Susanne Viktoria Haupt
15. September 2014

Literarischer Fall

Seitenansicht: „Nur wer fällt, lernt fliegen“ von Anna Gavalda

Frankreich von der rauhen Seite betrachtet: Anna Gavaldas „Nur wer fällt, lernt fliegen“, Buchcover

Billie und Franck verbindet nahezu nichts, bis auf die Tatsache, dass sie gemeinsam dieselbe Klasse besuchen. Franck ist ein sensibler und introvertierter Junge, der auf Wunsch des Vaters später einmal Anwalt werden soll. Billie hingegen kann nur davon träumen, dass mal irgendjemand etwas „Großes“ von ihr erwartet. Sie wächst in einer Wohnwagensiedlung in Frankreich auf und lernt dort ausschließlich, sich durchzuboxen. Dennoch verweben sich die Lebenswege der beiden durch eine Theaterszene, die sie gemeinsam in der Schule erarbeiten sollen. Francks milder Charakter dient fortan als Anker, wenn Billie einmal wieder abstürzt. Selbst, als die beiden durch Francks Internatbesuch getrennt werden, bleibt eine innere Bindung bestehen – und die führt sie in Paris wieder zueinander. Franck studiert wie gewünscht Jura und Billie studiert das Leben mit allen Tiefen, die es zu bieten hat. Alkoholprobleme, wechselnde Partnerschaften, Gewalt und Armut stehen bei ihr auf der Agenda. Beide haben sie Träume, und wovon Franck am meisten profitiert, ist Billies Glaube an ihn. Und Billie wiederum von der Gewissheit, dass Franck sie niemals alleine lassen wird.

Der Roman fällt aus dem Rahmen

Grob betrachtet ist die Geschichte, die Frankreichs Erfolgsautorin Anna Gavalda da gestrickt hat, ein sicherer Plot. Zwei grundverschiedene Charaktere, die sich gegenseitig positiv beeinflussen. Auch, wenn die beiden Haupt-Protagonisten auf Grund von Francks Homosexualität den Lesern keine Liebesbeziehung in herkömmlicher Sicht bieten, geben sie doch ein Paradebeispiel für eine wunderbare Freundschaft. Anna Gavalda, die mit „Zusammen ist man weniger allein“ 2005 einen literarischen Hit landete, stand seitdem für eine einnehmende Erzähltechnik, klassische französische Charaktere und ein sicheres Händchen für funktionierende Dramaturgie. Auch ihre Kurzgeschichten, die oftmals ein bitteres Ende hatten, waren fesselnd und glänzten durch ihre Fähigkeit, sie gut zu erzählen. Wenn auch stets nur mit mäßigem Anspruch. Mit ihrer Familien-Novelle „Ein geschenkter Tag“ von 2010 bewies Gavalda einmal mehr, dass sie die Leser sanft und ohne größere Komplikationen durch ihre Geschichte leiten konnte. „Nur wer fällt, lernt fliegen“, ihr neuester Roman, fällt jedoch leider aus dem Rahmen.

Weniger berührend als gedacht

Nach der Lektüre wirkt das Buch fast so, als ob Gavalda die Muße dazu gefehlt hätte, ihre Geschichte rund um Billie und Franck richtig auszuarbeiten. Die Charaktere bleiben leider sehr oberflächlich und die Geschichte der im Leben andauernd scheiternden Billie mangelt es an Authentizität. Ihr von Gavalda aufgesetzter Jargon erweckt den Anschein, als ob ein Erwachsener versucht, sich sprachlich an die Kids vom Schulhof anzunähern. Mit rasanter Geschwindigkeit jagt Gavalda die Leser durch die Historie dieser Freundschaft, doch letztendlich verliert sie die dabei. Immerzu wünscht man sich, dass sie genauer wird, mehr Herzblut in ihre Charaktere und die Handlung legt. Bis zu dem Punkt, an dem sie in ein Ende hineinschlittert, dass zwar im Sine eines Happy Ends gut gemeint ist, aber weniger berührt als gedacht. Als Kennerin ihrer bisherigen Romane und Geschichten weiß man, was als Idee dahinter stecken könnte. Frankreich einmal von seiner rauhen Seite zu zeigen, das Scheitern abzubilden und dennoch Hoffnung in die Tristesse zu bringen. Vielleicht auch die Idee, mal etwas anderes zu sein als die Autorin von sanften Geschichten, die nur schön berührend sind. Mal etwas ernsthafter zu wirken. Ich glaube nicht, dass das ein Gebiet ist, in das Gavalda nicht hineinwachsen könnte, jedoch bedürfte es dazu wesentlich mehr Willen. „Nur wer fällt, lernt fliegen“ ist leider nicht einmal zu den leichten Urlaubslektüren zu zählen. Aber vielleicht lernt Anna Gavalda durch diesen Fall wieder literarisch zu fliegen.

Anna Gavalda: „Nur wer fällt, lernt fliegen“, Roman, 192 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446245952, 18,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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