilen verzeihen, ist er doch eigentlich ein Motorpsycho-Fan der ersten Stunde – „unterrepräsentiert“ neben der ansonsten imposanten Sound-Spur liegen, bringt Borten hingegen ins Spidergawd-Gerüst die Durchschlagskraft einer astreinen Vollblut-Rock-Röhre ein. Und die macht auch vor gelegentlichem Pathos und Schmalz nicht halt. Zusammen mit Rolf Martin Snustad am Bariton-Saxophon als viertem Spidergawd-Mitstreiter entwickeln die dargebotenen sieben Songs eine soulige, manchmal gar funk-infizierte Sogwirkung und Sexiness hinter ihren meterdicken Rock-Wänden, die schlichtweg begeistert. Nachzuhören beispielsweise auf dem Über-Opener „Into Tomorrow“ und dem folgenden Groove-Monster „Blauer Jubel“. Und was soll man sagen: So geht es schlichtweg weiter, meine Damen und Herren. Kegelt einen doch sogleich „Master Of Disguise“ mit seinen sich treibend ekstatisch in die Breite schraubenden Riff-Kaskaden an Spielplatz drei ins derbe kopfnickende Nirvana. Luft holen ist Fehlanzeige, denn stampede zwingt einen der nun wiederum folgende Rock-Soul-Stomper „Southern Voodoo Lab“ mit ordentlichem Gebläse zum schweißtreibenden Weitertanzen. Ein Song, bei dem der Titel mehr als programmatisch ist.

Dass sich der altbekannte motorpsychotische Prog-Rock-Freigeist dann doch nicht zur Gänze verbergen lässt, beweist schließlich das Herz-Epos der Platte: „Empty Rooms“ schraubt sich mit 14 Minuten Spielzeit Blues-orientiert in einen ausufernden, aber dennoch fokussierten Jam-Rausch, der nicht wenige eingeweihte Motorpsycho-Heads gerade in seinem End-Part an selige „The Wheel“-Zeiten erinnern dürfte, bevor das Stück Neil Young-artig gekonnt ausfadet. Dies mag den ein oder anderen Zuhörer zwar Nerven kosten, hat aber dennoch ein deutliches „Chapeau, Burlis!“ verdient und dürfte vor allem live bei Spidergward-Shows hypnotisieren. Spannung bauen Spidergawd schließlich kurz vor dem Album-Ende noch einmal verhallt hintergründig mit dem Noise-Shoegazer „Million $ Somersault“ konsequent ins Off gespielt auf, um schließlich mit dem unbetitelten Hidden Track des Albums den vorher über Album-Länge überaus üppig zelebrierten Sound komplett in einem akustischen Slide-Blues-Jam auslaufen zu lassen, der gekonnt leasure und dreckig bis swampig „from the Southern-Wild“ herüberwinkt. Das nennt man dann wohl mal Dynamik. Und das Finale ist tatsächlich der erste Song zum Durchatmen auf „Spidergawd“. Faszinierend. Und für den geneigten Freund des Platten-Sammelns ein echtes Schmuckstück. Erscheint „Spidergawd“ doch ausschließlich auf rotem 180g-Vinyl, dem eine CD beiliegen wird – zur einfacheren Handhabung sozusagen. Digital lässt es sich eben viel einfacher und kräftesparender auf „repeat“ stellen. Die restliche Kraft verbraucht ohnehin der intensive Kopfnicker-Blues beim Hören der Scheibe…

Spidergawd: „Spidergawd“, CD, 7 Songs, 43 min., Crispin Glover Records/Stickman Records

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Kategorien: Musik

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