Matthias Rohl
22. April 2008

Filmgeschichte(n): „Running Scared“

Blutige Reise durch die Nacht: Wayne Kramers Action-Thriller ist ein grimmiger Angriff auf den Hollywood-Mainstream

Wie weit darf Gewalt gehen? Die Frage ist so alt wie das Kino selbst. Und es ist das Kennzeichen außergewöhnlicher Action-Filme, diese Frage immer wieder neu zu stellen. Dabei drängt sich die Darstellung von Gewalt aus formaler und technischer Sicht geradezu auf. Als Medium der bewegten Bilder gilt für das Action-Kino: Die Bewegung ist das Objekt der Darstellung. Action-Filme sind Gewalt-Filme sui generis. Schon Walter Benjamin hat in seinem Epochal-Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ erhellend bemerkt, dass die Technik des Schneidens als zerstörerisches Element dem Medium Film auf dialektische Weise innewohnt. Abrupte, nervöse Schnitte zeigen aggressive Wirkung beim Zuschauer. Die Aggression des Zuschauers ist das „nach außen gekehrte innere zerstörerische Element“ (Josef Früchtl). Der Film, so Benjamin, macht die Kunst zu einem „Geschoss“. Ein gutes Beispiel ist Wayne Kramers Action-Thriller „Running Scared“ (2006), denn hier wird scharf geschossen.

“Running Scared”, Filmposter

Eine echte B-Film-Perle: „Running Scared“ von 2006

Kettenreaktionen beim Ritt durch die Hölle

Was geschieht? Mafia-Handlanger Joey Gazelle (Paul Walker) sorgt für das Verschwinden „heißer“ Tatwaffen. Doch der Revolver, mit dem einige Polizisten bei einer Drogenübergabe erschossen wurden, fällt durch Zufall in die Hände von Joeys russischem Nachbarjungen Oleg (Cameron Bright), der mit der Waffe auf seinen psychopathischen Vater schießt und flieht. Mit Hilfe seiner Frau Teresa (Vera Farmiga) und seines Sohnes setzt Joey alles in Bewegung, um die Waffe wieder in seinen Besitz zu bringen. Ihm bleibt nur eine Nacht, denn sowohl seine Kollegen als auch die Russenmafia sowie der Cop Rydell (Chazz Palminteri) sitzen ihm im Genick. Und während sich der verzweifelte Joey an die Fersen des Jungen heftet, erlebt Oleg selbst unglaubliche Abenteuer, bei denen er unfreiwillig Bekanntschaft mit Crack-Süchtigen, einer Prostituierten, einem miesen Zuhälter und einem völlig durchgeknallten Kinderschänderpaar macht. Eine Serie von Kettenreaktionen mit tragischen Ausmaßen gerät in Gang…

“Running Scared”, Werbemotiv

Das Objekt der Begierde: die verhängnisvolle Waffe

Alle Register gezogen

Regisseur Wayne Kramer nennt im Abspann seines Werks die Brüder Grimm, Sam Peckinpah, Brian De Palma und Walter Hill als seine Inspirationsquellen – und zieht schon in der Eröffnungssequenz des misslingenden Drogencoups alle Register im Dreieck von Suspense, Action und Gewalt. Rhythmisierte Schnitte, Freeze-Frame-Einstellungen, Zeitlupen, Computer-Effekte – all dies lässt den explodierenden Projektilhagel zugleich verfremdet und intensiviert erscheinen. Die Wucht der Bilder erfasst den Zuschauer fast körperlich. Kameramann Jim Whitaker führt uns dabei die anschließende, höchst bizarr anmutende Jagd durch die nächtlichen Straßen von New Jersey als düster-beklemmende, fast comicartig überzeichnete Halbwelt vor Augen, in der es vor lauter Irrsinnigen nur so wimmelt. „Running Scared“ ist ein modernes Action-Märchen, dessen atmosphärisch klug komponiertes Lichtdesign zwischen Eisblau und Düsterorange oszilliert.

“Running Scared”, Werbemotiv

Ihm bleibt nur eine Nacht: Joey Gazelle, gespielt von Paul Walker

Unter der Lupe der Entschleunigung

Dass sich diese B-Film-Perle indes einige logische und psychologische Überzeichnungen erlaubt, schmälert beileibe nicht den Reiz, den sie auf den Zuschauer ausübt. Subtile Sub- oder Metatexte wird man in dieser zweistündigen Tour de Force vergeblich suchen – es herrschen die uferlosen Variationen des abgrundtief Bösen und das Staunen über die Spielformen der Entartung menschlicher Natur. Besonders drastisch zeigt sich dies in den entschleunigten Szenen, in denen Teresa den kleinen Oleg in der aseptischen Wohnung des Kindermörderpaars aufspürt und im Kleiderschrank dieser perversen Kreaturen eine grausige Entdeckung macht, die nur einen möglichen Handlungs(kurz)schluss zulässt. Hier zeigt sich Kramer als galliger Porträtist einer durch und durch verkommenen Welt. Besonders diese Sequenzen gehören zu den stärksten des Films, die noch lange nachwirken. Ein Film, ganz im Sinne Benjamins: wie ein Geschoss – fernab vom Puderzuckerstaub des Hollywood-Mainstreams. Bedauerlich, dass diese stark stilisierte, sinistre Phantasie an den Kinokassen floppte. Man wünscht dem Werk dringend eine zweite Karriere als DVD-Geheimtipp. Denn Quentin Tarantino lag nicht falsch, als er über diesen Magenschwinger sagte: „This is why they call them Motion Pictures!“

nächste Folge:
„Sie kannten kein Gesetz“
Sie nannten ihn „Bloody Sam“, „Hollywoods Bad Boy“ oder gar „Picasso of Violence“: Sam Peckinpah gilt als einer der einflussreichsten Filmkünstler des 20. Jahrhunderts

(Fotos: Filmwerbung/New Line Cinema)

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Kategorien: Film

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