Susanne Viktoria Haupt
7. Juli 2014

Lesenswert auf jeder Seite

Seitenansicht: „Der Distelfink“ von Donna Tartt

Großartig erzählt: „Der Distelfink“ von Donna Tarrt, Buchcover

Theodore Decker ist 13 Jahre alt, als seine Mutter durch einen terroristischen Bombenanschlag im Metropolitan Museum in New York ums Leben kommt. Umgeben vom größten Alptraum seines Lebens kümmert er sich um den schwer verletzten Antiquitäten-Händler Welton Blackwell, von dem er einen Ring und eine unvollständige Adresse im New Yorker Bezirk Greenwich Village bekommt. Blackwell stirbt, und Theodore, der vorher noch ein Auge auf Blackwells Nichte Pippa werfen konnte, kann sich aus den Trümmern des Museums retten. Allerdings nicht, ohne dabei das Gemälde „Der Distelfink“ vom Rembrandt-Schüler Carel Fabritius zu stehlen. Nach dem tragischen Tod seiner Mutter zieht Ich-Erzähler Theodore vorerst zu seinem Schulfreund Andy Barbour und dessen reichen Familie. Theodore sucht die Nähe von Blackwells ehemaligem Geschäftskollegen James Hobart, mit dem dieser zusammen die Antiquitätenhandlung betrieben hatte. Dort lernt er das Handwerk der Möbelrestaurierung und leistet Pippa Gesellschaft, die ebenfalls Verletzungen vom Terroranschlag davongetragen hat. Die scheinbar einkehrende Ruhe trügt jedoch, denn plötzlich steht Theodores alkoholkranker Vater Larry, der die Familie vor einiger Zeit verlassen hatte, wieder auf der Matte, um seinen Spross mit in die Spielhölle Las Vegas zu nehmen, wo er mit seiner neuen Freundin lebt.

In Las Vegas angekommen, tut sich Theodore nicht schwer, neue Freunde zu finden. Sein engster Vertrauter wird der Ukrainer Boris, mit dem er sich gemeinsam den Drogen hingibt und zu stehlen beginnt. Beide Halbwaisen verbindet der Verlust eines geliebten Menschen und daher fassen sie viel Vertrauen zueinander. Als Theodore 15 Jahre alt ist, stirbt auch sein Vater bei einem Autounfall. Theodore, der nun Vollwaise ist, flieht mit Sack und Pack, um dem Jugendamt zu entgehen. Er bestiehlt die Freundin seines Vaters und kehrt zurück nach New York, wo er erneut von James Hobart, der zu einer Vaterfigur für ihn geworden ist, aufgenommen wird. Das Gemälde „Der Distelfink“ hat er in einem sicheren Schließfach gelagert.

Die Geschichte springt und zeigt nun einen erwachsenen Theodore, der mittlerweile nicht nur die Grundkenntnisse der Möbelrestaurierung erlernt hat, sondern auch Geschäftspartner von Hobart geworden ist. Er hilft Hobart dabei, das Geschäft vor dem finanziellen Aus zu bewahren, in dem er von Hobart neu angefertigte Möbel als wertvolle Antiquitäten verkauft. Zeitgleich sucht Theodore wieder den Kontakt zu seinem alten Klassenkameraden Andy, doch der ist mit seinem Vater bei einem Segelunfall tödlich verünglückt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt nun Andys Schwester Kitsey, mit der er eine Romanze eingeht und sogar an Heirat denkt. Während sein Leben einigermaßen wieder in festen Bahnen zu verlaufen scheint, stolpert er in New York seinem alten Vertrauten Boris über den Weg, der ihn mit einer schockierenden Nachricht empfängt und Theodore so erneut aus den Ankern reißt…

Ich erschrecke mich nicht vor gewaltigen, dicken Büchern. Normalerweise. Aber nachdem ich zuletzt den Wälzer „Telegraph Avenue“ von Michal Chabon gelesen und rezensiert habe, musste ich beim Anblick der 1024 Seiten von Donna Tarrts preisgekrönten Roman „Der Distelfink“ doch etwas durchatmen. Allerdings macht Tarrt es ihren Lesern leicht, durchzuhalten. Oder besser gesagt: geschwind durch die Geschichte zu gleiten. Tief ergriffen wird man vom Schicksal des jungen Protagonisten Theodore und obgleich er ständig falsche Wege wählt, kommt man nicht umher, ihn irgendwie zu verstehen. „Der Distelfink“ hat alles, was ein wirklich erstklassiger Roman braucht. Trauer, Verluste, Mitleid, Liebe in nahezu allen Nuancen, Einsamkeit und Verbrüderung. Nicht umsonst wurde Tarrt – die ohnehin ein Liebling aller Literaturkritiker ist – für „Distelfink“ sehr gelobt und heimste obendrein den Pulitzerpreis ein. Völlig zu Recht. Man kann nichts anderes machen, als die wahnsinnig großartige Erzähltechnik von Tarrt zu loben und gleichermaßen die Dichte der Geschichte zu bewundern. Elf Jahre lang hat die Autorin an ihrem Werk gearbeitet. Umso schöner, dass diese elf ihr einen sonnigen Platz in der Literaturgeschichte sichern. Wer für den Smnmerurlaub noch einen großartigen Roman sucht, und bei der Anzahl der Seiten nicht erschrickt, sollte sich ein Exemplar sichern.

Donna Tarrt: „Der Distelfink“, Roman, 1024 Seiten, Goldmann Verlag, ISBN-13: 978-3442312399, 24,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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