Jörg Smotlacha
3. November 2014

Die Hölle und das Paradies

Seitenansicht: „Mörderische Huren“ von Roberto Bolaño

Überwältigend gute Prosa: Roberto Bolaños „Mörderische Huren“, Buchcover

Bereits bei der Veröffentlichung des letzten Werkes von Roberto Bolaño, dem 2013 erschienen Roman „Die Nöte des wahren Polizisten“, konnten zumindest die deutschsprachigen Leser staunen, mit welcher Kraft ein längst verstorbener Autor noch aus dem Jenseits wirken kann, weil sein Oeuvre posthum noch immer so voller Schätze und Überraschungen ist, dass jede weitere Neuerscheinung abermals eine Bestätigung der literarischen Wucht des Autors gibt.

So erneut geschehen im Falle des chilenischen Schriftsteller-Genies, der 2003 nur 50-jährig an einer Leberzirrhose starb und erst kurz nach seinem Tod internationale Berühmtheit erlangte, als sein bizarres Opus „2666“ erschien. Nun veröffentlichte der Carl Hanser Verlag unter dem Titel „Mörderische Huren“ eine Reihe von Erzählungen Bolaños erstmals auf Deutsch, die 2001 im spanischen Original herausgegeben wurden. Und zurecht einigten sich die Kritiker von der rechtskonservativen Welt bis zum linksliberalen Freitag darauf, dass der 13 Erzählungen umfassende Sammelband ein neuerliches Meisterwerk ist. Während Welt-Rezensentin Maike Albath bei Bolaño die „Glut“ erkennt, die den „wahren Dichter“ ausmacht, würdigt Freitag-Kritiker Florian Schmid vor allem die literarische Bandbreite von Bolaños Erzählungen und hofft „auf weitere Werke des viel zu früh verstorbenen Ausnahme-Schriftstellers“.

Das Beste aber ist, dass es Roberto Bolaño gelingt, all diese Vorschusslorbeeren mühelos zu übertreffen, auch und erst recht, wenn man seine Short Storys ein zweites Mal liest. Von einigen biografisch gefärbten Erlebnissen wie der Geschichte „Letzte Abende auf Erden“, in der der Erzähler B. mit seinem Vater Urlaub in Acapulco macht, um schließlich – nicht ganz unverschuldet – in einen Strudel der Gewalt zu geraten, über die poetische Erzählung „Vagabundieren in Frankreich und Belgien“, in der B. auf M trifft, die ihm eine seltsame Freundin wird, bis zur letzendlichen – sehr surrealen – Begegnung mit dem Schriftsteller-Kollegen Enrique Lihn: Bolaños Kurzgeschichten spiegeln immer auch die Situation der lateinamerikanischen Intellektuellen nach Salvador Allende und sind im besten Sinne politisch, weil sie sich mit der sozialen Wirklichkeit, dem Exil, den Verfolgten und den autoritären Strukturen der Gesellschaft befassen. Und das lyrisch und explosiv.

Sie sind aber auch viel mehr als das, weil Bolaño mit dem ihm eigenen Humor auch seltsam tragische und absurde Kleinode präsentiert. Etwa die Story „Buba“ über einen an Voodoo-Tricks glaubenden Fußball-Star aus Barcelona oder „Die Wiederkehr“ über einen nekrophilen französischen Modeschöpfer, der sich an seinem, Bolaños, totem Körper vergeht, nur, um sich schließlich mit ihm im Jenseits anzufreunden. Das alles ist überwältigend große Prosa und so schön, dass auch die vielen Rechtschreibfehler der deutschen Übersetzung das Bild kaum zu trüben vermögen. Vielleicht musste der Carl Hanser Verlag hier sparen. Wenn das sein musste, um weitere Werke dieses großartigen Autoren auf Deutsch verlegen zu können, sei es drum. Niemand beschreibt die Hölle und das Paradies, die das Leben bedeuten, derzeit so gut, wie Roberto Bolaño.

Roberto Bolaño: „Mörderische Huren“, Erzählungen, 224 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446245938, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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