Barbara Mürdter
27. März 2008

Musikalische Rauschzustände

In Laudanum lieben David-Lynch-Soundtracks, mischen diese mit Indie-Folk, und der Geist des Punk lauert still, aber präsent in der Ecke

Laudanum galt einst als Universalheilmittel. Es besteht aus Wein und Opium und wurde zum ersten Mal von Paracelsus im 16. Jahrhundert zusammengebraut. Künstler versuchten mit Laudanum die innere Muse zu wecken. Sie mussten leider feststellen, dass das Zeug süchtig macht. Viele trieb es in den frühzeitigen Tod. Ein gesünderer Rausch ist da die Musik, die das Duo In Laudanum, bestehend aus Ellis und Frank, ausgetüftelt hat. Sie bewegt sich auf ruhigerem, melodiösen, aber nie glatten Terrain zwischen Indie-Folk und David-Lynch-Soundtracks. Die Musik von In Laudanum garantiert, dass das Publikum in schönen bis skurrilen Tagträumen dahinfliegen und allen Schmerz vergessen kann.

Ellis und Frank

Machen den Alltag vergessen: In Laudanum alias Frank und Ellis

Am Anfang von In Laudanum stand die intensive Begegnung von zwei Menschen, die sich seit fast 30 Jahren kannten, aber erst vor zweieinhalb Jahren merkten, dass sie viel gemeinsam haben. Ellis spielte Frank, an dessen Wohnzimmerwand Bilder von Leonard Cohen und Nick Cave Ehrenplätze haben, die ätherische US-amerikanische Band Mazzy Star vor. Auf dieser Grundlage entwickelten die beiden gemeinsame Musik. Jeder brachte Texte und Ideen ein. Frank hatte seine Gitarren im Gepäck. Ellis, seit 25 Jahren Sängerin und Songschreiberin, probierte es das erste Mal mit einem Instrument – einem uralten Casio-Keyboard. „Als ich das bei einem Auftritt auf die Bühne stellte, fragte der Techniker: ‚Willst du da wirklich drauf spielen?'“ Aber lupenrein perfekt spielen wollte Ellis sowieso nicht, sondern sich lieber auf Andeutungen und Sounds verlassen, die die richtige Stimmung erzeugen.

„Ein bisschen ruhiger, ein bisschen melodiöser“ wollte es Ellis nach all den Jahren des Punk. „Trotzdem hört man ihn aus unseren Sachen immer noch ‚raus“, ergänzt Frank. Die neuen Sounds wurden zunächst nach dem Trial-und Error-Prinzip entwickelt, um dann den jeweils perfekten für jeden Song zu finden. Die meisten Songs des eher unfreiwillig als Homerecording aufgenommenen ersten Albums sind solide Gemeinschaftsarbeit von Ellis und Frank. Das einzige Cover ist Thin Lizzy’s „Dancing in the Moonlight“, das aber an einer völlig anders interpretierten Version von den Smashing Pumpkins orientiert ist.

Ellis und Frank ganz entspannt

In Laudanum kreieren musikalische Bilder mitten aus dem Leben

So viel die beiden Musiker auch gemeinsam haben, sie arbeiten auf verschiedene Weise. Besonders die Texte entstehen ganz unterschiedlich. Frank nimmt seine Lyrics „aus dem Leben“, während Ellis „eher der weibliche Part und romantisch“ ist. Frank schreibt „eher klassisch“, mit Gitarre, Klavier und Worten, die dann aus dem Kopf purzeln und zu einem Text werden. Ellis hat eine ganz eigene Methode: „Ich sehe meistens Bilder und habe den Song wie einen Film vor mir.“ Den versucht sie dann in Worte oder Melodien zu fassen.

Außer ein paar Songs, mit denen Frank „schon jahrelang schwanger“ ging, entsteht viel von der Musik im gemeinsamen Spiel. „Er hat eine Gitarrenlinie, ich entwickle dann einen Gesang dazu“, erzählt Ellis. Weil sie keine Keyboarderin ist, komme dann aber der schwierige Part. „Da frage ich mich schon manchmal: ‚Um Gottes Willen, was spiele ich jetzt dazu, damit es nicht so kahl klingt?'“ Ein Problem ist das für Frank aber nicht. „Mit einem richtigen Keyboarder könnte ich nicht spielen, das wär mir zu viel Gefrissel.“ So pflegen die beiden einen genialen Dilletantismus, der durch die Jahre musikalischer Erfahrung eine solide Grundlage hat.

Ellis hat eine ganze Musikgeschichte hinter sich: Der Vater war Barmusiker, schleppte seine Familie aus Rotterdam nach Hannover, als sie zwölf war. Da sprach sie kein Wort deutsch. „Ich habe immer ganz furchtbare deutsche Schlager gehört, weil ich die Sprache lernen wollte“, erzählt sie. Daraufhin brachte der Vater ihr die Beatles nah, „damit ich endlich mal vernünftige Musik hörte.“ Der Vater fand Musikschulen zu teuer, und schaffte es nie, seiner Tochter ein Instrument beizubringen. Dann kam der Punk. „Zuerst die Sex Pistols, dann die Dead Boyz – dann war ich infiziert.“ Sie wollte singen. „Scheißegal, ob du ein Instrument spielen kannst. Punk kann jeder, hieß es damals.“ Und es war ausgerechnet Frank, bei dem Ellis das erste Mal Musik machte – als sie zufällig in den Übungsraum seiner Land-WG geriet und er meinte: „Mach mal.“

Ellis und Frank in der Sonne

In Laudanum haben die Ruhe in der Musik gefunden

Seit dieser Zeit ging die musikalische Entwicklung der gebürtigen Holländerin schnell. „Bis heute habe ich in so vielen Bands gespielt, dass ich die gar nicht alle aufzählen kann“, seufzt Ellis. Als Highlights sieht sie beispielsweise die Jolly Jumpers, die sich Mitte der 80er mit Cowpunk, einem damals brandaktuellen Undergroundtrend aus den USA, einen lokalen Ruhm erspielten. Anfang der 90er hatte sie mit Squaregarden und dem angesagten düsteren, härteren Grunge einigen Erfolg. „Ich war immer Frontfrau – bin rumgehüpft, habe getreten und war aggressiv.“ Etwas ruhiger wurde es dann in den 2000ern mit der Frauenband Hex, die sich eher zufällig fand. Mittlerweile setzt Ellis ihre Prioritäten anders. „Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf Frontfrau. So wie jetzt finde ich es gut: hinterm Keyboard sitzen, den Ersatz für Bass und Schlagzeug machen und gemeinsam mit Frank zu singen.“

Frank hatte sich in diversen Punk- und Rockbands ausprobiert, die er bald unzufrieden wieder verließ, trotz schöner Momente. „Es gab da die legendären Beat Cream, mit viel Suff und Rock’n’Roll. Wir sind mit einer Handvoll Lieder auf die Bühne, und haben den Rest einfach gejammt.“ Ende der 80er geschah das nicht nur zur eigenen Freude, sondern auch zu der des Publikums. „Da war immer die Hölle los.“ Anfang der 90er hängte Frank die Musik erst einmal an den Nagel und arbeitete nach einigen Semestern Studium an der HBK Braunschweig als Maler. Anfang der 2000er fing er dann wieder an zu spielen – seit 2005 mit In Laudanum. Jetzt sind Ellis und er kräftig dabei, Pläne für die Zukunft zu schmieden: Ein zweites Album ist schon in Arbeit. Außerdem wollen die beiden auch außerhalb von Hannover auftreten und sind derzeit auf der Suche nach einem guten Booker und einem Plattenlabel. Das Potential haben sie, denn verführerisch eigenständig ist die Musik von In Laudanum allemal. Zeitlos gut!

Nicht verpassen:
Am KULTURKIOSK von langeleine.de nehmen In Laudanum Euch am Freitag, den 28. März, mit auf einen psychedelisch-musikalischen Roadmovie-Soundtrack der besonderen Art: Psycho-Desert-Blues voller Ironie und Melancholie.

In Laudanum im Netz:
www.myspace.com/inlaudanum

(Fotos: Barbara Mürdter)

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Kategorien: Menschen, Musik

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