Susanne Viktoria Haupt
1. Dezember 2014

Ein Unikat in Buchform

Seitenansicht: „Die Karawane der Papiertiger“ von Christian Friedrich Sölter

Mitten im Leben samt Papiertiger: Christian Friedrich Sölters „Die Karawane der Papiertiger“, Buchcover

Ein Mann wie ein Berg mit einer Stimme, die einen ganzen Saal zum Beben bekommen kann. Christian Friedrich Sölter ist weder ein Unbekannter, noch ein unbeschriebenes Blatt in der Region. Seine Bühnenpräsenz, die er gerne entweder als Autor oder als Sänger unter Beweis stellt, bleibt den Zuschauern lange im Gedächtnis. Seine kräftigen, humorvollen Texte, die es schaffen, Alltagskomik und aktuelle Gesellschaftskritik zu vereinen, lassen selten ein Auge trocken. Egal, ob beim Poetry Slam-Format „Buch oder Bier?“ oder mit Kollege Henning Chadde bei der Lesebühne „Die Überholspurpiraten!“ – „Sölti“, wie der Autor liebevoll genannt wird, weiß, wie man sich wortreich über die Bretter bewegt. Kaum zu glauben ist deswegen, dass erst jetzt nach über zehn Jahren des Schreibens und Wirkens ein Band mit einer Auswahl seiner besten Kurzgeschichten herausgekommen ist. Wenigstens noch rechtzeitig zum Fest.

Unverblümt, schroff und humorvoll kommen die Geschichten von Sölter um die Ecke geschossen. Die Oma heißt „Oma Paschulke“, Menschen brüllen „Pissetrinker“, Männer erinnern sich an ihre Jugend, in der sie alte Zweiradmaschinen gefahren sind und schauen tief in die Dekoletées von üppigen Frauen. Im Sölter-Kosmos wirkt alles stimmig, hat alles seinen Platz – nichts wirkt unecht. Die Geschichte „Die Karawane der Papiertiger“, deren Titel auch der Titel des Buches ist, lässt einen direkt zu Beginn schmunzeln, wenn von der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin die Rede ist. Ein Umstand, der den meisten doch ziemlich fremd erscheint. In dieser Story geht es um einen eher unkonventionellen Schriftsteller, der sich durch seine Bekannte auf einer VIP-Party eines Verlagshaus wiederfindet. Denn das sei ja wichtig für ihn als Autor, denn wenn er nicht mal aus seinem Underground-Schreib-Domizil herauskäme, werde er nie vorankommen. Und direkt beim Einlass wird es schon ernst für den C&A-Anzugträger. Da steht nun die Prosecco-Schnappe, die einem Alkoholbrause aufs Auge drücken will. Der Schriftsteller versucht, sich eigenständig unter das Volk zu mischen. Sehr schnell merkt er, dass er scheinbar „im Land der permanenten Eigen-Akquise“ gelandet ist. Jeder scheint hier besser zu sein als der andere, und niemand ist sich wirklich sicher, wer nun eigentlich der Beste ist. Alle finden sich selbst gut, schleimen aber auch bei den anderen ordentlich mit. Dann ist dort noch die talentierte junge Autorin, die sich von den Verlagsmenschen fachgerecht zerkleinern lässt, um endlich mal dazuzugehören. Fehlen darf natürlich auch nicht das Schlagwort „Authentizität“. Denn unter den VIPs soll jeder so authentisch wie möglich sein. Auch wenn man nur so tut. Der kurze, aber amüsante Versuch des Protagonisten, sich in die Gespräche einzumischen, bleibt erfolglos. So lustig diese Story auch anfänglich klingt, gegen Ende macht sie einen gehörigen Abstecher in die sehr nüchterne Realität.

Und das ist es im Prinzip, was die Kurzgeschichten von Christian Friedrich Sölter durchweg ausmacht. Natürlich sind seine Erzählungen immer voller Humor und bieten Gründe zum Lachen, aber nie auf Kosten eines nur dramaturgisch geschickt eingesetzten Stiles, sondern immer aufgrunde eines Sinnes für Ehrlichkeit und Realität. Es gibt Stories, die einfach lustig bleiben, und manche, die amüsant beginnen, sich zum Ende hin jedoch mit einem kleinen Kloß im Hals ausdehnen, und wiederum jene, die schon zu Beginn eine gewisse Form der Schwermut innetragen. Ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk nicht nur für alle die, die „Sölti“ kennen, sondern auch für diejenigen, die mal ein wenig tiefer in die Texte gehen wollen und dadurch Elemente erkennen, die einem ansonsten als Zuhörer bei Bühnen-Shows verborgen bleiben.

Christian Friedrich Sölter: „Die Karawane der Papiertieger“, Kurzgeschichten, 174 Seiten, Blaulicht Verlag, ISBN: 978-3-941-55233-3, 9,90 Euro

  • Wer sich die Texte gerne auch live vortragen lassen möchte, der schnürt sich einfach seinen Schlitten unter den Hintern und rodelt am 18. Dezember bis zum Béi Chéz Heinz, denn dort stellt Christian Friedrich Söter sein neues Werk exklusiv vor. Die Lesung beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist gegen Spende frei

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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