Heike Werner
19. März 2008

Die mit der Stille spielt

Von zwischenmenschlichen Beziehungen und tiefgründigen Detailbeobachtungen – die Literatin Anikó Kövesdi im Portrait

„Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben und den Zettel dann in irgendeine Schublade gesteckt“, erzählt Anikó Kövesdi, wenn sie sich an die Anfänge ihres literarischen Schaffens erinnert. Das begann im Jahr 2002, und bis heute hat sich aus dieser Lose-Zettel-Sammlung ein beachtliches Repertoire an kleinen Geschichten angehäuft. Seit sie auf einer Literaturveranstaltung den mehrfachen Poetry Slam-Sieger Tobias Kunze kennengelernt hat, kam schnell eins zum anderen. 2007 stand die 26-Jährige zum ersten Mal mit einem eigenen Text auf einer Literaturbühne, der Offenen Bühne in Lehrte. „Da bin ich fast gestorben vor Aufregung“, sagt sie.

Portrait von Anikó

„Ich bin ein Beobachter“, sagt Anikó Kövesdi über sich selbst

Mittlerweile ist die Aufregung vor Bühnenauftritten bei der sympathischen Lehramtsanwärterin nicht mehr ganz so schlimm wie damals. Trotzdem steckt in jeder Lesung immer noch ein wenig Nervenkitzel. „Jeder Auftritt ist gleichzeitig auch eine Probe“, sagt sie. Da sie das Vortragen ihrer Texte vorher nur im Kopf durchgeht, ist es für sie jedes Mal eine Herausforderung, dem Text in der Live-Situation sowohl einen passenden Rahmen zu geben – sei es durch Gestik, Mimik und Stimme –, als auch den nötigen Raum, damit das Publikum Gelegenheit hat, das Gehörte zu verstehen. „Man muss auf der Bühne auch mal spielen, mit den Händen, mit der Stille und mit dem Gesicht. Das alles muss aber zum Text passen, der bei mir immer im Mittelpunkt steht“, betont Anikó Kövesdi.

Aufregende Kindheit zwischen DDR, Ungarn und West-Deutschland

Geboren wurde Anikó Kövesdi 1981 in Dresden, sie verbrachte jedoch einen großen Teil ihrer Kindheit in Budapest, Ungarn. Da ihr Vater als gebürtiger Ungar nicht mit dem sozialistischen Denken der damaligen DDR konform gehen wollte, siedelte die Familie nach Ungarn um, als die kleine Anikó gerade einmal fünf Jahre alt war. Doch auch dort zeigte sich das Leben für die jungen Eltern nicht immer von seiner schönsten Seite, gerade weil sich auch dort die politische Lage immer weiter zuspitzte. „1987/88 sind wir dann über Österreich aus Ungarn nach Deutschland geflohen. Das war für mich ganz schrecklich, weil ich gar nicht weg wollte“, erzählt Anikó rückblickend.

Anikó am Leineufer

In Hannover fühlt sich die Literatin zu Hause

An diese Phase in ihrem Leben erinnert sich die Literatin erstaunlich präzise. Dennoch, oder gerade deshalb, hat sie es bisher nicht geschafft, diese aufregende Zeit literarisch zu verarbeiten. „Irgendwann will ich mal einen Roman darüber schreiben, aber die Recherche dafür geht mir im Moment noch sehr nahe, so dass ich mich erstmal auf andere Themen konzentriere.“ Und das auch, weil sie zurzeit in der Schlussphase ihres Referendariats an einer Lehrter Realschule steckt. Im April wird sie ihre Abschlussprüfungen absolvieren und findet deshalb nur wenig Zeit für die Literatur, zumal sie beide Bereiche bewusst voneinander trennt. „Schule ist das eine, Literatur ist das andere, das ist eher mein Privatleben“, sagt sie.

Schnappschussgeschichten

Thematisch findet sich Anikó Kövesdi hauptsächlich als Beobachterin in zwischenmenschlichen Beziehungen wieder. Durch ihre Herkunft bedingt, interessiert sie sich unter anderem sehr für kulturelle Unterschiede und vergleicht diese gern. Ausgangspunkt scheint ihr dafür ihre eigene Person zu sein: „Aus Ungarn habe ich das Gefühlvolle, aus Deutschland die Disziplin.“ Nicht zuletzt deshalb findet sie es spannend, zu beobachten, wie sich Menschen durch extreme Situationen verändern und warum sie sich voneinander entfernen. Zurzeit schreibt sie hauptsächlich Kurzgeschichten, die aus unmittelbar Erlebtem entstehen – Schnappschussgeschichten, wie sie sie nennt. „Wenn ich eine Situation beobachtet habe, versuche ich, das so schnell es geht, aufzuschreiben“, erklärt sie. Für ihre literarischen Auftritte, wie zum Beispiel bei der Lesebühne Nachtbarden, deren Mitglied sie seit Oktober 2007 ist, orientiert sie sich am vorgegebenen Zeitlimit von etwa 15 Minuten. Das Ergebnis sind ernste Themen mit Stellen zum Schmunzeln: „Das muss sich unbedingt die Waage halten.“

Anikó auf dem langeleine-Sofa

Anikó Kövesdi zu Besuch bei langeleine.de

Seit 1989 lebt Anikó Kövesdi nun in Hannover und fühlt sich sehr wohl, wie sie betont. „Im Gegensatz zu einer Riesenstadt wie Berlin schaut man in Hannover mehr aufeinander und lernt im Alltag eine gewisse Gelassenheit, ohne gleichgültig zu sein“, meint sie. Das einzige, was sie ihrer Meinung nach noch lernen muss, ist, loszulassen – Dinge geschehen zu lassen und trotzdem aktiv zu sein und mitzumachen.

Nicht verpassen:
Anikó Kövesdi ist am 28. März mit tiefgründigen Detailbeobachtungen zu Gast am KULTURKIOSK von langeleine.de. Sie wird Beeindruckendes aus ihrem jungen literarischen Schaffen präsentieren.

Anikó Kövesdi bei den Nachtbarden:
www.nachtbarden.jimdo.com

(Fotos: Heike Werner(2), Jörg Smotlacha(1))

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Kategorien: Literatur, Menschen

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