Matthias Rohl
5. Februar 2008

Filmgeschichte(n): „Die Spur des Falken“

Die Geburt des „Film noir“ aus dem Geist des genialen Debüts: Wie Regisseur John Huston den Prototyp des modernen Kriminalfilms erschuf

Der Zweite Weltkrieg, so resümierte der französische Regisseur Jean-Pierre Melville einst mit Blick auf das Kino, habe alles durcheinander gewirbelt. Die Verbindung des scharfzüngigen Witzes der Screwball-Comedy mit dem anarchischen Klamauk des Slapstick, wie sie ein Preston Sturges betrieb, schien im Angesicht der Kriegsgräuel obsolet und das Kino plötzlich nach einem neuen Tonfall und anderen Rhythmen zu rufen. Die aufkeimenden 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Geburtsstunde des „Film noir“. Der Krieg und die Folgen der Depression schienen sich unterschwellig in die Filme jener Zeit einzuschreiben – besonders in jene schwarzen Kriminaldramen, die das Kino der Zukunft für immer maßgeblich prägen sollten.

“Die Spur des Falken”, Filmplakat

Lässt Cineasten-Herzen höher schlagen: „Die Spur des Falken“ mit Humphrey Bogart

Fiese Tricks und falsche Fährten

Kameraschwenk über San Francisco, eindringliche Orchestermusik, Blende auf die spiegelverkehrte Fensterschrift „Sam Spade and Miles Archer“ aus dem Inneren des Detektivbüros, dann der Blick auf Humphrey Bogart, der sich am Schreibtisch lässig die erste Zigarette dreht. Nur wenige Sekunden, und der Film zieht uns sofort in seinen unwiederstehlichen Strudel aus Täuschung, Verrat, Mord und Liebe. Das virtuose Vexierspiel mit fiesen Tricks und falschen Fährten beginnt, als die mondäne Miss Wonderly in Sam Spades Büro auftaucht und ihn bittet, ihre Schwester von Floyd Thursby loszueisen. Für den kaltschnäuzigen Spade ein Kinderspiel, zumal die Lady gut zahlt. Doch schon der erste Blick, den Miss Wonderly auf Archer richtet, verrät ihre geheimen Absichten: Der Ausdruck ihrer Augen wechselt blitzschnell von kühl prüfender Fixierung zu lasziver Umgarnung. Und sie ist sicher, dass ihr erotisches Kalkül aufgehen wird. Spade indes, der Frauenheld, wittert schon hier instinktiv Gefahr.

Humphrey Bogart als Sam Spade und Mary Astor als Miss Wonderly

Sam Spade (Humphrey Bogart) und seine mysteriöse Auftraggeberin (Mary Astor)

Ein Genie unter Hochdruck

Als Spades Partner Miles Archer nachts auf offener Straße kaltblütig erschossen wird und wenig später auch der zwielichtige Thursby stirbt, den Miles beschatten sollte, gerät Spade ins Fadenkreuz der Polizei, der seine Liaison mit Iva, Miles‘ Frau nicht verborgen bleibt. Die Jagd auf die geheimnisumwitterte Trophäe, den „Malteser Falken“, ist eröffnet. Mit jeder neuen Figur erhält der Plot eine neue Wendung, und der Zuschauer ist dabei stets nur auf Augenhöhe Spades und weiß immer nur genauso wenig wie er selbst. „The Maltese Falcon“ (deutsch „Die Spur des Falken“), John Hustons Geniestreich aus dem Jahr 1941, genießt unter Cineasten den Ruf des ultimativen Kults. Dashiell Hammetts gleichnamiger Roman war bereits 1930 erschienen und dies seine nunmehr dritte Verfilmung. Jack Warner, Chef der Warner Brothers Studios, trieb Genie Huston zur Eile – er zwang ihn, den Film in sechs Wochen abzudrehen, Budget: 300.000 Dollar.

Humphrey Bogart als Privatdetektiv Sam Spade

Folgt der Spur des Falken: Sam Spade

Blaupause für die Zukunft

Multitalent Huston plant minutiös, erstellt für jede Szene eine Zeichnung und liefert die epochale Blaupause für alle künftigen Kriminalfilme: Er komprimiert den bedrohlichen Großstadtdschungel auf wenige Schauplätze – verrauchte Räume, muffige Büros, moderne Hotelhallen, dunkle Korridore, nächtliche Zimmer. Und dann ist da noch Arthur Edesons brillante Kamera: Präzise Schnitte, dynamisiert durch zeitraffende Überblendungen, extreme Untersichten, ausgeklügelte Low-Key-Ausleuchtungen, welche Erinnerungen an den deutschen Expressionismus der Stummfilmzeit heraufbeschwören – so erreicht dieses Meisterwerk „die fließende Geschmeidigkeit und kühle Eleganz eines Balletts, vermischt mit der plastischen Perfektion einer Skulptur“ (Douglas McVay).

John Huston

Unberechenbares Multitalent: Regisseur John Huston

Stoff, der unsere Träume speist

Tough, professionell, zynisch, erbarmungslos – so geht allein „Bogey“ als „hard-boiled Investigator“ am Schluss des Films als Sieger aus allen Rätseln hervor. Und doch sind alle Betrogene. Wir sehen, einem berühmten Diktum Nino Franks zufolge, der einst den Begriff „Film noir“ erfand, jene „dritte Dimension“, die uns tief blicken lässt in einen moralischen Abgrund. Sadismus, Schönheit, Sex, Begierde, Mord – aus solchem Stoff speist sich der tiefste Traum, von dem sich unser Schlaf nicht stören lässt. Denn Träume, wusste Freud, sind die Beseitigung schlafstörender Reize auf dem Wege der halluzinierten Befriedigung. Spricht nicht der Volksmund stets von Hollywood als „Traumfabrik“?

nächste Folge:
„Im Zeichen des Bösen“
Die Verletzlichkeit des Monstrums: Wie Orson Welles im Alleingang das Kino revolutionierte

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Kategorien: Film

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