Matthias Rohl
26. Februar 2008

Filmgeschichte(n): „Im Zeichen des Bösen“

Die Verletzlichkeit des Monstrums: Wie Orson Welles im Alleingang das Kino revolutionierte

Los Robles, ein texanisch-mexikanisches Grenzkaff. Hier stranden Drogenfahnder Ramon Miguel Vargas (Charlton Heston) und seine Frau Susan (Janet Leigh) während ihrer Flitterwochen – und werden Zeuge, wie ein reicher Bauunternehmer in seiner Limousine von Sprengstoff zerfetzt wird. Vargas bietet dem ermittelnden Sheriff Hank Quinlan (Orson Welles) Hilfe an, der erweist sich aber als rassistisch-selbstherrliches Ekel. Als Quinlan dann auch noch bei einer gemeinsamen Vernehmung eines Verdächtigen Beweise fälscht, setzt Vargas seine Frau in einem Wüsten-Motel ab und will nun den Fall aufklären und Quinlan überführen. Unterdessen bietet der schmierige Drogenboss Grandi (Akim Tamiroff) Quinlan einen Deal an, da Vargas gegen seinen Bruder in einem Prozess aussagen soll. Grandis Handlanger pumpen Susan Vargas mit Rauschgift voll und verschleppen sie in eine zwielichtige Absteige. Als Quinlan Grandi und die ans Bett gefesselte Susan aufsucht, nimmt das Unheil seinen Lauf…

“Touch of Evil”, Filmplakat

Klassiker des Film noir: „Im Zeichen des Bösen“ (1958)

Zu stark für seine Zeit

„Touch of Evil“ (deutsch „Im Zeichen des Bösen“), gedreht 1958, wäre so, wie wir ihn heute bewundern können, fast nie entstanden. Orson Welles hatte sich, nach zehn Jahren Hollywood-Abstinenz und Rückkehr aus Europa, aus purer monetärer Not als Darsteller anheuern lassen. Es war Charlton Heston, der Welles als Regisseur bei Produzent Albert Zugsmith durchsetzte. Und Welles, dieser grandiose Koloss, schrieb sofort das in seinen Augen „lächerliche“ Drehbuch um und lieferte ein Meisterstück ab, das auf die damaligen Studiobosse wie eine visuelle Explosion gewirkt haben muss. Sie verwarfen Welles‘ Schnittfassungen als untauglich für das anvisierte Massenpublikum. Besonders die labyrinthische Narration und das seiner Zeit weit vorauseilende „cross cutting“ empfanden die Geldgeber als anstößig.

“Touch of Evil”, Szenenfoto

Gegenspieler: Hank Quinlan (Orson Welles) und Ramon Miguel Vargas (Charlton Heston)

Epitaph in Vollendung

Für Orson Welles sollte „Touch of Evil“ nicht nur folgerichtig seine letzte US-Produktion werden, es wiederholte sich für ihn auch schmerzlich, was zuvor schon mit „Der Glanz des Hauses Amberson“ (1942) und „Die Lady von Shanghai“ (1947) geschehen war: die Verstümmelung seiner Geniestreiche, deren „Final Cut“ die Studios ihm entzogen hatten. Erst 1998 konnte man „Touch of Evil“ auf dem Telluride Filmfestival als finale Fassung sehen, einem „Director’s Cut“ vergleichbar. Als „Epitaph des Film noir“ hat Paul Schrader „Touch of Evil“ einst beschrieben. Was mit „Die Spur des Falken“ legendär begann – hier fand alles seine radikale Vollendung. Das beginnt schon mit der rauschartigen, dreiminütigen Eingangssequenz ohne Zwischenschnitt, in der Genre-Kettensprenger Welles eine ästhetisch ausgeklügelte, atmosphärisch hochverdichtete und präzise choreographierte Skizze der brodelnden Grenzstadt zeichnete.

Orson Welles

Junger Visionär: Orson Welles 1937

Gegen alle Regeln

Welles, auch als Schauspieler ein Epochaltalent, verlieh seiner Hauptfigur eine geradezu monströs anmutende Aura. Aufgeschwemmt von mieser Ernährung und – nicht nur gespielter – Trunksucht, muss man neben der kühnen Bildkompositionen seiner Regie vor allem die Charakterzeichnung seiner Hauptfigur als größte Innovation betrachten, die die Genrekonventionen seiner Zeit schier aus den Angeln hob. Quinlans fieser Rassismus und seine zutiefst desillusionierte Menschenverachtung hatte einen tiefen inneren Antrieb. Den Mord an seiner Frau, von einem Mexikaner begangen, konnte er nie aufklären.

“Touch of Evil”, Szenenfoto

Verletzliches Monster: Orson Welles in seiner besten Rolle

Prolog der Zukunft

Und so findet Quinlans erbarmungsloser Rachefeldzug in Ramon Miguel Vargas einen Gegenspieler, den Charlton Heston in all seiner Widersprüchlichkeit und vielschichtigen, karrieristischen Aalglätte so überzeugend verkörperte, dass man diese Rolle zu seinen besten zählen darf. Es brennt sich, einmal gesehen, dem Zuschauer der Showdown für immer unauslöschlich ins Gedächtnis ein. In schuldbewusster Trauer rollt Welles eine Träne über seine fette Wange – und plötzlich hat man fast Mitleid mit diesem tragischen Opfer seines eigenen verfehlten Lebens: eine grandiose Dekonstruktion des klassischen Gut-Böse-Schemas! „Mit jeder Aufnahme riskiert (Welles) nicht etwa seine Haut oder sein Ansehen, sondern das Kino selbst; er spielt es und er erfindet es, ohne Rücksicht auf Regeln.“ schrieb Le Monde. Dieser Film wirkt noch heute wie der Prolog einer Entwicklung des Kinos, wie es zwei Dekaden später die Rebellen des „New Hollywood“ zur vollen Blüte treiben sollten.

nächste Folge:
„Heat“
Die Erotik der Präzision: Michael Mann ist einer der faszinierendsten Regisseure unserer Zeit

(Fotos: Wikipedia, Carl Van Vechten (Porträt), fosteronfilm.com)

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Kategorien: Film

Ein Kommentar

  1. Connormm sagt:

    thats for sure, brother

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