Henning Chadde
14. Juli 2014

Konsequent. Und. Eigen. Punkt.

Das Verhör: „Gespenster“ von Niila

Volle Pulle Eigenbahnstraße: „Gespenster“, Album-Cover

Rau, roh, direkt produziert und vermutlich auch direkt eingespielt. Mit gehörigem Analog- und Indie-Einschlag und gelegentlichen Noise-Abfahrten, gepaart mit einem äußerst sperrigen, nicht selten überaus verspulten, lyrisch-deutschsprachigen Textwerk. Vorgetragen zumeist in zurückhaltend nöligem Sprechgesang mit gebrüllten Ausbruchs-Einsprengseln. Plain und ohne Effekte. Kurz: Was das Braunschweiger Trio Niila auf seinem zweiten Album „Gespenster“ vor die Füße und die Gehörgewohnheiten der geneigt abseitigen Musik-Liebhaber wirft, ist einfach komplett eigen – bis hin zur zugeneigten Gewöhnungsbedürftigkeit und trendkonträren Sperrigkeit. Keine Frage, hier schielt eine Band mitnichten nach dem großen (Indie-)Erfolg, sondern bastelt an einem ganz eigenen Wahrnehmungs-Universum zwischen Krach, Riff, Rock, Kopflastigkeit und Authentizität. Und sicher braucht es mehrere Hördurchgänge, bis sich diese selbstverwaltete und -entworfene Eigenständigkeit voll erschließt. Und ebenso sicher stehen einem dabei nicht selten der leider etwas farb- und drucklose Gesang und die bestenfalls als dadistisch zu bezeichnenden Texte im Weg. Lässt sich doch nicht eindeutig feststellen, ob jene nun studentisch bis überkopflastig, gewollt sinnentleert oder einfach nur gaga und durchgeknallt in die Wertung zu gelangen wünschen. Aber auch hier mag genau diese Ausrichtung zielgenaues Konzept sein. Fokussiert sich der Blick dadurch doch umso mehr auf das ganze Werk, ohne einen Frontmann als Ego-Shooter in die erste Reihe zu stellen oder in überfrachteten Schnellschuss-Informations-Zeiten wie diesen mit philosophisch-hintergründigen Aussage-Welten um die Ecke zu schielen. Denn genau in Letzteren liegt ja gemeinhin der intellektuelle Vergleichs-Anspruch der Musik-Journaille in Sachen deutschsprachigem Indie-Rock, frei nach dem Motto: „Wenn schon deutsch, dann aber bitte mit Aussage und lyrischer Raffinesse. Am Besten zur Lage Deiner Generation, wenn nicht gar der ganzen Nation.“ Was ja auch schon mächtig überfrachtet ist und sich dadurch eigentlich selbst karikiert. Dem allen verweigern sich Niila überaus konsequent mit einem deutlichen, sehr selbstbewussten Stinkefinger. Und vermutlich mit dem gewollt-gefestigten Wissen, dass sie mit ihrer Musik eh durchgängig zwischen allen Stühlen – und dort straight auf dem Boden – sitzen werden. Warum also nach den Sternen greifen, wenn das große Universum unverstellt und ohne Kompromisse im eigenen Herzen zu gedeihen weiß? Denn hier hat es schließlich seinen Ursprung. Und immerwärenden Heimathafen. Ohne Wenn und Aber. Ausrufezeichen.

Anspieltipps: der Titel-Brecher „Gespenster“, der folgende Schrammel-Crooner mit leichtem Dinosaur jr.- beziehungsweise Lemonheads-Einschlag „Ich lass mich gehen“, das flirrend-drängende „Was hat sie wütend gemacht“ und die cool abgehangen vor sich hin mäandernde Halb-Noise-Ballade „Als ich 6 war“. Insgesamt bleibt das alles für den smartphone-shuffle-bedröhnten Indie-Schnell-Konsumenten dieser Tage bestimmt nicht einfach. Und vermutlich auch für den Rest schlicht eine Frage des Geschmacks. Niila hat aber immerhin eine eigenartige Eigenständigkeit im Rock-Blut, die man im Musik-Zirkus dieser Tage leider nur allzu selten hört, und der nicht zuletzt deswegen absoluter Respekt gebührt.

Niila: „Gespenster“, CD, 8 Songs, 42 min., Anti Loudness War

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Kategorien: Musik

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