Jörg Smotlacha
28. Juli 2014

Eine gegen alle

Das Verhör: „Retrovirus“ von Lydia Lunch

Voller roher Energie: „Retrovirus“ von Lydia Lunch, CD-Cover

Schon ein paar Monate auf dem Markt, aber unbedingt immer noch empfehlenswert ist das Album „Retrovirus“ der New Yorker Underground-Ikone Lydia Lunch. Umgeben von exellenten Mitmusikern wie dem Jazz- und Noise-Gitarristen Weasel Walter (The Flying Luttenbachers), dem Bassisten Jeff Dahl (Child Abuse) und dem Drummer Bob Bert (Pussy Galore, Chrome Cranks), gelang der Sängerin das Kunststück, noch einmal genauso intensive und aggressive Songs auf die Bühne zu bringen wie in den 1980er- und 1990er-Jahren mit Künstlern wie Kim Gordon, Rowland S. Howard oder dem jungen Nick Cave. Da „Retrovirus“ live in der legendären Brooklyner Knitting Factory aufgenommen wurde, ist nichts von der rohen Energie verlorengegangen, welche die rebellische und politische Künstlerin, die bei ihren Auftritten schon einmal mit Ärger droht, wenn ungehörige Zuschauer im Publikum herumquatschen oder geistlose Handy-Fotos schießen, so auszeichnet.

„Retrovirus“ beginnt mit dem gerade einmal halbminütigen Sound-Gewitter „Red Alert“, gefolgt von einer lakonischen Ansage von Lunch und dem schleppenden, sperrigen „I Woke Up Dreaming“, bei dem die mittlerweile 55-jährige Sängerin ihren typischen Sprechgesang passend zu den Stakkato-Attacken der Saiteninstrumente setzt. Immer mal wieder an die guten alten Birthday Party erinnern das noch schleppendere „Mechanical Flattery“ und das flirrend schnelle „Love Split With Blood“, bevor bei „Ran Away Dark“ und „3 x 3“ vor allem die virtuosen, allesamt sowohl in der Jazz- als auch in der Noise-Szene aktiven Musiker beeindrucken können. Großartig sind das schräge „Afraid Of Your Company“, das obendrein stellvertretend für Lunchs Haltung ein einziges politisches Statement ist, und „Burning Skulls“, bei dem Lunch live immer wieder gerne an ihren mittlerweile verstorbenen einstigen Partner Rowland S. Howard erinnert, mit dem sie den Song einst gemeinsam perfomte.

Was folgt, hält auf einem Album, das keinerlei Ausfälle hat, wenn man sich für Lunchs brutal-trockene Songs begeistern mag, unbedingt das Niveau: „No Excuse“ ist aggressiv wie Punkrock und Hardcore seit jeher gerne sein wollen, aber nur selten sind, während „Meltdown Oratorio“ an die Spoken Word-Vergangenheit von Lydia Lunch erinnert und eher einem Hörspiel gleicht. Düster und wüst kommen „The Gospel Singer“ und „What Is It“ in die Wertung. Und dann folgt „Black Juju“, ein 11-minütiges Monster von einem Song, in dem noch einmal alles steckt, was Lydia Lunch und Retrovirus – denn so heißt nun auch ihre grandiose Begleitband – ausmacht. Anspieltipps? Alle 13 Songs, ohne Frage. Eine rundum gelungene Platte für Freunde von düsterer, aggresiver Musik mit Haltung. Frauenpower mit einer erstaunlichen Bandbreite, liegt die nicht zu findende Schublade für diese Art von Musik doch irgendwo zwischen Jazz, Noise, Hardcore und Avantgarde. Großartig.

Lydia Lunch: „Retrovirus“, CD, 13 Songs, 58:45 min., Interbang

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel