Jörg Smotlacha & Henning Chadde
13. März 2008

Hannovers Agent für Sprache und Zweifel

Über den schriftstellerischen Schaffensprozess, gesellschaftliche Verantwortung, Kneipengespräche und Lindener vom Fass: Kersten Flenter im Interview mit langeleine.de

Kersten Flenter

International erfahren und auf dem Kiez zu Hause: Kersten Flenter

langeleine.de: Kersten, seit mehr als 17 Jahren bist Du nunmehr als Autor, Schriftsteller und Live-Poet tätig, hast über 350 Auftritte bundesweit absolviert und mittlerweile 15 Einzeltitel veröffentlicht. Was ist Dein Antriebsmoment?

Kersten Flenter: Ich denke, das Übliche – Liebe zum Wort und das Bedürfnis, sich auszudrücken, Standpunkte zu klären, die eigene Weltsicht zu transportieren, das alles gepaart mit einer Portion Eitelkeit oder der Unfähigkeit, anders zu kommunizieren. Letzten Endes: Irgendetwas muss man ja machen, und ich habe nichts Vernünftiges gelernt.

ll: Du bist seit langen Jahren weit über die Grenzen der Landeshauptstadt unterwegs, hast, wie zuletzt bei dem Poetry-Multimedia-Projekt „Urban Electronic Poetry“ als Initiator mit international renommierten Künstlern zusammengearbeitet, bist als einziger deutscher Teilnehmer nach Kanada zu den Spoken Word Olympics geladen worden und warst zu Gast beim renommierten Internationalen Poesiefestival Ars Poetica in Bratislava. In Deiner Heimatstadt Hannover wirst Du dennoch vornehmlich als „Lindener Heimatdichter“ wahrgenommen. Was bedeutet diese „einseitige“ Wahrnehmung für Deinen schriftstellerischen Anspruch?

Flenter: Witzigerweise ist die Rezeption ganz unterschiedlich, was meine Lyrik und Prosa betrifft. Meine Kurzgeschichten und Romane fallen beim hiesigen Feuilleton in der Regel mit dem Hinweis durch, dass die Sujets zu sehr im Lokalkolorit verhaftet seien. Das amüsiert und befremdet mich zugleich – schließlich bietet Hannover, respektive Linden, genug literarischen Stoff, und wenn Wladimir Kaminer ein ganzes Buch über die Berliner Schönhauser Allee oder Paul Auster gleich drei Romane über New York schreibt, kommt niemand auf einen solchen Kritikpunkt. Außerdem ist zum Beispiel gerade bei meinem letzten Projekt mit Hans-Jörg Hennecke (Das Lindemann & Stroganow-Buch „Hart am Wasser gebraut“) immer wieder der Einfluss des globalen Wahnsinns auf den lokalen Irrsinn das Thema. Man sollte also ruhig mal nicht nur zwischen den Zeilen, sondern auch die Zeilen selbst lesen. Aber ich gestehe, dass ich manchmal dazu neige, den eigenen Kiez etwas zu romantisieren…

Kersten Flenter

Niemals müde: Kersten Flenter

Was Lyrik anbetrifft, kümmert mich die lokale Ignoranz wenig – meine Gedichte sind in 7 Sprachen übersetzt. Im nächsten Jahr erscheint eine deutsch-russische Auswahl meiner Gedichte in zweisprachiger Buchform, und dieses Jahr erscheinen Texte in Kompilationen in Belgien und Amerika. Was natürlich schon dadurch keine Sau interessiert, dass es sich eben um Lyrik handelt – etwas, dass für meinen Kollegen Peter Düker eher ein Krankheitsbild ist.

ll: Der schriftstellerische Schaffungsprozess ist ja ein sehr einsamer, der nicht wenige Kollegen in die berühmte, vielbesungene Schreibblockade getrieben hat. Welche Erfahrungen hast Du mit der „Abrufbarkeit“ von Kreativität gemacht? Kennt Kersten Flenter Ermüdungserscheinungen?

Flenter: Nein, eher die Panik, nicht alle Ideen umsetzen zu können, weil die Zeit fehlt. Bei mir ist es eher so, dass ich Projekte immer wieder aufschiebe, weil ich zwischendrin Geld verdienen muss. Das ist sehr lästig. Was die Abrufbarkeit von Kreativität anbetrifft, macht, so glaube ich, einfach die jahrelange Übung diese schon möglich. Letztes Jahr habe ich mit einer Kollegin innerhalb von drei Monaten eine Romankomödie für einen Großverlag runter geschrieben, das ging schon. Es gibt ja Hilfsmittel.

Kersten Flenter

Die Liebe zum Wort: Kersten Flenter schreibt

ll: Ach ja – und wo und wie holt der Flenter den „Inspirations-Most“ für seine Texte?

Flenter: Ich habe den kruden Anspruch, den Einfluss der Medien etwas im Zaum zu halten und mein Ohr eher an den Kiosk- und Kneipengesprächen zu halten. Die Grotesken des Zwischenmenschlichen, die in der Hauptsache mein Thema sind, liegen ja offen auf dem Gehsteig rum.

ll: Vielen live-literarischen Formaten wie Lesebühnen und Poetry Slams wird eine zunehmende „Comedysierung“ und Inhaltsleere vorgeworfen. Du bist selbst Mitbegründer von Hannovers erster Lesebühne OraL, hast zahlreiche Slams organisiert und an vielen teilgenommen. Wie beurteilst Du diesen Vorwurf?

Flenter: „Comedy“ ist natürlich spätestens seit Oliver Pocher und Mario Barth ein Schimpfwort, dafür kann sie aber nichts. Grundsätzlich lache ich sehr gern und habe nichts dagegen, mich auf Literaturveranstaltungen zu amüsieren und mich unterhalten zu fühlen. Das Problem ist nicht die Inhaltsleere von Literatur, sondern die unendliche Langeweile von Plagiaten und mindertalentierten Darstellern. Ich meine: Auch beim Slam sollte sich der Künstler seinem Text unterordnen.

Kersten Flenter im Gespräch mit Henning Chadde

„Ich habe nichts Vernünftiges gelernt“ – Kersten Flenter im Gespräch mit langeleine-Redakteur Henning Chadde

Für mich steht aber ein ganz anderer Aspekt im Mittelpunkt, nämlich der, dass das Leben anscheinend nur noch als große Mixed-Show existiert. Jemand, der ein 90-Minuten-Solo-Programm mit allen sinnlichen Höhen und Tiefen auf die Bühne bringt, hat es in der heutigen Zeit, wo die Rezeptionsgewohnheiten eher auf 1,5-minütige Sequenzen ausgerichtet ist, ziemlich schwer. Das ist die eigentlich fragwürdige Tendenz, die ich sehe und die für mich eine gesellschaftliche Dimension hat.

ll: Lässt sich Literatur eine gesellschaftliche Aufgabe zuordnen? Wenn ja, welche und wo verortest Du Dich in diesem Zusammenhang als Autor mit Deinen Texten?

Flenter: Da zitiere ich immer gern den guten Jörg Fauser: Ich sehe mich als Agent für Sprache und Zweifel.

ll: Welche Projekte planst Du für die Zukunft und wo siehts Du Dich in zehn Jahren?

Flenter: Es liegen noch zwei Romane auf der Kopffestplatte, die unbedingt in den nächsten zwei Jahren geschrieben werden müssen. Was die Bühnenpräsenz betrifft, müssen eindeutig die Honorare gesteigert werden. Und wenn alles gut läuft, hocke ich in zehn Jahren endgültig auf Sardinien und sondere nur in Ausnahmefällen mal ein Gedicht ab.

Kersten Flenter

Ohne Probleme auch 90 Minuten auf der Bühne: Kersten Flenter

ll: Eine letzte Frage unter Hannoveranern: Deinem Lieblingsbier Lindener geht es ja so langsam aber sicher an den Kragen. Der Fass-Ausschank wurde Letztens komplett eingestellt, die Flasche steht mittlerweile ebenfalls zur Disposition. Sieht ganz so aus, als würde das gute alte Herri den Jahrzehnte währenden innerstädtischen Biertrinker-Disput gewinnen. Was macht das mit Dir?

Flenter: Das macht mich durstig. Bier ist ein Getränk, das eh nur in der Masse wirkt, da ist der Geschmack zweitrangig. Wer genießen will, sollte Wein trinken.

ll: Kersten, wir danken Dir für das Gespräch.

Nicht verpassen:
Kersten Flenter ist am 28. März mit Short Storys und Soul Poetry zu Gast am KULTURKIOSK von langeleine.de. Er wird Highlights aus seinen Werken zum Besten geben.

mehr Infos zu Kersten Flenter:
www.flenter.de

(Fotos: Jörg Smotlacha (3), Pressefotos (2), Fragen: Henning Chadde)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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