Jörg Smotlacha
26. März 2008

„Das Gestalterische gehört ganz wesentlich zu meiner Lebensstrategie“

Über Dadaismus, überfahrene Frösche und Respekt vor dem Handwerk: Der hannoversche Künstler Hajo Kaulbars im Portrait

Unterhält man sich mit Hajo Kaulbars über die Kunsthistorie, so landet man schnell bei den vermuteten Vorbildern. Zum Beispiel bei „Lokalmatador“ Kurt Schwitters, dessen Werke Kaulbars das erste Mal „im zarten Alter von 15 Jahren“ im Sprengel Museum sah, oder bei Marcel Duchamps berühmter Kloschüssel, die für Kaulbars einen „Schlag ins Kontor“ der etablierten Künste bedeutete. Doch sofort stellt der hannoversche Künstler klar, dass es ohne Dada zwar keine Popart gegeben hätte, aber es der folgenden Postmoderne gleichwohl nicht gelungen sei, den „normalen Kunstbetrieb zu zerschlagen“. Im Gegenteil, alle genannten Künstler seien heute selbst zu Ikonen geworden. Und so ist für den gebürtigen Walsroder, der beeindruckend vielschichtige Assemblagen anfertigt, ein Resultat der Kunstgeschichte, für seine eigenen Arbeiten „keinen künstlichen geistigen Überbau zu erfinden“. Es gehe vielmehr darum, das Handwerkliche zu beherrschen und gleichzeitig „neue Welten zu entdecken“.

Hajo Kaulbars

Inspiriert vom Dadaismus und der Klassischen Moderne: Hajo Kaulbars

Räumliche Freiheiten

Natürlich, als „junger Unverstandener auf dem Dorfe“ habe er schonmal „Bilder zerhackt“, immer auf der Suche nach dem Ausdruck, Taschenrechner zerkloppt und dann Assemblagen hergestellt mit Titeln wie „Der überfahrene Frosch“. Folgerichtig haben ihn die Leute auf dem Land, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, „für verrückt erklärt“. Doch Kaulbars hatte eine Haltung zur Kunst, malte und zeichnete, seit er „einen Stift halten konnte“, und nutzte einfach die räumlichen Freiheiten, die sich in seiner Jugend boten, zum experimentellen Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien.

Hajo Kaulbars: o.T. [Ausgezeichnet für Leistung und Qualität], 1990, 28×37cm

Hajo Kaulbars: o.T. [Ausgezeichnet für Leistung und Qualität], 1990, 28x37cm

„Künstler mit proletarischem Hintergrund“

Das Elternhaus war künstlerisch orientiert, die Schwester studierte Design, und Kaulbars half seinem Schwager bei Renovierungsarbeiten. Er strich Fassaden. „Renovierungs-Amok-Aktionen“ nennt der 39-Jährige diese Tätigkeiten, die ihn mindestens ebenso geprägt haben wie seine künstlerischen Fähigkeiten, im Rückblick. Und der Respekt vor dem Handwerk wuchs: Wenn ein Künstler und ein Handwerker die gleiche gestalterische Auftragsarbeit erhielten, und „der Schlosser“ diese besser erledige als der Kreative, „dann ist das für mich völlig in Ordnung“, sagt Kaulbars und nennt sich selbst „Künstler mit proletarischem Hintergrund“. Das bedeutet für ihn, gestalten zu wollen, „egal, ob du ein Zimmer anrollerst oder einen Stuhl restaurierst oder ein Bild malst, welches perfekt übers Sofa passt“.

Hajo Kaulbars: 04, 2001, 75×100cm

Hajo Kaulbars: 04, 2001, 75x100cm

Handwerklicher Anspruch

Und so lebt Hajo Kaulbars, der in Hannover Politik, Geschichte und Soziologie studierte, auch nicht in erster Linie von der Kunst. Seinem Broterwerb kommt er in einer Spedition am Lindener Hafen nach. Nebenbei ist er als „Autodidakt“ künstlerisch tätig, fertigt Assemblagen und Collagen und renoviert auf Wunsch: „Ich leg Dir da einen Fußboden rein oder mache die Beleuchtung“. Der handwerkliche Anspruch aber bleibt. Wichtig sei, dass „die Farbe nicht abplatzt“, schmunzelt der Wahl-Hannoveraner, der die Leinemetropole „wunderschön“ findet.

Hajo Kaulbars: o.T., 2002, 31×36cm

Hajo Kaulbars: o.T., 2002, 31x36cm

„Das Bild entsteht im Auge des Betrachters“

Als Student sei er auf die Idee gekommen, sich der „Öffentlichkeit zu zeigen“, sagt Kaulbars, der in den 90er-Jahren begann, unter anderem in Kneipen auszustellen. Es ging ihm darum, nicht nur „normal zu arbeiten“, denn „das Gestalterische gehört ganz wesentlich zu meiner Lebensstrategie“. Seine Kunst möchte „Staunen machen“ – und so entfalten seine Malereien und Assemblagen einen „kindlichen Charakter“, der einem die Chance gibt, Bilder neu zu entdecken, sie morgens und abends aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und – einem Suchbild gleich – ständig neu zu interpretieren.

Hajo Kaulbars: o.T. [Schund in allen Variationen], 2002, 31×38cm

Hajo Kaulbars: o.T. [Schund in allen Variationen], 2002, 31x38cm

Ein Lebenswerk in Palettengröße

Hajo Kaulbars ist ganz unvoreingenommen Großstädter geworden: „In dem Dorf, wo ich aufwuchs, erkenne ich nichts mehr wieder – überall umgesägte Bäume und verkehrsberuhigte Straßen“. Hannover dagegen sei eine „Liebe auf den zweiten Blick“ gewesen – von hier aus kann der passionierte Rennradfahrer die Gegend erkunden, ohne größere Straßen zu benutzen. Gleichsam unbeschwert sieht er sein Leben als Künstler. Und dennoch, bei aller Offenheit, die dem Auge des Betrachters naturgemäß innewohnt – natürlich haben die Werke von Hajo Kaulbars eine immanente Bedeutung. Denn die für seine Assemblagen verwendeten Fundstücke „haben mit meinem Leben oder dem Leben der anderen zu tun“. Eine rein tagespolitische Ausrichtung aber reiche nicht, betont der 39-Jährige, die habe wenig Halbwertzeit. Und so träumt Hajo Kaulbars von einer wirklich großen Auftragsarbeit, „am Besten im Palettenformat, das muss für ein Leben reichen!“

Nicht verpassen:
Hajo Kaulbars zeigt am 28. März beim KULTURKIOSK von langeleine.de in einer Vernissage eine Auswahl seiner besten Werke – vom Dadaismus und der Klassischen Moderne inspiriert und dennoch ein ganz eigenes Universum an Ausdruck und förmlich erlebbarer Tiefe. Anschließend ist seine Ausstellung noch bis zum 9. Mai im Café Siesta im Kulturzentrum Faust zu sehen.

(Foto Kaulbars: Jörg Smotlacha)

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Kategorien: Kunst, Menschen

Ein Kommentar

  1. shakira sagt:

    … und der Baumarkt sei meine heilige Kultstätte,
    die Brutstätte meiner Inspiration.

    Hip’s Don’t Lie
    Oh baby when you talk like that
    You make a woman go mad
    shakira

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