Joyce Kuhn
19. Mai 2014

Die Geschichte eines farblosen Mannes auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Seitenansicht: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami

Erzählt die Geschichte eines gebrochenen Mannes, der seine Vergangenheit aufzuarbeiten versucht: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami, Buchcover

Es ist nicht einfach, jung zu sein. Trotzdem tendieren wir dazu, die Jugend zu romantisieren und sie als Zeit der Freiheit und Unbeschwertheit zu verklären. Nie wieder werden unsere Körper so energiegeladen sein, denken wir, unsere Entscheidungen nie mehr so folgenlos und intuitiv und unsere Vorstellungen vom Leben so farbenfroh. Beinahe wehmütig schauen viele auf eine Zeit zurück, die in der Realität für die meisten doch voller Unsicherheiten war, unerwiderter Lieben und einem unerklärlichen Weltschmerz zwischen dem Abschied einer Kindheit, die keine Verantwortung kannte, und der Welt der Erwachsenen, die immer zu viel davon hat.

Nicht so Tsukuru Tazaki, der Protagonist in Haruki Murakamis jüngstem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Die Angst, nicht dazuzugehören, kennt er als Teenager nicht. Ao, Aka, Shiro, Kuro und der Romanheld Tsukuru sind eine eingeschworene Clique, verbunden durch eine enge und bedingungslose Freundschaft. Sie verbringen ihre Jugend gemeinsam, ergänzen sich so perfekt und ausgewogen, wie nur mathematische Gleichungen es sonst zu leisten vermögen. Nirgendwo außerhalb der kleinen Gruppe der drei Jungen und zwei Mädchen fühlt Tsukuru eine vergleichbare Zugehörigkeit, fühlt sich so sehr als Teil eines perfekten Ganzen. Trotzdem haben seine Freunde eine Gemeinsamkeit, die er mit ihnen nicht teilt: In den Nachnamen der anderen verbergen sich die Worte für eine Farbe, die seit jeher ihre Spitznamen ausmachen, während Tsukuru schlichtweg Tsukuru bleibt – der farblose Herr Tazaki.

Einsamkeit und Leere

Als Tsukuru nach der Schule als einziger die Vertrautheit der Heimatstadt Nagoya verlässt, um in Tokio zu studieren, kann auch die Distanz der engen Freundschaft der fünf nichts anhaben. So oft sein Stundenplan es zulässt, kehrt Tsukuru zurück in seinen Hafen – dorthin, wo er hinzugehören scheint. Doch bei einem seiner Heimatbesuche ist plötzlich alles verändert. Keiner der anderen vier ist für Tsukuru erreichbar, seine Anrufe verlaufen ins Leere, sein Warten auf Rückrufe bleibt vergeblich. Schließlich meldet sich Ao – endlich –, doch statt eine Erklärung für die plötzliche Unerreichbarkeit abzugeben, bittet er Tsukuru, sich nicht mehr zu melden. Ohne den Grund zu erfahren, zerfällt die so unerschütterlich scheinende Einheit der kleinen Gruppe für Tsukuru zu einem Trümmerhaufen, der ihn tief in einen Abgrund reißt. Mit der Freundschaft verliert er auch den Lebenswillen, und so bewegt er sich ein ganzes Jahr lang selbstzerstörerisch an der Schwelle zum Tod, die ihm so viel attraktiver erscheint als das Leben. Doch Tsukuru überlebt die tiefe Verwundung, wenngleich er die Abweisung der vier alten Freunde nicht wirklich überwinden kann.

Als wir den Protagonisten im Roman mit Mitte 30 antreffen, sechzehn Jahre nach dem Bruch der Clique, sind seine Narben noch immer nicht verheilt. Er führt ein einsames und tristes Leben – die Abende nach seiner Arbeit als Bahnhofsingenieur verbringt er mit Büchern und gelegentlich einem Whisky. Während er in seiner Jugend dazugehörte, beachtet und geschätzt wurde, verlebt Tsukuru als Erwachsener ein Leben voller Zweifel, Unsicherheiten und Einsamkeit. Auch Haida, mit dem er sich ein Jahr nach dem Zerfall der Fünfergruppe angefreundet hatte, verschwindet ohne ein Wort unerwartet wieder – die wenigen Frauen in seinem Leben gehen irgendwann. Nicht nur sein Name ist farblos, auch Tsukurus Leben und sein Blick auf sich selbst bleiben so. Er beschreibt sich selbst als leer, profillos, jemand, der anderen und nicht mal sich selbst etwas zu geben habe. Seine Einsamkeit sieht er mittlerweile als beinahe logische Schlussfolgerung: „Alle, die zu ihm kamen, stellten fest, dass er leer war, und sobald sie es wussten, verschwanden sie“. Schließlich tritt Sara in Tsukurus Leben. Zum ersten Mal fühlt Tsukuru Liebe und die Ahnung einer Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Doch Sara spürt, dass etwas in seinem Inneren unverheilt, unbearbeitet geblieben ist. Etwas, das er bereinigen muss, um sich wirklich voll und ganz auf sie einlassen zu können. Sara ermutigt Tsukuru, sich endlich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen, und so begibt er sich schließlich auf die Reise, um Ao, Aka, Shiro und Kuro aufzusuchen, um dem Grund für ihre jähe Abweisung endlich auf den Grund zu gehen…

Reduzierte Art des Erzählens

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren und gilt als Superstar der japanischen Literaturszene, der sich mit seinen surrealistisch anmutenden Romanen und Kurzgeschichten auch in die Herzen der westlichen Leser geschrieben hat. Die Protagonisten seiner Geschichten scheinen dabei stets Variationen derselben Figur zu sein: Prototypen eines Einzelgängers, des Denkers, der sein Herz mit Literatur und klassischer Musik oder Jazz füllt. Auch Tsukuru reiht sich hier ein, auch ihm wohnt dieses seltsam distanzierte Verhältnis zur Welt inne, das den Figuren Murakamis so oft anhaftet.

Kritiker des Autors bemängeln oftmals die Nüchternheit seiner Sprache, vielen erscheint sie als zu einfach und karg. Doch es ist gerade Murakamis reduzierte Art des Erzählens, die sich in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ als Stärke des Romans herausstellt. Die einfachen Beschreibungen unterstreichen die Abgestumpftheit und Einsamkeit Tsukurus besonders, lassen die Stimmung der Geschichte noch ein wenig trostloser und kühler erscheinen und machen die Verletzungen des Protagonisten damit nur noch nachfühlbarer, beinahe selbst erfahrbar für den Leser. Haruki Murakamis jüngster Roman wird damit zu einem seiner stärksten, einem der rundesten. Die großen Themen von Freundschaft und Einsamkeit, Schmerz und verpassten Chancen verfließen hier so wunderbar ineinander, dass die Geschichte der Vergangenheitsbegegnungen trotz ihrer wenig innovativen Handlung niemals langweilig oder altbekannt wirkt. Haruki Murakami gilt seit Jahren als Anwärter für den Literaturnobelpreis – bisher waren jegliche Hoffnungen jedoch vergebens. Vielleicht ändert sich dies mit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Zu wünschen wäre es ihm nach diesem tollen Roman allemal.

Haruki Murakami: „Die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki“, Roman, 350 Seiten, Dumont Buchverlag, ISBN-13: 978-3832197483, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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