Susanne Viktoria Haupt
2. Juni 2014

Oh, James!

Seitenansicht: „Manifest der anonymen Schauspieler“ von James Franco

So sieht das aus, wenn Hollywood-Stars schreiben: „Manifest der anonymen Schauspieler“ von James Franco, Buchcover

Ach ja, der gute James. Derzeit kann man kaum die amerikanische Gossip-Presse verfolgen, ohne nicht mindestens einmal über eines seiner „Selfies“ zu stolpern: mal mit T-Shirt (eher selten), mal ohne T-Shirt (häufiger) und mal mit Hand in der Hose (kam auch schon vor). Die Rede ist von James Franco, der den meisten bekannt ist aus Filmen wie „Spiderman“ (mit Tobey Maguire), „Howl“ oder auch „124 Hours“. Den Serien-Nerds unter uns ist er mit Sicherheit auch durch „Freaks and Geeks“ ein Begriff, wo er an der Seite von Setz Rogen und Jason Segel eine High School in den 1990er-Jahren besucht. Franco hat den Oscar moderiert, schon mal einen gar nicht so schlechten Kurzgeschichtenband geschrieben („Palo Alto“), der ebenfalls verfilmt wurde, und spielte am Broadway an der Seite von Chris O’Dowd in John Steinbecks Klassiker „Of Mice and Men“. Nebenbei promoviert Franco natürlich auch noch in englischer Literatur. Das klingt alles ganz wunderbar, und man mag meinen, dass dieser junge Mann kaum zu stoppen wäre. „Multitalent“ hört man auf der einen Seite, „Überflieger“ auf der anderen. Selbst Gucci wollte ihn als Model. Und bekam ihn auch. Und mit seiner großangelegten Kunstausstellung „Gay Town“ hat Franco vergangenes Jahr den harten Winter in Berlin durchbrochen. Scharen von jungen Frauen tümmelten sich um den Mann im schwarzen Anzug und warfen ihm verführerische Blicke zu. Wer schaut denn auch bei so viel eingeübtem Charme und Selfie-Nacktheit noch auf die Resultate seiner künstlerischen Projekte? Richtig, wahrscheinlich wenige. Und genau das muss auch die Motivation für seinen Roman „Manifest der anonymen Schauspieler“ gewesen sein.

Entlang gehangelt an einem 12-Schritte-Programm, ähnlich wie bei den anonymen Alkoholikern, soll Francos neues Buch eine Art Manifest darstellen. Es geht darum, wie Schauspieler – egal ob auf der Bühne oder beim Film, egal ob erfolgreich oder nicht – leben und sich selbst zu verstehen haben. Zum Beispiel, dass man anerkennen muss, dass das gesamte Leben nur eine Performance ist. Dass eigentlich nur diejenigen Schauspieler werden, die in ihrem eigenen und eigentlichen Leben etwas zu verbergen haben. Masken zu tragen, egal ob sichtbare oder unsichtbare, ließe darauf schließen, dass hier Dinge absichtlich versteckt werden. Zum Beispiel gähnende Leere, Langeweile, Durchschnittlichkeit. Schauspielerei gilt als eine Form der Unnatürlichkeit, als eine Art Krankheit, unter der die Betroffenen schrecklich leiden und von der sie genesen sollten. Und Franco versucht seine einzelnen Fallbeispiele möglichst in sexuelle und anrüchige Situationen zu katapultieren. Die Protagonisten sind Akteure, die sich als Schauspieler verstehen, als Performer, und ein düsteres Bild auf Hollywood und die Schauspielerei als solches werfen. Allerdings wirken sie alle, egal ob Sean oder auch James in seinem eigenen Buch als er selbst, äußerst blass und hilflos. Schon die ersten Seiten von „Manifest der anonymen Schauspieler“ sind mit so viel übertriebenem und deplatziertem Pathos geschwängert, dass es schwerfällt, weiterzulesen. Man weiß nicht, ob James Franco sich selbst als Stimme seiner Generation, als Stimme der Schauspieler allgemein, als Revolutionär, Genie oder einfach als völlig überbewertet ansieht und sich über diese Überbewertung mittlerweile in einer großen Selbst-Satire amüsiert. Der Roman – der eigentlich keiner ist, sondern eher eine Collage aus Interviews, Mitschnitten, Gedanken und anderem – setzt literarisch genau da an, wo Francos „Selfies“ aufhören: Er erzählt die Geschichte eines selbstverliebten und überdimensional präsenten Schauspieler und Künstler, der nicht wirklich weiß, wo er gerade hinwackelt.

Leichter wird es mit James Franco also nicht. Man möchte ihn beim Lesen jedenfalls gerne einfach anrufen und fragen: „Was hast Du Dir dabei gedacht? Das ist doch kein Roman!“ Man fragt sich auch, wie weit eine Satire gehen darf. Ob diese überhaupt Sinn macht, falls es denn eine ist. Ich wünsche es mir für Franco. Ansonsten wären die Ausgeburten seines kreativen Zentrums momentan nichts weiter als ein absolutes sich im Narzissmus suhlen und das Ergebnis des Verlustes nahezu jedes objektiven Blickwinkels auf sich selbst und die Welt um ihn herum. Schade. Durch „Palo Alto“ wissen wir ja eigentlich, dass James Franco so talentfrei in puncto Schreiben nun auch nicht ist.

James Franco: „Manifest der anonymen Schauspieler“, Roman, 320 Seiten, Eichborn Verlag, ISBN-13: 978-3847905677, 16,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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