Susanne Viktoria Haupt
6. Oktober 2014

Mehr als ein Internatsroman

Seitenansicht: „Skippy stirbt“ von Paul Murray

Macht gekonnt ein großes Fass auf: „Skippy stirbt“ von Paul Murray, Buchcover

Heute um genau 18 Uhr beginnt die Preisverleihung des Deutschen Buchpreises. Das ist spannend für die deutsche Literatur, auch wenn der Preis besonders dieses Jahr stark in die Kritik geraten ist. Zum einen verurteilt man den Buchpreis einzig und allein zu existieren, um den Abverkauf anzukurbeln. Die ohnehin in jeder Branche diskutierte Frauenquote wird auch hier vermisst. Zu viele Männer auf der Longlist urteilen Kritiker. Über die Qualität lassen sich die erhitzten Gemüter natürlich auch aus. Man mag sich fragen, ob dieser noch junge Preis (seit 2005) überhaupt einen Sinn macht, aber das soll nicht Gegenstand dieses Artikels sein. Während sich nämlich derzeit alle mit den Titeln auf der Long- und Shortlist beschäftigen, soll mein Augenmerk auf einem ganz anderen Preis liegen, dem Man Booker Prize 2014. Seit einigen Jahren schon verfolge ich die Interviews mit der Jury und den Nominierten. Auf die diesjährige Shortlist hat es beispielsweise erneut Ali Smith geschafft. Jedes Jahr bin ich erneut über die hohe Qualität der nominierten Werke erstaunt, lassen sich doch selbst die Romane auf der Longlist ohne größere Ausschläge nach unten genüsslich lesen. So sehr ich auch versuche, unseren Lesern stets einen Aktualitätsanspruch zu bieten, lohnt es sich dennoch auch einmal etwas tiefer in die Buchkiste zu greifen und mit „Skippy stirbt“ von Paul Murray einen Roman herauszuziehen, der 2010 auf der Longlist für den Man Booker Prize stand und erstaunlicherweise im deutschsprachigen Raum wenig Presse bekam – bis auf eine niederschmetternde Kritik auf Zeit online, die dem Werk allerdings in keinster Weise gerecht wurde.

Das erste Verliebtsein

In „Skippy stirbt“ dreht sich alles um das Leben am fiktiven katholischen Jungen-Internat Seabrook in Dublin. Rupert van Doren, ein Achtklässler mit Gewichtsproblemen, verbringt die meiste Zeit damit, sich damit auseinanderzusetzen, wie das Universum entstanden ist. So sehr er auch für seine Figur geächtet wird, so sehr zieht er auf Grund seiner herausragenden Intelligenz auch Neider an. Rupert wohnt zusammen mit Skippy, einem Mitglied des Schul-Schwimmteams, das trotz seiner sportlichen Leistungen einen eher schmächtigen und fragilen Eindruck macht. Zusammen mit ein paar weiteren Jungen bilden die beiden eine aus der Not heraus entstandenen Clique, die gemeinsam versucht, den Problemen des Internatslebens zu trotzen. Seien es die aufkeimende Sexualität, die Mädchen aus dem gegenüberliegenden Internat oder die barschen und verklemmten Lehrer, die ihnen den Tag schwer machen und mit konservativen und katholisch geprägten Erziehungsmethoden versuchen sie zu zügeln. Es ist eine Jugend, die im Hier und Jetzt ihren Platz sucht. In einer Gesellschaft, in der schneller Ritalin als Umarmung verschrieben wird und penibel darauf geachtet wird, dass die Brut möglichst herausragende Ergebnisse erzielt. Skippy verliebt sich in das Frisbee spielende Mädchen Lori vom Mädchen-Internat, doch die hat längst mit dem schuleigenen Bad Boy Carl angebandelt. Der gehört zu den Seabrook-Schülern, die von außerhalb kommen, obwohl seine familiären Umstände schlimmer erscheinen, als es eine Internatsumgebung je erdenken könnte. Skippy jedoch lässt sich von der fixen Idee nicht ablenken, dass er der einzig Richtige für Lori ist. Mit aller Kraft versucht er, Loris Herz zu erobern und findet sich dabei alsbald in einer heroischen Schulhof-Schlägerei wieder. Der Anfang des Romans, und natürlich auch der Titel verraten jedoch das Unheil: „Skippy stirbt“. Die Gründe und Ausmaße seines Todes bleiben jedoch vorerst im Unklaren.

Lehrer in der Krise

Parralell dazu beleuchtet Autor Paul Murray in seinem Roman die Lehrerschaft. Allen voran das Leben von Howard, der einst selbst Schüler in Seabrook war und eigentlich nichts weniger wollte, als hierher zurückzukehren. Nach einem ordentlichen Fauxpas in der Finanzwelt unterrichtet er nun jedoch Geschichte – und obwohl es ihm nie als Passion erschien, ist er mit Leidenschaft dabei, seine Schüler zumindest etwas zu begeistern. Aber Howard hat selbst zu kämpfen. Seine Ehe erscheint ihm eintönig und festgefahren. Er fragt sich, ob das genau das ist, was er von seinem Leben will. Unabhängig von seinem Job, verfällt er in eine vorgezogene Midlife-Crisis, die ihn schließlich zum Ehebrecher mit einer Aushilfslehrerin werden lässt. Die Probleme rund um seinen Schützling Skippy gehen dabei in seiner eigenen Resignation unter – und so verpasst er es einem Jungen zu helfen, der diese Hilfe eigentlich bitter nötig hätte. Wie auch er sind die meisten Lehrer an der Internatsschule mehr darauf bedacht, den Lehrplan abzuarbeiten und irgendwann in ihre wohlverdiente Pension zu gehen.

Vehemente Gesellschaftskritik

Was jetzt in einem klassischen Internatsroman münden könnte, wird von Autor Paul Murray jedoch erbarmungslos aufgebrochen und zu einer vehementen Gesellschaftskritik umfunktioniert. Auf einmal ist Skippy nänmlich nicht nur einfach ein hoffnungslos verliebter Teenager, sondern eben auch ein Junge, der mit einer im Koma liegenden Mutter ein schweres Paket zu tragen hat. Frei nach dem Motto „Worüber man nicht spricht, das existiert auch nicht“. Alleingelassen ist es Skippy nahezu unmöglich, die eigene Lebenssituation zu reflektieren und daraus irgendetwas Positives zu ziehen. Was ihn beflügelt, sind die Treffen mit Lori und ihrer vermeintlichen Lebensweisheit. Hinzu kommen in diesem Plot Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen innerhalb der katholischen Internatsmauern, die keineswegs realitätsfern daherkommen. Murray macht hier zwar ein gewaltiges Fass auf, kann dieses jedoch ganz gut stemmen und verleiht dadurch seinem Roman sogar eine Krimi-Note. Dort, wo manch anderer Autor aufgehört hätte die Geschichte zu erzählen – nämlich an dem Punkt, an dem Skippy stirbt – bleibt Paul Murray weiter am Ball und fängt die Trauer von Rupert und den anderen mit all dem Schmerz, der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit gekonnt auf. Ohne dabei jedoch den Spannungsbogen gänzlich zu verlieren.

Ans Herz gewachsen

Mit „Skippy stirbt“ hat Paul Murray einen Roman vorgelegt, der zwar seine kleinen Mängel hat, denn an manchen Stellen hätte man sich als der Leser mehr Power gewünscht oder einen Schlag mit der Faust auf den Tisch. Und an einigen Stellen dürfte es für manchen Leser wiederum zu dramatisch und überspitzt ablaufen, aber all dies ist immer zu Gunsten der Story. Nichtsdestotrotz gelingt es Murray, nicht nur authentisch aus dem Seelenleben von Achtklässlern zu berichten, sondern auch die Erwachsenen gut zu beleuchten. Im Vordergrund steht dabei die große Kluft, die zwischen Teenager und Erwachsenen auf Grund mangelnden Verständnisses herrscht. Ein Verhältnis, das sich auf Überforderung und Ignoranz zu stützen scheint. Nicht unbemerkt bleiben soll auch der stets Unheil versprechende Erzählton, der durch die verschiedenen Perspektiven gar einen dokumentarischen Hauch erhält. Mit Skippy, aber vor allem mit seinem Zimmergenossen Rupert Van Doren hat Murray zwei Charaktere erschaffen, in denen sich jeder in irgendeiner Facette wiederfindet und die einem im Laufe des Romans sehr ans Herz wachsen und mitfühlen lassen. Die stolzen 782 Seiten füllt Murray dabei gut aus, rechtfertigt sie zudem mit historischem und naturwissenschaftlichem Wissen, das er seinen Lesern in angenehmer Manier vermittelt. Es wird zwar klar, warum „Skippy stirbt“ es nicht auf die Shortlist geschafft hat, aber seinen Platz auf der Longlist von 2010 hat er zu Recht erhalten. Nun bleibt nur noch abzuwarten, wer heute Abend den deutschen Buchpreis bekommt und kommende Woche, am 14. Oktober, den nächsten Man Booker Prize abräumt. Wer von den deutschen Nominierten zu sehr enttäuscht ist, sollte sich einen Exkurs in die englische Gegenwarts-Literatur definitiv gönnen.

Paul Murray: „Skippy stirbt“, Roman, 782 Seiten, Kunstmann, ISBN-13: 978-3888977008, 26 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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