Susanne Viktoria Haupt
23. Dezember 2014

Ein Fest für Bücher

Seitenansichten Christmas-Spezial: Literarische Geschenk-Ideen für Spätzünder

Nur eine kleine Auswahl an Büchern, die sich unter dem Weihnachtsbaum sehr gut machen würden…

Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür, aber dennoch hetzen immer noch Menschen durch die Straßen auf der Suche nach dem idealen Geschenk für einen lieben Menschen. Weihnachten ist für mich zwar auch ein Fest der Liebe, aber auch ganz klar ein Anlass, um Bücher zu verschenken. Daher lebe ich nach dem Motto: Unter jeden Weihnachtsbaum gehört mindestens ein Buch. Selbst mein bester Freund, der eine nahezu nicht vorhandene Lese-Affinität hat, bekommt jedes Jahr ein Buch von mir geschenkt. Allerdings ist es natürlich nicht leicht, für jeden und jede das passende Buch zu finden. Vor allem, wenn man vielleicht im Weihnachtsstress versinkt. Für meine treuen Leser gibt es daher nun einen ganzen Batzen an Buch-Vorschlägen. Übrigens: Diesen Artikel zu schreiben ist bei mir in etwa mit der eigentlichen Bescherung gleichgestellt.

Berührend und rauh

Eines der beeindruckensten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe ist „The Free“ von Willy Vlautin. Im Februar auf Englisch erschienen, jedoch immer noch leider nicht in deutscher Sprache erhältlich. Daher richtet sich dieser Tipp vornehmlich an Leser, die mit der englischen Sprache wenige Probleme haben. Noch bevor ich das Buch selbst in den Händen hielt, überschlug sich die englischsprachige Presse vor Begeisterung. Dieser Roman sollte noch besser sein als seine Vorgänger. Wer mal „Northline“ oder „Motel Life“ gelesen hat, wird sich fragen, was Vlautin denn auf einmal noch dazugelernt haben könnte. Aber ich verspreche Euch: Für Leser, die es gerne richtig hart und lebensecht haben wollen, ist „The Free“ mehr als ein ideales Geschenk. Vlautin skizziert, wie immer, ein paar Personen aus der amerikanischen Unterschicht. Dem amerikanischen Autor geht es um die, die absolut auf der Schippe stehen und drohen, jeden Moment komplett aus dem Leben zu fallen. Sein Thema sind Menschen, die leiden und kämpfen, sich aber selbst nicht bemitleiden. Im Mittelpunkt des aktuellen Romans steht diesmal ein brisantes Thema. Es geht um einen Veteranen aus dem Irak-Krieg, der nicht nur heftige körperliche Verletzungen davon getragen hat, sondern auch eine sehr schwere posttraumatische Belastungsstörung. Rund um den Kriegsveteranen Leroy verweben sich weitere Lebensgeschichten, die einen mit ihrer Ehrlichkeit und Direktheit tief berühren. Ich habe mich wirklich lange Zeit geweigert, das Buch zu Ende zu lesen, weil es einfach zu gut war. Schlussendlich saß ich im Mai mit den letzten Seiten weinend in Amsterdam. Mit „The Free“ kann man nichts falsch machen.

Fast noch besser als seine Vorgänger: „The Free“ von Willy Vlautin

Hohe literarische Kunst

Ein weiterer Vorschlag zum Feste, wenn auch schon etwas älter, ist „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ aus der Feder des Pulitzer-Preisträgers Michael Chabon. Der dicke Wälzer lag schon einige Zeit in meinem Regal, aber mir fehlte einfach die Zeit zum Lesen. Auf meiner jährlichen Sommerreise hatte ich sie aber und habe keine Stunde bereut, die ich diesem Buch gewidmet habe. Die Handlung dreht sich um das Cousin-Gespann Josef Kavalier und Sammy Klayman. Der Jude Josef ist auf abenteuerliche Weise aus dem von Nazis bedrohten Prag geflohen und zu seiner Tante und seinem Cousin Sammy nach New York gereist. Die beiden Cousins hegen eine gemeinsame Leidenschaft: das Zeichnen. Während Josef sich eigentlich vornehmlich der klassischen Mal- und Zeichenkunst widmet, geht Sammy absolut im Comic-Genre auf und verliert sich nur zu gerne in eigenen Stories. Gemeinsam mit ein paar Freunden beginnen sie eigene Comic-Stories zu verfassen und zu zeichnen. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Held der „Eskapist“, ein Entfesslungskünstler der besonderen Art. Schließlich muss dieser sich nicht nur einfach befreien, sondern kämpft auch gegen die Nazis. Der Roman spiegelt nicht nur ein kleines Stück der Comic-Historie wieder, sondern zeichnet auch ein scharfes Bild von einem einsamen Helden, von Josef, der ohne seine Familie in New York sein Glück versucht und sich nichts sehnlicher wünscht, als möglichst schnell genug an Geld zu kommen, um seine Liebsten nachzuholen. Für diesen Roman muss man sich Zeit nehmen. Allerdings: Wenn man ihn zu Weihnachten verschenkt, hat der Beschenkte anschließend im besten Fall rund eine Woche Urlaub, um sich diesen literarischen Genuss zu gönnen. Kein Wunder, dass Chabon dafür den Pulitzer-Preis bekam.

Von einem einsamen Comic-Helden: „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ von Michael Chabon

Perfekt für die Träumer unter uns

Wesentlich verträumter und romantischer geht es bei Boris Vians Roman-Hit „Der Schaum der Tage“ zu. Verfilmt 2013 mit Audrey Tautou und Romain Duris, kamen die bewegten Bilder leider überhaupt nicht an den Flair der schriftlichen Vorlage heran. Hier geht es um den jungen Mann Colin, dem es an nichts mangelt. Er sieht gut aus, er hat Geld, er ist zufrieden und sein Leben ist geprägt von einer unvorstellbar schönen Magie. Allerdings hat auch er eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und so macht er sich auf die Suche nach seinem Herzblatt. Dabei läuft ihm auf einer Party die schöne Chloé über den Weg, die direkt sein Herz erobert. Aber das Glück währt nicht lange, denn Chloé beginnt an einer seltenen und tödlichen Krankheit zu leiden: In ihrer Lunge wächst eine Seerose. Colin jedoch will um seine Chloé kämpfen und opfert dafür alles, was er hat. In „Der Schaum der Tage“ ist es nicht nur die zarte und traurige Liebesgeschichte um die Protagonisten, die berührt, sondern auch die eigenartige Magie, mit der Vian seine Welt gefüllt hat. Sie lädt zum Träumen und Verweilen ein – und man wünscht sich fast ein wenig, dass es all diese wundersamen Dinge auch im echten Leben gäbe. Das französische Literatur-Heiligtum spendet eine sanfte Desillusionierung auf einem sehr poetischen Niveau. Ein Buch, dass ich wirklich sehr gerne gelesen habe.

In der Lunge eine Seerose: „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian

Für die kleinen Lese-Ratten

Da allerdings nicht nur die Großen ein Buch unter dem Baum liegen haben sollten, sondern auch die Kinder, habe ich meinen 9-jährigen literarischen Co-Piloten befragt. Vor allem für Kinder zwischen acht und zehn Jahren kann es manchmal schwierig sein, ein geeignetes Buch zu finden. Es soll nicht zu albern sein, es soll die Sprache fördern, es soll zum Denken und Träumen anhalten. Neben Klassikern wie „Momo“ oder „Harry Potter“ liegt zum Beispiel der irische Autor Eoin Colfer hoch im Kurs. Seine beiden Kinderbuch-Reihen „Artemis Fowl“ und „Tim“ fanden sehr großen Anklang. In Band eins musste Tim der strengen Bibliothekarin, genannt „Knolle Murphy“ trotzen. In „Artemis Fowl“ ging es um den gleichnamigen Spross einer irischen Gangster-Familie, die nahe am finanziellen Ruin stand. Artemis jedoch versuchte mit Hilfe eines magischen Buchs den Goldschatz der Elfen zu finden. Während die „Tim“-Reihe möglichst lebensnah blieb, bedienten sich die „Artemis“-Folgen aus einem gewaltigen Fass an magischen Elementen und verzauberten so auch Erwachsene. Ein absoluter Evergreen für Kinder ab etwa neun Jahren ist aber auch „Ben liebt Anna“ von Peter Härtling. Die erste kleine Verliebtheit zwischen Ben und Anna bot schon zu meinen Schulzeiten einen Einblick in dieses allen bekannte verwirrende Gefühl und behandelte es auf eine sehr schöne Art und Weise. Ganz vorne mit dabei ist übrigens auch die preisgekrönte Buchreihe „Rico und Oskar“ von Andreas Steinhöfel. Die Verfilmung des ersten Bandes begeisterte dieses Jahr schon zahlreiche Kinder, aber gerade als Buch sind die Geschichten rund um Rico und Oskar erst recht Gold wert. Das ungleiche Duo zeigt Kindern auf herrliche Weise den Wert von Freundschaft. Für Kinder ab vier Jahren empfehle ich außerdem den Klassiker „Grünes Ei mit Speck“ von Dr. Seuss. Mein Co-Pilot kann dazu nur zwei Worte sagen: unbedingt kaufen!

Evergreen der Kinderbuch-Literatur: „Ben liebt Anna“ von Peter Härtling

Dunkel und phantasievoll

Aber noch einmal zurück zu den Erwachsenen. Wir haben schon über etwas Hartes, etwas Zartes und einen Pulitzer-Presiträger gesprochen. Es fehlt noch etwas aus dem Fantasy-Genre und natürlich auch etwas Deutschsprachiges. Egal, ob man gerne liest oder nicht, ein Autor schafft es immer, auch noch den letzten Lese-Miesepeter zu begeistern: Neil Gaiman. Über seinen aktuellen Roman möchte ich hier noch nichts vorwegnehmen, aber sei es sein episches Werk „American God’s“, seine magische Liebesgeschichte „Stardust“, seine horrorartigen Kinder- und Jugend-Romane „Coraline“ und „Das Graveyard Buch“ oder auch sein fesselndes Werk „Niemalsland“ – Neil Gaiman ist immer eine Lese-Reise wert. Der Autor überzeugt mit einer ausgewählten, eindringlichen und sehr poetischen Sprache, die ihm scheinbar ohne große Probleme über die Lippen geht. Denn: Wer einmal ein Interview mit Gaiman gehört hat, der weiß, dass der Brite auch so redet, wie er schreibt. Mit seiner Sprache kann er in ein paar Sätzen ganze Welten entstehen lassen, Stimmungen produzieren und seine Leser an eine Geschichte binden. In seinen Ausführungen ist er stets sehr subtil und kratzt gerne an den kindlichen Urängsten, was einem schon hier und da den Schlaf rauben kann. Seine „Kinderbücher“ sind deswegen nichts für sensible kleine Persönlichkeiten, und Eltern sollten sehr darauf achten, dass sowohl „Coraline“, als auch „Das Graveyard Buch“ nur in einem geschützten Rahmen und im Dialog mit einem Erwachsenen gelesen werden. Für ein Kind, dass sich jedoch nicht mehr so schnell ängstigt, sind auch diese ein wahrer Gewinn. Ansonsten kann ich jedem zukünftigen Gaiman-Leser nur raten, sich Stift und Papier hinzulegen, damit er all die wunderbaren Passagen herausschreiben kann, die ihn während des Lesens berühren. Denn davon gibt es wirklich in jedem Gaiman-Roman etliche.

Auch für Nicht-Leser absolut fesselnd: „Niemalsland“ von Neil Gaiman

Neue Aktualität in 2015

Zu guter Letzt noch ein deutschsprachiges Schmankerl vom Schweizer Autor Martin Suter. In seinem Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ – ja, ganz richtig, eine Anspielung auf Pink Floyds legendäres Album von 1973 – geht es um den Staranwalt Urs Blank, der nicht nur sein Leben nahtlos unter Kontrolle hat, sondern auch seine Gefühle. Trotz all seiner Erfolge scheint ihm dennoch etwas querzuliegen und deswegen hängt er sich an die faszinierende Lucille ran, die ihn in die wundersame Welt der halluzinogenen Pilze einführt. Durch einen seltenen und wirkungsverstärkenden bläulichen Pilz verliert Urs jede Kontrolle und lässt Emotionen und Instinkten fortan freien Lauf, die ihn sogar zum Katzenmörder machen. Aufgelöst von seinem eigenen Verhalten, setzt er alle Hebel in Bewegung, um seine Kontrolle wiederzuerlangen. Nach einem vorgetäuschten Selbstmordversuch landet er im Wald, in dem er versucht, noch einmal einen dieser seltenen Pilze zu finden. In der Hoffnung, dass ein erneuter Trip ihn rehabilitieren könnte. Ein rasanter und knallharter Trip nicht nur für den Staranwalt. Besonders aktuell ist Suters schon 2001 erschienener Roman, weil zur Zeit die Dreharbeiten für seine Verfilmung laufen. Urs Blank wird dabei von Moritz Bleibtreu, Lucille von Nora von Waldstätten und Blanks Gegenspieler Pius Ott von Jürgen Prochnow gespielt. Und zur perfekten Ergänzung des Ensembles hat sich Regisseur Stefan Rich ein Luc-Doppelpack aus Luxenburg geholt. Luc Feit, der dem deutschsprachigen Fernsehen und Kino schon mehrere Höhepunkte beschert hat ist genauso vertreten wie sein jüngerer Namensvetter Luc Spada, den aufmerksame Leser meiner Kritiken sicherlich durch sein zweites Werk „Abführung in die lebenswichtige Mittelmäßigkeit – Ein Remix“ kennen. Vo diesem 29-jährigen Multi-Talent werden wir in Zukunft sicher noch mehr hören und sehen.

Knallharter Trip in die Abgründe des eigenen Seins: „Die dunkle Seite des Mondes“ von Martin Suter

Fazit und Rückblick

So meine lieben Leser. Ich hoffe sehr, dass der ein oder andere hier eine kleine Anregung für ein literarisches Weihnachtsgeschenk gefunden hat. Ich verbringe meine Weihnachtszeit übrigens mit Chris Adrian, Hillary Mantel und anderen guten Freunden. Und wer hier immer noch nichts gefunden hat, dem empfehle ich einfach noch einmal unserer mittlerweile über einhundert Seitenansichten zu durchforsten. Und vielleicht verrate ich Euch nach Weihnachten auch, ob und welche Schätze unter meinem Baum für mich bereit lagen. Ich habe zumindest versucht, artig zu sein. Ich wünsche allen Seitenansichten-Lesern ein wunderbares Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein neues, und literarisch spannendes Jahr 2015.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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