Susanne Viktoria Haupt
16. Juni 2014

Ein Stück Amerika

Seitenansicht: „Telegraph Avenue“ von Michael Chabon

Ein gewaltiges Stück amerikanische Kultur: Michael Chabons neuer Roman „Telegraph Avenue“, Buchcover

Brokeland Records liegt auf der Telegraph Avenue. Eine Straße, welche die Universitätsstadt Berkeley und die schwarze Arbeiterstadt Oakland verbindet. Zwei Städte, die durch Unterschiede, Geschichte und Eigenheiten hervortreten. Und in diesem Plattenladen, der in Michael Chabons neuem Roman „Telegraph Avenue“ sehr schnell zu einer viel gehaltvolleren und anspruchsvolleren Version gegenüber Nick Hornbys „Championship Vinyl“ aus dessen Klassiker „High Fidelity“ lanciert, gehen die Besitzer Archy und Nat ihrer Leidenschaft nach – der Musik. Brokeland Records ist ihre „Kirche“, hier tummeln sich die Besessenen, die Nostalgiker, die Freaks, die Musik-Nerds. Davon leben Archy und Nat, die ein ungleiches und dadurch amüsantes Besitzerpärchen darstellen. Nat ist der weiße Jude, Archy der in Glitzeranzügen auftretende Schwarze mit dem Afro und einem philosophischen Spruch auf den Lippen. So hätte das Leben der beiden sicherlich auch noch zehn Jahre weitergehen können, aber Autor Michael Chabon schreibt in bester kapitalistischer Manier einen steinreichen Ex-Football-Star namens Gilbert Goode in die Story, der nichts Gutes im Schilde führt. Goode will in unmittelbarer Nachbarschaft ein riesiges Einkaufszentrum erbauen – samt opulenter Musikabteilung. Archy und Nat sehen ihre Felle davonschwimmen. Zudem wird Archy bald Vater, kann sich jedoch noch gar nicht mit seiner neuen Vater-Rolle anfreunden. Selbst seine Frau hegt immer mehr Zweifel an seiner Tauglichkeit als Partner und Erziehungsberechtigten. Und zu allem Überfluss steht auch noch sein verdrängter, mittlerweile 14-jähriger Sohn aus Texas auf der Matte. Das ist allerdings nur ein weiterer Punkt, der das Leben der Besitzer von Brokeland Records ungemein schwer machen wird…

Michael Chabons neuer Roman „Telegraph Avenue“ lädt zur intensiven Lektüre. Denn der Autor arbeitet mit langen Sätzen – einer geht sogar über 16 Seiten -, detailreichen Erzählungen, Anekdoten und zahlreichen Fakten aus der Sozial- und Musikgeschichte und bietet dazu obendrein jede Menge ambitionierte Nostalgie. Mühsam hangelt man sich durch die einzelnen Kapitel und versucht stets Chabons Humor als Surfbrett für das 592 Seiten schwere Werk zu nehmen. Das fuktioniert, auch wenn man sich ab und an in Chabons Duktus-Wellen verliert. Unter den strengen Augen des Autors geht nämlich keine noch so kleine Farb-Nuance am Anzug seiner Protagonisten verloren, was „Telegraph Avenue“ für Freizeitleser schwierig gestalten könnte. Der Roman funktioniert als gewaltiges Stück amerikanischer Kultur-, Sozial- und Musikgeschichte und fällt glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt in unangenehmes Pop-Roman-Fahrwasser. Man könnte seitenlange Artikel darüber verfassen. Aber von Michael Chabon konnte man eigentlich auch nichts anderes erwarten. Schon oft und vor allem konstant glänzte der charismatische Schriftsteller durch seinen einnehmenden Humor und seine Erzähltechnik. Sein Debüt „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ von 1988 wurde zum gefeierten Bestseller. Sein 1995 erschienener zweiter Roman „Wonder Boys“ wurde mit Größen wie Michael Douglas und Robert Downy Jr. verfilmt. Für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“, seinen dritten Roman, bekam er den hochangesehenen Pulitzer-Preis in der Kategorie „Fiktion“. Chabon, der 1963 in Washington geboren ist, hat Kreatives Schreiben an der University of California, Irvine studiert, um einen sicheren Rahmen für seine geplante Karriere als Schriftsteller zu haben. Dies hat vorzüglich funktioniert. Schon jetzt werden Stimmen laut, dass „Telegraph Avenue“ doch bitte direkt verfilmt werden solle. Ein Buch für all diejenigen, die nicht nach 300 Seiten aufgeben und auch kleinere Durststrecken in einem langen Roman aus Respekt vor Chabon und dessen bauchmuskelerschütterndem Humor in Kauf nehmen.

Michael Chabon: „Telegraph Avenue“, Roman, 592 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462046175, 24,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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