Susanne Viktoria Haupt
18. August 2014

Zwischen dem Louvre und dem Schatten der Shoa

Seitenansicht: „Wörterbuch einer verlorenen Welt“ von Alba Arikha

Melancholisch und stark: „Wörterbuch einer verlorenen Welt“ von Alba Arikha, Buchcover

Alba Arikha lebte eine Kindheit und Jugend, von der manch kulturbegeisterter Mensch nur träumen kann. Sie wuchs in den 1970er- und 1980er-Jahren in Paris auf, ihr Vater war der berühmte Maler Avigdor Arikha, ihre Mutter die Dichterin und Schrifststellerin Anne Atik, ihr Paten-Onkel Samuel Beckett, und häufig gingen sie zusammen mit ihrer Schwester Nog in den Louvre. Das erschien wie eine prägende Kindheit und Jugend, die ganz selbstverständlich die Weichen für ein Künstlerleben stellen würde. In ihrem autobiografischen Roman „Wörterbuch einer verlorenen Welt“ erzählt die Autorin Alba Arikha, wie unzulänglich sie sich selbst wahrnahm. Geprägt durch wilde Locken, die sich nicht zähmen ließen, ein Akne-Problem und dazu auch noch eine Skoliose, die sie an ein rosafarbenes Korsett band. Aber „Wörterbuch einer verlorenen Welt“ ist nicht nur eine Reminiszenz an das eigene Heranwachsen der Autorin, sondern auch eine Hommage an ihren 2010 verstorbenen Vater. Der war nicht nur ein weltberühmter Maler, sondern auch ein Holocaust-Überlebender, der eng mit den damals herrschenden Intellektuellen verbunden war.

Arikha beschreibt ihren Vater als Snob, als abweisend, aufbrausend und verständnislos. Einen Mann, der sie immer wieder zu höheren Leistungen herantreiben wollte, aber dennoch auf Bescheidenheit bestand. Einen starken Charakter, der sich auch in der Persönlichkeit der heranwachsenden Alba niederschlug. Sie rebellierte, rauchte mit 14 Jahren heimlich, schminkte sich ohne Erlaubnis und küsste auf den Fluren der Schule. Zweimal flogt sie sogar von selbiger, weil ihre Noten und ihr Benehmen zu schlecht waren. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Paris und ihren jüdischen Wurzeln, mit denen sie immer wieder durch Besuche in Israel konfrontiert wurde. Arikha beschreibt sich als Person voller Wut. Doch ist die beschriebene Wut keine Wut, die sich in einem Hass auf sich selbst, den Vater oder die Welt widerspiegelt, sondern eine, in einem ganz inspirierenden kreativen Feuer mündet. Arikha schreibt und lässt sich von Samuel Beckett beraten und unterstützen: Sie ignoriert die häufig abwehrende Haltung ihres Vaters gegenüber ihren künstlerischen Gehversuchen.

Alba Arikha hat mit „Wörterbuch einer verlorenen Welt“ ein atemloses, zugleich sanftes und wildes Buch vorgelegt. Ihre Erinnerungen schießen wie messerscharfe Pfeilspitzen auf die Leser – und jede einzelne sitzt perfekt. Es ist ein Roman, der einem, so schnell er auch durchgelesen sein mag, wesentlich länger verfolgt, als so manch anderer Wälzer. Es erscheint fast so, als ob all die schwerwiegenden und belastenden Emotionen und Erinnerungen der Autorin wie rasend schneller Sand durch die Finger gleiten. Dabei gibt Arikha auch der nach dem Holocaust geborenen Generation der Juden eine prägende Stimme und schlägt eine Brücke des Verständnisses zwischen sich und ihren Vater und sicherlich auch zwischen vielen anderen. Eben ein Wörterbuch einer verlorenen Welt. Sie bricht das Schweigen ihres Vaters und auch ihr eigenes Schweigen, das sich im Schatten der Familiengeschichte gebildet hatte.

Heute lebt die Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in London und ist unter anderem auch als Pianistin beschäftigt. Alba Arikha hat ganz offensichtlich ein ausgesprochen großartiges Talent, dass sich durch viele Erfahrungen und Erlebnisse entsprechend entfalten konnte. Unter dem Namen Alba Branca hat sie bereits den Roman „Muse“ und den Kurzgeschichten-Band „Walking on Ice“ veröffentlicht. Es bleibt zu hoffen, dass da noch mehr kommt.

Alba Arikha: „Wörterbuch einer verlorenen Welt“, Roman, 256 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827011022, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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