Jörg Smotlacha
10. November 2014

Wild Beast

Das Verhör: „True“ von The Legendary Tigerman

Zeitlos gut: The Legendary Tigerman: „True“, CD-Cover

Unglaublich, dass es zu einer Zeit, in der alle Spielarten des Rock längst ein Rentner-Image bekommen haben, Heavy Metal und Punkrock bei den Kids nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen, und selbst Techno und Electro langsam aufs Altenteil rutschen, einem Solo-Künstler gelingt, mit seiner ganz eigenen Variante von archaischem Blues in einem europäischen Land an die Spitze der Charts zu stürmen. So geschehen mit Paulo Furtado, einem 1970 in Mosambik geborenen portugiesischen Musiker, der unter dem Namen The Legendary Tigerman seit 2001 und seiner ersten CD „Naked Blues“ Insidern ein Begriff für die rohe, unverfälschte Energie des Rock’n’Roll ist, und der mit seiner dem in den 1910er-Jahren geprägten Delta Blues angelehnten Spielweise durch unglaublich energetische Live-Auftritte für Furore sorgt.

Natürlich hat Furtado ein Vorleben: Seit 1989 spielte er in seiner Heimatstadt Coimbra mit der Psychobilly-Punk-Combo Tedio Boys, tourte durch Europa und die USA, unter anderem als Support von Siouxsie and the Banshees, spielte auf der Geburtstagsfeier von Joey Ramone und fand großen Gefallen bei Dead Kennedys-Mastermind Jello Biafra. Dabei stand er wie seine portugiesischen Mitmusiker für Punk und Subkultur und trat wie sie auch gerne einmal nackt auf, als das noch nicht albern, sondern schlicht provokativ war. Nach der Auflösung der Tedio Boys gründete Furtado die bis heute bestehende Band Wraygunn, deren Soul-Einflüsse unüberhörbar sind und verfolgte daneben seine Solo-Karriere. CDs wie „Fuck Christmas, I got the blues“ oder „In Cold Blood“ konnten Kult-Status erreichen, aber den Durchruch schaffte der Gitarrist und Multi-Instrumentalist, deren Werk immer auch an der Ästhetik des Kinos angelegt war – nicht nur die Platten-Cover, sondern auch die Live-Auftritte sind stets filmreif durchinszeniert -, erst 2009 mit der CD „Femina“, auf der zahlreiche eigenwillige Künstlerinnen wie Peaches, Maria de Medeiros, Rita Redshoes oder die italienische Schauspielerin Asia Argento, die Bellrays-Sängerin Lisa Kerkaula und die Nouvelle-Vague-Sängerin Phoebee Killdeer zu hören waren.

Nun hat der 44-jährige Künstler sein neues Album „True“ veröffentlicht und damit in seiner portugiesischen Heimat Platz eins der Charts gestürmt. Vom friedlich-drängenden Opener „Do Come Home“ über das widerspenstig-bluesige „Gone“ und das – wie es der Name verspricht – wirklich wilde „Wild Beast“ oder das Eddie Cochran-Cover „Twenty Flight Rock“ bis zum melancholischen „Is My Body Dead?“: The Legendary Tigerman hat wie immer alle Instrumente selbst eingespielt und eine rohe Version des modernen Rock’n’Roll vorgelegt, den wüsten „Dance Craze“, den verrückten Meilenstein „21st Century Rock’n’Roll“ und den versöhnlich-wundervollen Song „My Heart, Safe at Home“ inklusive. Das alles ist nicht neu, aber erstaunlicherweise sehr substanziell. Sexy und rau. Und noch erstaunlicherweise Nummer-eins-fähig, zumindest in Portugal. Aber vielleicht hat dieses charmante kleine Land ja auch einfach noch eine Idee davon, dass es mehr gibt als nur den Mainstream – zeitlosen Rock’n’Roll zum Beispiel.

The Legendary Tigerman: „True“, CD, 13 Songs, 45:38 min., Sony Music

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel