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25. September 2014

„Ich hoffe, dass ich Interesse an der Sprache wecken konnte“

Ohne Hilfe müssen Perus Schüler ihre Schulen fast ohne Englisch-Kenntnisse verlassen. Die 18-jährige Klára aus Bovenden bei Göttingen wollte das ändern und hat sich als Freiwillige in Cusco engagiert

„Erfahrung kaum mit Worten zu vermitteln“: Klára mit ihren peruanischen Schülern

Natürlich hatte ich viel über Peru gelesen, um wenigstens ein bisschen vorbereitet zu sein. Aber weil ich nicht genau wusste, was mich bei meinem Freiwilligendienst für VoluNation erwartete, ließ ich es einfach auf mich zukommen – und das war die beste Entscheidung. Denn mit Worten kann man die Erfahrung, die ich schließlich gemacht habe, nicht beschreiben und auch nicht vermitteln. Man muss es erleben. Was trieb ich also in Cusco, dieser historisch und kulturell bedeutenden Stadt, die in die Anden eingebettet ist? Mein eigentliches Projekt, in einer Schule den Englisch-Unterricht zu begleiten, begann ein paar Tage nach meiner Ankunft, weil gerade Klausuren anstanden und es somit keine Arbeit für mich gab.

Arbeit im Kindergarten

Aus diesem Grund habe ich nach meinem Einführungstag den Rest der Woche in einem Kindergarten verbracht. Von diesen „jardines“ gibt es in Cusco unzählig viele – was wirklich eine Hausnummer ist, wenn man bedenkt, dass jeder Kindergarten 20 bis 30 Kinder betreut. Der Kindergarten, in dem ich arbeitete, lag an einem großen Markt, um den herum noch drei weitere Kindergärten lagen. Der Hintergrund ist der, dass viele Mütter auf den Märkten Waren verkaufen und vormittags eine Betreuung für ihr Kind benötigen. Deshalb lag meine Arbeitszeit auch zwischen 9 und 12.30 Uhr. Eine Nachmittagsbetreuung gab es nicht. In Sachen Familie sind die Peruaner etwas anders als Deutsche, hier steht die Familie noch viel stärker im Vordergrund. Die in Deutschland veraltete Tradition, den Sonntag der Familie zu widmen, ist in Peru noch eine Selbstverständlichkeit. So ist es auch verständlich, warum Mütter ihre Kinder ab dem Mittag wieder bei sich haben möchten. Der Kindergarten, den ich betreute, beherbergte 18 Kinder. Und wenn gerade keine Freiwilligen vor Ort sind, gibt es genau eine Erzieherin für die Kinder. Ich bewunderte sie wirklich dafür, wie sie den Alltag mit den Kindern meisterte.

Die Kinder trudelten meistens zwischen neun und halb zehn im Kindergarten ein. Dann redete man mit ihnen oder las ihnen etwas vor. Aber meistens war ich mit Vorbereitungen beschäftigt: Ausmalbilder in Hefte einkleben oder den Raum schmücken, denn es war die „semana de la educación“ (die Woche der Bildung). Deswegen hatten wir auch am Freitag ein kleines Fest, auf dem wir getanzt haben – natürlich in Begleitung von jeder Menge Essen und Trinken. Ansonsten wurde kurz vor 10 Uhr gesungen und gebetet – viele Peruaner sind katholisch. Es folgte das Frühstück: Es gab „pan con mantequilla“ (Brot mit Butter) und ein Getränk mit Milch und einem speziellen peruanischen Gemisch, das sehr lecker war. Das Frühstück wurde von den Müttern zubereitet.

Im Anschluss haben wir dann meist das Ausmalbild bearbeitet. Kinder, die schneller fertig waren, erhielten weitere Aufgaben, zum Beispiel Linien nachziehen. Alle diese Aufgaben wurden bewertet: entweder mit einem lachenden Gesicht oder einem traurigen. Und natürlich wollten alle Kinder ein lachendes Gesicht in ihrem Heft vorfinden. Was genau anstand, hing ganz vom Tag ab: An einem Tag haben wir einen anderen Kindergarten besucht, an einem anderen habe ich ein Märchen vorgelesen oder den Kindern die Zahlen von eins bis fünf auf Englisch beigebracht. Die Erzieherin hatte stets eine Beschäftigung im Hinterkopf für die Kleinen, um zu verhindern, dass diese Blödsinn machten, sie war aber sehr offen für Vorschläge. Wenn man sehr kreativ ist und gerne mit Kindern arbeitet, ist man hier genau richtig. Ich hatte wirklich eine wundervolle Woche und habe die Kleinen schnell ins Herz geschlossen.

„In jedem Klassenraum ein Smartboard“: die peruanische Schulklasse mit ihrer Freiwilligen aus Deutschland

Englisch-Lehrerin an einer öffentlichen Schule

Die öffentliche Schule, an der ich anschließend eingesetzt wurde, übertrifft normale Gymnasien in Deutschland an Größe bei weitem. Das Erste, was mir auffiel, war die Tatsache, dass alle Schüler eine Schuluniform trugen. Außerdem erstaunte es mich, dass diese öffentliche Schule in Peru, wo manche Haushalte noch nicht einmal über einen vernünftigen Herd verfügen, besser ausgestattet war, als manch deutsche Schule. In jedem Klassenraum war ein Smartboard zu finden und Hausaufgaben wurden ganz selbstverständlich auch in ein Forum hochgeladen. Wirklich unglaublich!

Im Englisch-Unterricht wurde ich sofort eingebunden: Aussprache üben. Das hat ziemlich gut geklappt, da die Schüler sich gut beteiligten, obwohl 20 Minuten lang nur nachzusprechen, was eine Person vorne an der Tafel vorgibt, nun wirklich nicht spannend ist. Es gab sehr viele Schüler pro Klasse – 35 und mehr. Die Jungen und Mädchen waren zwischen zwölf und dreizehn Jahren alt, erst später unterrichtete ich auch Jüngere. Je mehr ich mich eingelebt hatte, desto vertrauter wurde ich mit der Unterrichtssituation. Die Lehrer waren sehr nett, unterstützten mich und waren offen für Vorschläge, so dass ich den Unterricht aktiv mitgestalten durfte. Zudem ließ mir sehr viel Freiheit, was meine Unterrichtsplanung betraf und ließ mich ausnahmslos jede Stunde unterrichten. Natürlich war immer ein Lehrer im Klassenraum und unterstützte mich. Er hatte dabei die Möglichkeit, Noten zu vergeben, was als Ansporn sehr gut funktionierte.

Der Großteil der Schüler wird Taxifahrer

Die meisten Schüler, die eine öffentliche Schule in Peru besuchen, können am Ende ihrer Schullaufbahn kaum ein Wort Englisch. Das hat unterschiedliche Gründe und führt dazu, dass Familien, die es sich leisten können, ihre Kinder für viel Geld auf private Schulen schicken. Im Nachhinein betrachtet erwarte ich nicht, dass die Schüler nun dank meiner Hilfe flüssig Englisch sprechen können. Aber ich hoffe, dass ich ihr Interesse an der Sprache wecken und ihnen ein bisschen beibringen konnte. In jedem Falle inspirierten meine aus Deutschland mitgebrachten Unterrichts-Methoden wie Gruppenarbeit und interaktives Lernen, was vielleicht auch längerfristige Konsequenzen haben könnte.

Von den 800 Schülern, die letztes Jahr an der Schule in Cusco ihren Schulabschluss erhalten haben, haben es genau zwei Schüler zu einem Medizin-Studium geschafft. Weitere zehn bis zwanzig sind überhaupt an die Universität gegangen. Das macht mindestens 780 Schüler, die keine universitäre Bildungslaufbahn einschlagen. Das wäre nicht weiter schlimm, gäbe es hier ein Ausbildungssystem. Auf meine Frage hin, was denn der Großteil der Schüler nach seinem Abschluss machen würde, war die Antwort: Taxi fahren. Wahrscheinlich helfen viele Kinder auch ihren Eltern aus oder verkaufen an Ständen.

Über VoluNation

VoluNation ist Spezialist für weltweite Freiwilligenarbeit. Neben einem umfassenden Beratungsangebot bietet VoluNation kurzfristig buchbare Freiwilligenprojekte in mehreren Staaten Afrikas, Asiens und Südamerikas an.

weitere Infos:
www.volunation.com

(Fotos: Pressefotos/VoluNation)

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Kategorien: Menschen, Politik

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