Susanne Viktoria Haupt
4. August 2014

Romantischer Roadtrip

Seitenansicht: „Weit weg und ganz nah“ von Jojo Moyes

Landete mit ihrem neuen Roman wieder einen Hit: „Weit weg und ganz nah“ von Jojo Moyes, Buchcover

Ich bin eigentlich kein Mensch für gängige Liebesromane. Erst Recht nicht für die art von Romanen, die als „Chick-Lit“ bekannt sind. „Chick-Lit“ ist eine etwas abwertende Bezeichnung für moderne Liebesromane, die vornehmlich für Frauen verfasst wurden. Romane, in denen Frauen mit Frauenproblemen zu kämpfen haben, entweder Single sind oder einem Idioten hinterherlaufen, um schlussendlich – in beiden Fällen – doch in den Armen eines Traumprinzen zu landen. Man kann über diese Romane herziehen, sie als niedere Literatur abtun oder sich den Mund zerreißen. Oder aber man kann auf die unzähligen Frauen eingehen, die sich diese Bücher kaufen und darin etwas Seelenbalsam finden, und gleichzeitig diese Romane auf ihre Qualität untersuchen. Und dies habe ich mit dem Roman „Weit weg und ganz nah“ von Jojo Moyes getan. Jojo Moyes dürfte den geneigten Verfolgern der deutschen Bestsellerliste durch ihren Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ bekannt sein. Das Buch besetzte wochenlang die Spitze der Bestsellerliste und natürlich wurden mittlerweile auch die Filmrechte verkauft. Mit „Weit weg und ganz nah“ versucht Moyes nun, an diesen Erfolg anzuknüpfen.

Keine einfache Situation

Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Britin Jess. Mit ihren 27 Jahren hat sie schon viele Herausforderungen gemeistert. Mit 17 Jahren ist sie schwanger geworden und hat ihre Tochter Tatsie zur Welt gebracht. Ihr Ehemann Marty brachte gleichzeitig seinen Sohn Nicky aus erster Ehe mit in die Familie. Aber Marty war den Strapazen einer Patchwork-Familie nicht gewachsen, bekam Depressionen und verzog sich zur Genesung zu seiner Mutter. Zu Beginn der Geschichte steht Jess bereits seit zweieinhalb Jahren alleine mit den Kindern dar. Nicky steckt mitten in der Pubertät und hat fürchterlich mit Mobbing zu kämpfen. Der introvertierte Teenager benutzt gerne Mascara und kleidet sich etwas düsterer. Nicht selten wird er für sein „Anderssein“ von Schulkameraden nicht nur beleidigt, sondern auch verprügelt. Immer mehr flüchtet er sich in die Welt der Computer-Spiele, auch wenn Jess ihm immer wieder versucht zu zeigen, dass sie ihn, obwohl sie nicht seine leibliche Mutter ist, sehr liebt und akzeptiert. Ihre Tochter Tanzie, mittlerweile zehn Jahre alt, ist ein wahres Wunderkind der Mathematik. Aber das macht es für Jess nicht gerade leichter, denn auch ihre Tochter steht unter dem Druck der Gesellschaft, weil sie nicht nur hochbegabt ist, sondern sich auch einfach anders kleidet und verhält. Jess selbst hat seit dem Abgang ihres Mannes Marty keinen männlichen Körper mehr wirklich in ihre Nähe gelassen. Sie arbeitet in einem Pub und als Putzfrau. Dazwischen bleibt kaum Zeit, und das Geld reicht gerade einmal für das Nötigste. Oftmals aber noch nicht einmal dafür, und so stapeln sich die Rechnungen und Mahnungen wie Wäscheberge. Aber Jess gibt nicht auf. Sie glaubt fest daran, dass ihr Mann irgendwann seine Depression überwindet und heimkehrt. Dass guten Menschen irgendwann etwas Gutes widerfährt.

Der etwas andere Ritter auf dem weißen Pferd

Dann taucht der 34-jährige Ed auf. Ed arbeitet als Programmierer für eine Firma und verdient sich eine goldene Nase. Zwar hatte er in Beziehungen bisher keinerlei Glück, aber als Computer-Genie findet er seine Erfüllung. Durch einen fatalen Fehler wird nun jedoch gegen ihn wegen Insider-Handel ermittelt. Bis zum Ende des Prozess darf er nicht mehr zur Arbeit. Alles, was er sich aufgebaut hat, scheint zusammenzubrechen. Jess, die für Ed putzt, erlebt eines Abends, wie Ed in dem Pub, in dem sie arbeitet, einen völligen Absturz hat. Sie kümmert sich darum, dass Ed sicher nach Hause kommt. Auf dem Boden des Taxis, mit dem sie ihn nach Hause bringt, findet sie eine dicke Geldrolle, die ihr zu diesem Zeitpunkt einen großen Traum erfüllen könnte. Nämlich, dass ihre Tochter auf eine Privatschule für Hochbegabte gehen kann. Jess überlegt hin und her und merkt, dass sie mit der Gutmensch-Einstellung bisher nicht sonderlich weit gekommen ist. Und schließlich warten zu Hause viele Rechnungen und vier traurige Kinderaugen. Also nimmt sie heimlich das Geld und plant, mit Tatsie und Nicky zu einem Mathematik-Wettbewerb nach Schottland zu fahren, um die restlichen Schulgebühren aufzubringen. Wie nicht anders zu erwarten, bleibt sie jedoch mit ihrem alten Auto liegen und wird von Ed aufgelesen. Dieser erklärt sich aus Dank für ihre Hilfe bereit, sie und ihre Kinder plus den furzenden Hund nach Schottland zu bringen. Der Beginn eines schicksalsreichen Roadtrips, der jedem der Beteiligten etwas bringen wird. Und Jess und Ed nicht zuletzt ein heftiges Knistern…

Gut, mit Abstrichen

Die Idee hinter „Weit weg und ganz nah“ ist nicht schlecht, allerdings hat sich Joyo Moyes definitiv in zu vielen Fässern bedient. In ihrem Roman wimmelt es nur so von Problematiken, die natürlich alle real sein können, jedoch selbst für 512 Seiten einfach zu viele sind. Die Autorin versucht zudem leider etwas erfolglos, eine Art der Multiperspektivität einzubauen, die sich kaum wirklich durchsetzt. Viel zu sehr verfällt sie immer wieder zurück in den auktorialen Erzähler. Auch geht dem Leser nach etwa 300 Seiten die Puste aus, weil einfach schon so viel passiert ist, aber die Geschichte einfach kein Ende nimmt. Mit einem wirklich guten Spannungsbogen hätte man das vermeiden können, aber immer wieder herrscht zwischendruch ein Leerlauf, der leider stets zu spät durchbrochen wird. Nach den ersten 300 Seiten fühlt man sich so, als ob man den ersten wirklich guten Teil von „Bridget Jones“ angeschaut hätte und sich nun noch den eher mühsamen und langweiligen zweiten Teil anschauen muss. Das ist schade, denn mit weniger Baustellen, einer präziseren Ausarbeitung des Spannungsbogens und einer pointierteren Handlung hätte der Roman durchaus etwas für sich haben können. Und dennoch ist Moyes mit „Weit weg und ganz nah“ gleich wieder auf Platz 1 der Beststellerliste in der Sparte Paperback durchgestartet – ein Umstand, der sicherlich auch ihrem vorangegangenen Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ zu verdanken ist.

Letztlich kann man sagen, dass an „Chick-Lit“ nichts Verwerfliches ist. Denn im Prinzip kann man schon froh sein, wenn Menschen überhaupt lesen. Zudem muss man einen 500-seitigen Roman erst einmal schreiben. Für die zig romantischen, an die Liebe glaubenden und nachts vom Traummann träumenden Frauen muss es schließlich auch Literatur geben. Es gibt auch wirklich schlimmere Verirrungen in den Bücherregalen der Menschen – und „Fifty shades of grey“ ist nur eine davon. Eigentlich ist es doch ganz schön und niedlich, wenn es Menschen gibt, die noch voll und ganz in Romanen dieser Art aufgehen können. Jojo Moyes selbst hat sich zumindest ein gutes Standing bei ihrer Leserschaft erarbeitet. Die 1969 in London geborene Britin studierte nach einigen Umwegen Journalismus und arbeitete jahrelang für den britischen „Independent“. Mittlerweile lebt sie mit Mann und Kindern in Essex auf einem Hof und hat bisher – mit „Weit weg und ganz nah“ – über zehn Romane verfasst.

Jojo Moyes: „Wei weg und ganz nah“, Roman, 512 Seiten, rororo Verlag, ISBN-13: 978-3499267369, 14,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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