Matthias Rohl
25. März 2008

Filmgeschichte(n): „Heat“

Die Erotik der Präzision: Michael Mann ist einer der faszinierendsten Regisseure unserer Zeit

Unter Kriminologen kursiert das geflügelte Wort „dirty work, dirty fingers“. Pars pro toto – verdeckte Ermittler bleiben auf Dauer nie „sauber“. Irgendwann kommt der Moment, in dem die Verhältnisse, in denen man steckt, die Grenzen zwischen Recht und Straftat verschwimmen lassen. Ein gefährliches Spiel. Dazu kommt bei der Jagd auf das professionelle Verbrechen der Adrenalinrausch, den Polizisten oft beschreiben. Und sie zahlen nicht selten den hohen Preis der Zerstörung ihres Privatlebens. Ein solcher Beruf verändert die Menschen, die ihn ausüben, auf drastische Weise. Sie sehen, was wir nicht sehen – die Dunkelkammern des modernen Lebens.

Filmplakat zu “Heat” (1995)

Michael Manns Opus Magnum: „Heat“ von 1995

Jagd auf Augenhöhe

Detective Vincent Hanna (Al Pacino) ist einer dieser einsamen Jäger. Er steht vor den Trümmern seiner dritten Ehe, seine Frau schluckt Tabletten, seine Stieftochter wirkt verstört. Seine einzige Bestimmung findet er in der Jagd auf die Gangster, die er unerbittlich aus dem Verkehr zieht. Doch diesmal findet er einen Gegner auf Augenhöhe. Neil McCauley (Robert De Niro) und sein eingespieltes, präzise agierendes Team haben einen Wertpapier-Transport überfallen. Waingro (Kevin Gage), der neue im Team, erweist sich indes als Psychopath und Serienkiller – und erschießt aus purer Lust einen der Wachmänner. Nun ist ihnen Hanna wegen Raubmords auf den Fersen, und es entbrennt ein erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod, in dem nur einer überleben kann…

Robert De Niro als Neil McCauley, Filmszene aus “Heat”

Innere Vereisung: Robert De Niro als Neil McCauley

Hitze unter cooler Oberfläche

„Heat“ (1995) ist in jeder erdenklichen Hinsicht ein cineatischer Superlativ. Vordergründig liefert uns Regisseur Michael Mann in seinem Opus Magnum ein bis ins Detail ausgeklügeltes Action-Abenteuer-Schachspiel – einen modernen Großstadt-Western im Gewand des klassischen Katz-und-Maus-Spiels zweier Männer auf der jeweils anderen Seite des Gesetzes. Doch die Art, in der Mann vertraute Genrebilder aus Gangsterballade, Krimi und Thriller zu einer völlig neuen, unterkühlt wirkenden Stilsynthese geformt hat, war für das Kino der 90er-Jahre einzigartig – und wirkt nach bis in unsere Zeit. Doch die genuine Innovation bestand nicht in Manns unbedingtem Ästhetizismus, sondern vielmehr in einer bis dahin kaum gekannten Komplexität der Figurenzeichnung. Das Kino des Michael Mann ist stets bestes Schauspielerkino. Es sei, so bekannte der Präzisionshandwerker in einem Interview, ein Antrieb des Films gewesen, „die Bewegung ins Innenleben der Figuren in einer sehr formalen Struktur zu erkunden“.

Al Pacino als Vincent Hanna, Postkarte zu “Heat”

Barock und berauscht: Al Pacino als Vincent Hanna

Pacino versus De Niro

Solche formalen Erkundungen verlangen Darstellern alles ab. Abgesehen vom ohnehin bis in kleinste Nebenrollen brillanten Casting des Films, welches noch lange während der Dreharbeiten weiterlief, ist es zweifellos der größte und höchst medienwirksame Coup dieses Films gewesen, die Leinwand-Legenden Al Pacino und Robert De Niro für „Heat“ begeistert zu haben. Und Michael Mann spielt mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, indem er einen genialen Trick inszeniert – er spannt die Zuschauer auf die Folter, bis die beiden Großdarsteller endlich in der berühmten Autobahn-Cafe-Szene zum ersten Mal aufeinandertreffen. Und da sitzen die beiden dann, trinken Kaffee, plaudern über ihre zerrütteten Existenzen und ihre Träume – und darüber, dass möglicherweise beim nächsten Mal einer von beiden sterben wird. Und der Regisseur kommentiert diesen denkwürdigen Moment mit einer Hynme auf seine Schauspieler: „Hohe Schauspielkunst fürs Kino in ihrer ganzen Schlichtheit, auf ganz hohem Niveau, das sind Bobby und Al in dieser Szene“.

Vincent Hanna (Al Pacino) und Neil McCauley (Robert De Niro) beim Kaffeetrinken, Filmszene aus “Heat”

Einer der berühmtesten Kaffees der Filmgeschichte: Vincent Hanna (Pacino) trifft auf Neil McCauley (De Niro)

Poesie der Präzision

Michael Mann ist einer der faszinierendsten Autorenfilmer unserer Zeit, sein Stilbewusstsein atmet durch jede Einstellung, jedes Bild und jeden Schnitt. In „Heat“ erweist sich die kongeniale, entfesselte Kamera Dante Spinottis als weiterer heimlicher Cinemascope-Hauptdarsteller. Die filmgeschichtlich bedeutsame, brutale Bankraubschießerei nimmt als Projektil-Ballett beinahe lyrisch-poetische Züge an. Michael Mann, der ein geradezu obsessiv-erotisches Verhältnis zur Präzision pflegt, ließ seine Darsteller monatelang auf der Schießbahn mit scharfer Munition trainieren, fuhr zur Vorbereitung des Drehs mit dem Kommandanten des Los Angeles Police Department bewaffnet(!) zu realen Einsätzen der Kategorien „Mord“ und „Raubüberfall“ und ließ Knast-Legende Edward „Eddie“ Bunker als „technischen Berater“ am Set Exemplare seines von James Ellroy geadelten Gefängnisliteratur-Klassikers „Wilder als ein Tier“ („No Beast so Fierce“, 1973) zur Lektüre an die Schauspieler verteilen. Edward Bunker setzte er dann mit der Rolle des Strippenziehers „Nate“ (wunderbar schmierig: Jon Voight) in „Heat“ ein cineastisches Denkmal. Und – ein weiterer ingeniöser Kunstgriff – Mann wählte Drehorte aus, die in ihrer Architektur das Innenleben der Figuren spiegeln: „Wenn Neil aus dem Fenster starrt, ins eisige Blau des Meeres, weiß man, dass da eine Disziplin und eine enorme Einsamkeit in dem Mann ist. Er ist wie auf Eis, ein Mann auf Eis.“ Auch wenn jüngere Arbeiten wie „Collateral“ (2004) oder „Miami Vice“ (2006) etwas von der Komplexität in „Heat“ vermissen lassen, so ist doch gewiss – Michael Mann ist der singuläre Meister der ökonomischen Perfektion. Sein Puls schlägt synchron zu unserer Zeit.

nächste Folge:
„Running Scared“
Blutige Reise durch die Nacht: Wayne Kramers Action-Thriller ist ein grimmiger Angriff auf den Hollywood-Mainstream

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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