Susanne Viktoria Haupt
21. Juli 2014

Ein langsamer Fluss

Seitenansicht: „Der Gott der Alpträume“ von Paula Fox

Kommt im Schritttempo statt im Galopp: „Der Gott der Alpträume“ von Paula Fox, Buchcover

Es gibt viele Wege, wie ein Buch zu einem kommen kann. Entweder wird es von Freunden empfohlen, es handelt sich ohnehin um einen Lieblings-Schriftsteller, man hat in der Presse darüber gelesen, es wird einem vom Verlag zugeschickt, man entdeckt es selbst beim Störbern in der Buchhandlung oder aber – und das ist mittlerweile selten geworden – man lässt es sich von einem Buchhändler empfehlen. Das sind jene Gestalten, die sich pausenlos um ihre Bücher herumdrücken, sie zurechtrücken, sie hin und her tragen, sie verkaufen und für diese zärtliche Arbeit auch noch Geld bekommen. Wenn man nicht gerade in einer der großen Buchhandlungsketten zugegen ist, dann hat man hier und da in Hannover sogar das Glück, richtig gut beraten zu werden oder aber einfach ein empfehlenswertes Buch aufs Auge gedrückt zu bekommen. „Der Gott der Alpträume“ von Paula Fox ist so ein Buch. Eines dieser Bücher, die Dir nahezu kommentarlos zugeschoben werden. Und weil Du erstens die Autorin kennst und zweitens weißt, dass Dir dieser Buchhändler niemals Schund geben würde, nimmst Du es aufgeregt entgegen. Genauso sanft, wie ich versucht habe, diese Szenerie zu beschreiben, so sanft und zärtlich ist auch „Der Gott der Alpträume“.

„Der Gott der Alpträume“ ist bereits seit sieben Jahren veröffentlicht, aber von der ganzen Atmosphäre passend zu diesen heißen Sommertagen. Im Mittelpunkt der Anfang der 1940er-Jahre spielenden Handlung steht Helen, 23 Jahre alt und bei ihrer Mutter lebend. Der Vater verließ die Familie, als Helen 13 Jahre alt war. Im Gegensatz zu ihrer Mutter glaubte Helen nie, dass ihr Vater wiederkommen würde. Eines Tages bekommen die beiden einen Brief von Bernice, der letzten Lebensgefährtin des Vaters. Der Vater – früher ein Pferdenarr und eine Spielernatur – ist verstorben. Für die Mutter bricht eine jahrelang aufrecht erhaltene Illusion zusammen. Sie legt Helen nahe, endlich das Haus zu verlassen und etwas für sich zu tun. Es erscheint fast so, als wolle die Mutter sich nach dem Ehemann nun auch die Tochter vom Leibe schütteln. Als unliebsame Erinnerung an den Mann, der nun nicht mehr ist. Helen soll nach New Orleans gehen und ihre Tante Lulu aufsuchen, die dort angeblich immer noch im Theaterbereich arbeitet. Und so beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt für die junge Frau. In New Orleans, dem kreativen Mekka, findet Helen Anschluss zur dortigen Szene und taummelt durch die Bohème-Szene. Aber auch die Schattenseiten der Zeit – wie zum Beispiel die schwelenden Rassenkonflikte – bleiben ihr nicht verborgen. Helen heiratet und bekommt eine Tochter. Viele Jahre später, 1967, kehrt sie erneut nach New Orleans zurück. Was anfänglich wie ein langsamer und poetischer Fluss daherkam, wird nun zu einem spannenden Plot, der das Leben der Protagonistin erschüttert…

Paula Fox‘ „Der Gott der Alpträume“ ist kein Buch, zu dem man leicht einen Zugang findet. Im Gegensatz zu ihren vorherigen Romanen, mit denen die 1923 in New York City geborene Schriftstellerin bereits Welterfolge feierte, braucht es seine Zeit, um mit Helen und der Erzählung warm zu werden. Dennoch lohnt es sich durchzuhalten und Helen die Chance zu geben, einen Platz in der literarischen Welt einzunehmen. Sie ist offen, verletzt, voller Schmerz und gleichzeitig voller Träume. Als Protagonistin scheint sie irgendwie auf Zehenspitzen durch die einzelnen Kapitel zu wandern. Zwar hätte sich Fox die ein oder andere etwas zu lange Ausschmückung sparen können, aber man kann nun mal nicht immer alles haben. Mit „Der Gott der Alpträume“ hat man ein Buch, dass sich genauso schwer über einen legt wie die Hitze dieser Tage. Das Schöne dabei ist aber, dass die Worte des Romans gleichzeitig so sanft daherkommen wie eine frische Briese aus Meeresrichtung.

Paula Fox: „Der Gott der Alpträume“, Roman, 278 Seiten, C.H.Beck, ISBN-13: 978-3406556142, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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