Susanne Viktoria Haupt
20. Oktober 2014

Ein amerikanisches Epos

Seitenansicht: „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer

Rohe Wortgewalt: „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer, Buchcover

Etwas verspätet, aber dadurch nicht minder wichtig: „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. Schon Wochen vorher habe ich mich auf diese Neuerscheinung gefreut. Ich konnte es kaum abwarten. Ich hatte in der New York Times bereits Kritiken gelesen und war dadurch mehr als gespannt. Ein literarischer Meilenstein sollte das Buch sein. Ein Epos. Schon jetzt ein Stück Literaturgeschichte. Die Reviews, die über den großen Teich hinüberschwappten, überschlugen sich geradezu mit Lob. Normalerweise lese ich ungern vorab Kritiken oder Artikel über Bücher, die ich selbst noch lesen möchte. Aber um „Der erste Sohn“ kam ich nicht herum. Ähnlich wie bei Dave Eggers‘ „The Circle“, der ebenso in aller Munde war. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen, als ich mein Exemplar von „Der erste Sohn“ endlich in den Händen hielt. Ungefähr fünf Jahre soll Meyer, der durch seinen Debüt-Roman „Rost“ bekannt wurde, an seinem Zweitwerk gearbeitet haben. Ausmaßes, Qualität und Genauigkeit seiner Arbeit lassen diese Angabe allerdings relativ erscheinen.

In „Der erste Sohn“ verarbeitet Meyer 200 Jahre amerikanische Geschichte. Besser gesagt, die Geschichte der Familie McCulloughs, die sich im Staate Texas niedergelassen hat. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beobachtungen und Erlebnisse von Eli McCullough, der 1836 kurz nach Texas‘ Unabhängigkeit geboren wurde und hundert Jahre werden sollte. Er galt daher als „der erste Sohn“ des neuen Staates. Schon seine ersten Berichte können den Lesern nicht nur den Atem, sondern auch den Schlaf rauben. Eli wird im Alter von 13 Jahren mit seinem Bruder von den „Indianern“ entführt. Dabei werden Mutter und Schwester auf bestialische Weise vor den Augen der Jungen – und den geistigen Augen der Leser – ermordert. Der tagelange Marsch, auf dem die beiden um ihr Leben kämpfen, Schlammwasser trinken und sich immer wieder einkoten, ist auch für die Leser eine Tortur, wenn auch nur eine literarische. Und das liegt nicht daran, dass Meyer von brutalen Erlebnissen berichtet, sondern daran, dass er zu gut erzählt.

Der Erzähler beschönigt nichts

Schon bald nach Beginn des Romans ist man so tief drin in den Geschehnissen, dass es schwer fällt, sich wieder in die Realität zu integrieren. Eli wächst nun bei den Indianern auf. Der ohnehin rohe Junge, der stets fasziniert vom Töten und von der Gewalt war, findet unter den Indianern eine neue Familie, bei der er sich behaupten kann. Erst einige Jahre später kehrt er unfreiwillig zu den Weißen zurück und versucht vergeblich, sich bei ihnen wieder einzugliedern. Er wird zunächst Teil der Texas Rangers – bis er begreift, dass er seine Skrupellosigkeit einsetzen kann, um wirklich reich zu werden. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich und gepflastert mit viel Blutvergießen und Brutalität, aber auch mit Wissen über die damalige Zeit. Dabei nimmt der Erzähler kein Blatt vor den Mund, beschönigt nichts und versucht auch nicht, einen Schuldigen oder Bösen unter den Indianern oder Weißen zu finden. Um all das zu untermauern, lässt Meyer weitere Familienmitglieder, die Nachkommen von Eli, zu Wort kommen.

Philipp Meyer schreibt so roh und brutal und dennoch mit einem so sicheren Erzählton, dass er seine Leser ohne Probleme 600 Seiten bei der Stange halten und ihnen auch noch Fakten vermitteln kann. Das ist historisch anspruchsvolle Unterhaltung für Leser mit stabilen Mägen. „Der erste Sohn“ hält, was alle Reviews vorher versprachen. Und noch mehr als das, denn dieses Buch ist schwer in Worte zu fassen. Es ist faszinierend und auf Grund der Gewaltszenen abstoßend zugleich. Aber es ist dabei niemals gewaltverherrlichend. Die Qualität des Erzählstils, die Gründlichkeit der Recherche, die Genauigkeit der historischen Fakten und der dramaturgische Aufbau lassen nicht daran zweifeln, dass Meyer es mit diesem Roman in den Kanon der großen amerikanischen Romane schaffen wird. Oder sogar schon geschafft hat. Wer allerdings nicht ganz so viel Blut verträgt, eine starke Vorstellungskraft oder einen sensiblen Magen hat, sollte sich dann vielleicht doch eine andere Lektüre suchen.

Philipp Meyer: „Der erste Sohn“, Roman, 608 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, ISBN-13: 978-3813504798, 24,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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