Susanne Haupt
17. November 2014

Linden literarisch

Seitenansicht: “Ver[w]ortungen” von Henning Chadde und Kersten Flenter (Hrsg.)

Mal lustig, mal nachdenklich, mal poetisch: “Ver[w]ortungen”, das Lesebuch Lindener Autorinnen und Autoren

Über eine Anthologie – oder in diesem Falle ein Lesebuch – eine Kritik zu verfassen, ist stets etwas heikel. Wird es nämlich eine negative Kritik, so läuft man Gefahr, nicht nur von einem einzigen Autor eine böse Email zu bekommen, sondern gleich von sehr vielen. Im Falle von “Ver[w]ortungen”, dem “Lesebuch Lindener Autorinnen und Autoren” wären immerhin noch 29 der beteiligten Literaten dazu in der Lage. Kein schönes Bild, von einem aufgebrachten Mob mit Fakeln und Heugabeln aus der Stadt verjagt zu werden… Glück also, dass das Lesebuch wirklich gut geworden ist. Ich kann aufatmen.

Hinter diesem Lesebuch stecken zwei Urgesteine des Lindener Literaturbetriebs: Henning Chadde und Kersten Flenter, die als Herausgeber fungieren. Zwei Herren, die sich längst weit über die Grenzen von Hannover einen Namen gemacht haben und auch eigene Texte zu “Ver[w]ortungen” beisteuerten. Ein Großteil der restlichen Autorinnen und Autoren ist mir ebenfalls keineswegs unbekannt. Tobias Kunzes schnelles, originelles und lautes Mundwerk ist fester und wichtiger Bestandteil der deutschen und internationalen Poetry Slam-Szene. Christian Sölter, bekannt von hannoverschen Bühnen sowohl als Autor als auch durch seinen stimmlichen Einsatz bei der Band Hammerhai, besticht durch knallharte Kurzgeschichten, die kein Auge trocken lassen. Jan Egge Sedelies, den viele als barfüßiges Bandmitglied von den Beatpoeten kennen, kann auch Lyrik schreiben. Und lässt damit einprägsame Bilder entstehen. Claudia Pahl, die das hannoversche Nachtleben vor neun Jahren mit Feinkost Lampe um einen ganz wichtigen Ort erweitert hat, verzaubert sehr wortgewandt Leser und Zuhörer. Oder Richard Schuster, der nahezu aus dem Nichts nicht nur hannoversche Bühnen mit Präsenz, Wortwitz und seiner lockeren Art eroberte. Die Liste der Autorinnen und Autoren ist lang, ihre Talente und Wirkunsbereiche sind vielfältig, und man könnte jedem einen ganzen Artikel widmen. Und genauso vielfältig wie die Liste der Literaten ist, ist auch das Lesebuch anlässlich des 900. Geburtstags von Hannovers Stadtteil Linden.

“Ver[w]ortungen” versteht den Stadtteil Linden literarisch in all seiner Vielfalt zu feiern. Das steht völlig außer Frage, denn die Textbeiträge überzeugen durch Qualität und Originalität. Aber auch für Menschen außerhalb Lindens ist dieses Lesebuch eine nachhaltige Leseerfahrung wert. Nicht nur, weil es einen offenen und ehrlichen Einblick in diesen besonderen Stadtteil gewährt, sondern auch, weil feste literarische Größen weit über die eigenen Stadtteilgrenzen hinaus geschrieben haben und der Schwerpunkt nicht ausschließlich auf Linden liegt.

Die Leser finden lebensechte Lindener Geschichten, die für Einheimische ganz normale, für andere wahrscheinlich aberwitzige und skurrile Situationen erzählen. Es gibt Lyrik, die kleine Momente, manchmal kaum mehr als einen Wimpernschlag einfängt und lebendig werden lässt. “Ver[w]ortungen” lässt einen ein Stück weit durch Linden wandern, durch die Straßen und über die Plätze, die diesen Stadtteil nahezu zu einem Mikrokosmos haben werden lassen. Und manch eine Geschichte hat zwar gar nicht so viel mit dem Stadtteil zu tun, aber sie gibt den hier lebenden Poeten (und denen, die hier gelebt und gewirkt haben) einen Raum für ihre Wortgewalt. Auch diese Geschichten und Gedichte zeigen, wie sehr dieser Stadtteil auf die Menschen einwirkt. Wie viel Inspiration hier versteckt ist, und was sich die Schreibenden zum Nutzen gemacht haben. Vielleicht ist es auch ein Stück dieser Freiheit, die den Worten Flügel verleiht. Diese Freiheit, die sich Lindener gerne herausnehmen, wenn sie davon sprechen, dass sie nicht in Hannover, sondern in Linden wohnen. Jeder Stadtteil unserer kleinen großen Stadt hat etwas für sich Charakteristisches. Aber Linden ist doch irgendwie anders. “Ver[w]ortungen” macht das deutlich. Und auch, warum es viele hierherzieht und viele einfach bleiben.

Henning Chadde und Kersten Flenter für Kulturkontor Hannover e.V. (Hrsg.): “Ver[w]ortungen – Lesebuch Lindener Autorinnen und Autoren”, Lesebuch, 196 Seiten, Eigenverlag, ISBN: 978-3-941-55231-9, 10 Euro

  • Übrigens: Am Sonntag, dem 23. November 2014 wird das Buch im Mittwoch:Theater am Lindener Berge offiziell vorgestellt. Es lesen und erzählen Claudia Pahl, Bodo Dringenberg, Christine Rohrbach, Thomas Bothor, Kersten Flenter und Henning Chadde. Um 17 Uhr geht es los, der Eintritt beträgt 5 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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