Henning Chadde
23. März 2008

Zwischen zwei Welten voll das Leben

Mit Charme, Talent und Stimmgewalt: Die Sängerin Neele Kramer im Portrait

Man stelle sich bitte folgendes Szenario vor: Ein Konzert in der 60er-Jahre Halle der Faust vor etwas über zwei Wochen. Auf der Bühne gibt der schwedische Kult-Soul-Rocker Moneybrother samt fünfköpfiger Begleitung alles – und das nicht gerade leise. Knapp 800 begeisterte Fans singen jede Zeile tiefbeseelt und lautstark mit, der Laden kocht, schwitzt und tobt. Und dann fragt man sich „Moment mal, auf der Bühne ist doch gar keine weibliche Background-Sängerin zu entdecken? Wo aber kommt dann diese Stimme her?“ Ungläubig schüttelt man den Kopf, und dann sieht man sie: In der zweiten Publikumsreihe steht Neele Kramer und singt aus voller Kehle das gesamte Band-Repertoire von A bis Z mit. Und das Beste: Sie tut dies, als wäre es das Natürlichste und Einfachste der Welt, ohne technische Gesangsverstärkung gegen eine voll elektrifizierte Band zu bestehen. Ganz zu schweigen von den 800 Mitsängern rund herum. Und so könnte es nicht wundern, wenn Herr Moneybrother nun doch über eine weibliche Background-Begleitung nachdenken würde…

Portrait Neele Kramer

Hat gut lachen, denn vor ihr gehen selbst schwedische Rockröhren in die Knie: Neele Kramer

Einmal alles, bitte!

Die Szene vom Moneybrother-Konzert beschreibt die Wandlungsfähigkeit und unbändige Lebenslust der Sängerin Neele Kramer ziemlich treffend, um nicht zu sagen „wie die Faust aufs Auge“. Kramer studiert an der Musikhochschule Hannover Operngesang, steht auf Rockmusik und jobbt „studienbegleitend“ seit beinahe drei Jahren im hannoverschen Kult-Keller-Club Béi Chéz Heinz. „Das passt doch gar nicht zusammen“, mögen gewürzkonservative Opernfans nun denken – Neele allerdings verbindet die vermeintlichen Gegensätze mit einer sympathisch-selbstbewussten Leichtigkeit, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie genießt das Wandeln in verschiedenen Zusammenhängen und betont: „Ich möchte weder auf das eine noch das andere verzichten. Beides macht mir unheimlich viel Spaß, das klassische Studium und meine Arbeit und Freundschaften im Béi Chéz Heinz“. Dabei führt die 22-Jährige nachdenklich aus, dass Gesangs- und Bühnenpräsenz auch im Opernbereich keinesfalls allein über die Stimmbildung zu erreichen seien, sondern sich erst über die Persönlichkeit und die gemachten Erfahrungen schulen ließen. „Ich habe einfach Lust, diese Erfahrungen zu machen, meinen Horizont ständig zu erweitern“, fügt sie grinsend an, denn „es gibt unglaublich perfekte Sänger, ganz oft leider aber ohne Ausdruck und Patina, das ist schade“.

Neele auf dem langeleine-Sofa

Bei Neele ist alles da: Charme, Ausstrahlung, Stimme und jede Menge Humor

Auf dem Sprung in die große Welt

Während ihre Karriere im Béi Chéz Heinz erst mit dem Umzug nach Hannover vor knapp drei Jahren ihren Anfang nahm, liegt der Beginn von Kramers musikalischer Laufbahn bereits lange zurück. Angefangen hat alles im Kinderchor Fuhrberg. „Da muss ich ungefähr acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Schließlich habe ich an der jährlich ausgeschriebenen Aufnahmeprüfung vom Mädchenchor Hannover teilgenommen und bestanden“, führt sie aus. Das war 1996, und für die folgenden elf Jahre wurde der renommierte Chor ihre musikalische Wahlheimat. Mit dem Mädchenchor reiste sie nach Kanada, Italien und Norwegen und unternahm ausgedehnte Deutschland-Reisen. Zudem standen zahlreiche nationale und internationale Wettbewerbe auf dem Programm.

Neele mit Faust-Veranstaltungsprogramm

Super! Von den internationalen Bühnen zum Kulturkiosk

Ganz besonders stolz ist Kramer als ehemalige Chor-Solistin des Mädchenchors Hannover auf den gemeinsamen Gewinn der Deutschen Chormeisterschaft 2006. „Zudem mit der höchsten Punktzahl in der Kategorie Frauen- und Mädchenchöre, das war schon was ganz Besonderes“, schwärmt sie. Rückblickend schätzt sie an der Chor-Erfahrung vor allem die erlernte Disziplin, die Zuverlässigkeit und intensive, individuelle Förderung sowie die Bandbreite des Repertoires. „Von Klassik über Kirchenchoral bis zur Moderne ist alles dabei, es gibt ein unglaublich breites Klangspektrum und eine intensive Schönheit zu entdecken“, fügt sie an, wobei Neele Kramer sich bis heute nicht als „Klassik-Nerd“ verstanden wissen will. Die Begeisterung für die Klassik habe sie sich im Chor immer direkt über die Stücke und Programme erschlossen. „Ich hab‘ mich einfach überraschen und anstecken lassen. Aber meistens habe ich mir zuhause dann doch wieder richtig Mädchen-Metal von Punk bis Pop gegeben, quasi zum Ausgleich“, führt sie lachend aus.

Portrait Neele

In diesem Kopf tanzen Chor, Oper und Mädchen-Metal Tscha Tscha Tscha

Von Operngesang und Dicke-Hose-Rock

Seit 2006 studiert Neele Kramer nunmehr an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover Operngesang. Beworben hatte sie sich gleich an drei Hochschulen, dreimal hat sie die äußerst anspuchsvollen Aufnahmeprüfungen – für die sie extra Klavier lernen musste – mit Bravour bestanden. Unter anderem hätte die Mezzo-Sopranistin ihr Studium auch an der Berliner Hanns Eisler-Universität in der Gesangsklasse von keinem Geringeren als Thomas Quasthoff beginnen können. Ihre Herzensentscheidung fiel schließlich aber dennoch klar für Hannover aus. Kein Wunder, denn hier steht ja auch das Béi Chéz Heinz. Und auch hier beehrte Neele bereits mehrfach in verschiedenen Konstellationen die Bühne mit ihrer beeindruckenden Stimmgewalt.

„Ja, zwei Mal war ich jetzt schon beim traditionellen April-Festival mit dem Projekt Gott und Götter dabei, hab‘ mit SölterKirleis gesungen und außerdem diverse Duette mit dem Pianisten Holger Kirleis absolviert. Das hat sauviel Spaß gemacht.“ Am liebsten würde sie denn auch in diesem „zweiten“ Leben irgendwann einmal eine eigene Band gründen. „Das hat eine andere gesangliche Energie, ist nicht so verkopft und man kann auf der Bühne richtig die Sau rauslassen“, schwärmt sie, obwohl man natürlich auch in der Oper richtig aus sich herausgehen könne. Nur eben etwas kontrollierter und inszenierter. Leider fehle für ein Band-Projekt momentan neben dem Studium aber die Zeit. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden, nicht?“, betont sie humorvoll. Keine Frage, dass Kramer in diesem Zusammenhang in Sachen Band natürlich nicht an seichten Mädchen-Plüsch-Elektro der Marke 2Raumwohnung denkt, sondern an die gute alte Tante Rock „mit richtig Wumms, eigenen Songs und Knüppel aus dem Sack“.

Gemütlich! Neele Kramer mit Henning Chadde auf dem langeleine-Sofa

Neele gibt langeleine-Redakteur Chadde ordentlich Nachhilfe in Sachen Rock

Heidewitzka, wenn diese Frau diese Ideen auch noch umsetzt, dann können sich alle Jung- und Altrocker dieser Stadt ordentlich warm anziehen. Und vermutlich wäre es dann tatsächlich nicht mehr lange hin, bis Mr. Moneybrother höchstpersönlich in Schweden zum Telefonhörer greift, um mal kurz in Hannover bei einer gewissen Frau Kramer durchzuklingeln. Von wegen weibliche Backings und so… Aber Vorsicht Herr Geldbruder, Neele drückt Dich in Null Komma Nichts komplett an die Wand. Wetten?

Nicht verpassen:
Unter dem Motto „Neele singt!“ gibt Neele Kramer gemeinsam mit dem Pianisten Holger Kirleis am 28. März am KULTURKIOSK von langeleine.de einen mitreißend klassisch „unklassischen“ Einblick in die Neue Deutsche Welle und deutschsprachige Songperlen von Ideal, Extrabreit, UKW, Nina Hagen, Joint Venture und vielen mehr.

(Fotos: Pressefotos (2), Henning Chadde (3))

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Kategorien: Menschen, Musik

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