Susanne Viktoria Haupt
1. September 2014

Peng! Ein Trauerspiel

Seitenansicht: „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ von Fabian Hischmann

Ganz weit am Ziel vorbeigeschossen: Fabian Hischmanns Debüt-Roman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, Buchcover

Max ist Lehrer, Mitte Zwanzig, und sein Leben besteht aus Unterrichten, dem Anschauen von Tier-Dokumentationen und darin, an seinem Penis herumzuspielen. Bis eines Tages seine Eltern anrufen und ihn in seine alte kleine Heimatstadt zurückbeordern, damit er während ihres Urlaubes auf Haus und Hund aufpasst. Dort angekommen trifft er auf seine verflossene Liebe Maria und seinen alten Kontrahenten Jan, die mittlerweile mit drei anderen Leuten eine weitestgehend autarke Kommune gegründet haben. Inmitten seiner alten Freunde, mit denen er gute Erinnerungen, aber auch viele noch unausgetragene Konflikte verbindet, beginnt Max, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber auch seine Unzulänglichkeiten werden ihm bewusst: der mangelnde Umgang mit Emotionen und seine Feigheit. Er erinnert sich daran, dass er früher einmal, als er als Au-Pair für ein Jahr nach Amerika ging, eine versuchte Vergewaltigung mit ansah und unfähig war, einzugreifen. Schließlich versterben seine Eltern im Urlaub auf Kreta. Max ist gezwungen, auf die griechische Insel zu fliegen. Anschließend kehrt er zurück nach New York – nicht ohne eine Persönlichkeitsspaltung zu durchlaufen, die dem dahinvegetierenden Lehrer ein böses zweites Ich an die Seite stellt…

Der schlechte Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur

Vor einiger Zeit durften Literatur-Interessierte eine sehr vage Debatte über die deutschen Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig verfolgen. Es wurde versucht, zu diskutieren, was der deutschen Gegenwartsliteratur fehlt, und wo die akademischen Institutionen versagen. Doch die Diskussion war merkwürdig, weil alle Beteiligten zaghaft um die wichtigen Punkte herumtanzten und sich im Endeffekt jeder persönlich angegriffen fühlte, so dass die Diskussion im Sande verlief. Betrachtet man nun den Debüt-Roman von Fabian Hischmann, einem Absolventen der Universität Hildesheim und des Literaturinstituts Leipzig, muss man konstatieren: Der Autor hat der Diskussion keinen Gefallen getan. Zumindest nicht zu Gunsten seiner Ausbildungsstätten. Denn im Endeffekt ist sein Roman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ ein gutes Beispiel für die wirklich schlechte Situation der deutscher Gegenwartsliteratur. Und der Berlin Verlag hat sich mit der Veröffentlichung des Buches ebenfalls keinen Gefallen getan. Denn dieser Roman schafft es, wirklich nahezu alles falsch zu machen, was ein Roman falsch machen kann.

Fehlende Glaubwürdigkeit

„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ ist deswegen kein guter Coming-of-Age-Roman, weil die Problematik von Protagonist Max trotz oder gerade wegen des Aufzählens aller möglicher Widrigkeiten der Vergangenheit nicht nachzuempfinden ist. Dem Plot fehlt es absolut an Glaubwürdigkeit. Und so fällt es einem nicht nur schwer, mit Max mitzufühlen, es ist gar unmöglich. Hinzu kommt, dass manche Gewalt-Elemente – zum Beispiel die Vergewaltigung in New York – völlig deplatziert und aus dem Zusammenhang gerissen wirken. Und auch die vermeintliche Persönlichkeitsspaltung ist alles andere als überzeugend. Als tragender Protagonist dient Max nicht einmal als Anti-Held, denn er versinkt in völliger Geistlosigkeit und kommt in keiner Situation auch nur annähernd sympathisch herüber. Man kann ihn sogar als abstoßend empfinden und das spricht gewiss nicht für diesen Roman. Denn selbst ein Anti-Held erwärmt immer noch die Herzen. Bis zu einem gewissen Punkt ist es zwar noch möglich, sich die einzelnen Szenen vor dem geistigen Auge vorzustellen, doch sind auch diese letztlich so langweilig wie Deutschlands schönste Bahnstrecken auf ARD. Schließlich möchte man das Buch einfach nur noch zuklappen, denn die ganzen Fässer, die Hischmann im Laufe seines Romans ungeschickt öffnet, behindern die Story nur noch. Keine klare Linie, eine flache Erzählweise und ein Hang zur Selbstüberschätzung – das ist, was von „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ bleibt. Das immer wieder eingefügte „Peng!“ wirkt wie ein gewollter Versuch, möglichst künstlerisch zu wirken. Es nervt jedoch einfach nur gewaltig und macht so viel Sinn wie das gesamte Buch. Ein Trauerspiel.

Fabian Hischmann: „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, Roman, 256 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827011480, 18,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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