Susanne Viktoria Haupt
15. Dezember 2014

Einfach nur Lena

Seitenansicht: „Not That Kind Of Girl“ von Lena Dunham

Nicht diese Art Mädchen, sondern einfach Lena: „Not That Kind Of Girl“, Buch-Cover

Sie waren auf einmal da, die „Girls“ von HBO aus der Feder von Lena Dunham. Seit 2012 verging kaum eine Woche, in der die internationale Presse nicht irgendwie über das neue amerikanische Multi-Talent Lena Dunham berichtete, und ein Teil meines Freundes- und Bekannten-Kreises stieg direkt mit auf diesen Hype. Bei Facebook und Twitter hagelte es Zitate von der 1986 geborenen Schauspielerin und Drehbuchautorin oder von einem der Charaktere aus ihrer Serie „Girls“. Ich nahm mir Zeit, setzte mich hin und ging diesem neuen Phänomen auf die Spur. Ich fand Bilder von einer jungen, äußerst charismatischen Frau in bunten Kleidern mit vielen Tattoos. Eine Frau, die gerade mal ein Jahr jünger ist als ich und einen bewundernswerten Werdegang hinter sich hat. Ich sah mir die Serie „Girls“ an und kam nicht mehr von ihr los.

Speckrollen Cellulite und kleine Brüste

Die Gruppe rund um die egozentrische Protagonistin Hannah Horvath (gespielt von Lena Dunham) faszinierte mich sehr. Sie war ehrlich, offen, und es gab viel nackte Haut, viel guten und schlechten Sex, Neurosen, Depressionen, zerplatzte Träume und zwischenmenschliche Konflikte. Anders als in anderen Serien ging bei „Girls“ nicht immer alles glatt. Die jungen Frauen hatten keine beneidenswerten Jobs, sie trugen keine Designer-Kleider (bis auf Marnie) und sahen auch nicht aus wie eine dieser Model-Typen, die einem das Abendessen vermiesen (bis auf Marnie). „Girls“ zeigte Speckrollen und Cellulite, kleine Brüste, große Brüste, kurze Beine, lange Beine und missratene Frisuren. Und auf einmal sahen Millionen von jungen Frauen sich selbst ein bisschen in einem anderen Licht. Nämlich endlich so, wie sie eigentlich wirklich sind: wunderschön und einzigartig. Mit all ihren Fehlern und Macken zu einem stimmigen und wunderbaren Ganzen geformt.

Ein Buch, gefüllt mit Leben

Lena Dunham ist nicht nur Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin und Schauspielerin, sondern stieg auch mit Raketengeschwindigkeit zum Idol einer ganzen Generation auf. Sie wurde zur Ikone für junge Frauen ab Anfang 20. Man sah sie auf sämtlichen Anlässen schelmisch in die Kamera lächeln. Keine Spur von Verunsicherung, keine Spur von Maskerade. Es war daher eine richtige Entscheidung, ihren unzähligen Fans etwas Haptisches in die Hände zu geben: ihre Autobiographie „Not That Kind Of Girl“. In diesem Buch verarbeitet sie nahezu alles, was sie in ihrem bisherigen Leben gelernt hat und was sie schlussendlich zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. In der Autobiographie dreht sich alles um gescheiterte Beziehungen und um einen Leitfaden darüber, mit wem man problemlos in einem Bett schlafen kann und mit wem nicht. Es geht um Freundschaften, um Liebe, um die Entdeckung der eigenen Sexualität und unzählige Experimente. Es geht um Dunhams eigenen psychischen Probleme und ihren Umgang mit ihnen. Es geht um ihre Gedanken zum Thema Tod und zum Thema Leben und ihre Beziehung zu ihrer Familie. Dunham berichtet davon, wie früh sie schon diese düsteren Gedanken rund um den Tod hatte und wieviele Therapien sie schon durchlief. Auch geht es um ihre Zeit auf dem angesehenen Oberlin College und das Bild, das sie selbst von sich hatte und hat – und wie es sich stetig verändert.

Kein „Aha“, aber ein „Ja“

Ich las also ihre Autobiographie und war gespannt, wieviel ich daraus für mich mitnehmen könnte. Von einer Autorin, die gerade mal ein Jahr jünger ist als ich. In einem äußerst humorvollen, persönlichen und ehrlichen Tonfall ließ ich mir von ihr aus ihrem Leben berichten. Ich hatte zwar keine Aha-Erlebnisse in dem Sinne, dass ich dachte: „Oh, achso, ja, so ist das natürlich besser. Jetzt habe ich etwas gelernt“. Aber dafür gab es viele Momente, in denen ich mich von Lena Dunham verstanden fühlte. Und manch einen Moment, in dem ich dachte: „Ja, endlich mal jemand, der dieselben Gedanken und Gefühle hat wie ich“. Und je mehr ich las, je weiter ich kam, desto mehr hatte ich das Gefühl, auf einmal mit einer guten Bekannten auf dem Bett zu liegen. Ich wollte laut sagen „Ja Lena, das kenne ich total gut, bei mir war das nämlich auch so…“, aber schlussendlich musste ich mich damit abfinden, dass es eben nur ein Buch war – und dieses Buch mir nicht wirklich zuhören konnte.

Auf magische Weise selbst inszeniert

Mit „Not That Kind Of Girl“ hat Lena Dunham es definitiv geschafft, ihren Status als Ikone zu verfestigen. Es mag dem ein oder anderen Kritiker vielleicht an Tiefgang fehlen, oder die Tatsache stören, dass sie nicht aus einer armen Familie stammt, sondern aus einer angesehenen Künstlerfamilie, die ihr schon früh wichtige Kontakte verschaffen konnte. Manch einer mag vielleicht auch in Neid vergehen, weil Lena den Mut hat frei, offen und völlig unkonventionell über Dinge zu sprechen, mit denen sich viele andere schwertun. Menschen, die neidisch darauf sind, dass sie dieses unglaubliche Selbstbewusstsein hat, zu sich zu stehen. Und sich selbst auf eine ganz magische Weise selbst zu inszenieren.

Eine unaufgeregte Geschichte

Aber ich bin froh, dass es Lena gibt, dass es ihr Buch gibt und auch die Serie „Girls“, deren vierte Staffel im Januar in den Staaten auf HBO anläuft. Ich bin froh, dass es eine Heldin gibt, eine Ikone, die jungen Frauen, aber auch Männern neue Perspektiven zeigt und Mut vermittelt. Ich glaube nämlich, dass gerade die Generation der 25- bis 35-Jährigen durchaus starke und natürliche Vorbilder braucht. Weil einfach zuviele daherkommen und sagen: „Diese Generation ist so und so. Die Frauen in diesem Alter sind so und so und die Männer so und so“. Weil das einfach nervt. Weil wir doch alle viel mehr sind als nur eine Generation, die man galant in eine Schublade stopfen kann. Und das zeigt Lena Dunham. Dass wir alle einfach nur wir sind. Und dass das verdammt gut so ist. Ihre Autobiographie ist keine Hommage an das Leben oder an die Kunst oder die Liebe. Es ist eine ganz unaufgeregte Geschichte über eine junge Frau, die einfach so ist, wie sie ist. Deswegen stelle ich das Buch auf das Regal neben meinem Bett und erfreue mich daran, was Lena mir alles erzählt hat. Schlage hier und da nochmal ein Kapitel auf und bewundere ihre Leichtigkeit und ihren Humor. Und lege es all jenen ans Herz, die einfach mal eine angenehme und entspannte Zeit verbringen wollen. Um sich anschließend mit all den eigenen Macken und Meisen etwas wohler zu fühlen.

Lena Dunham: „Not That Kind Of Girl“, Autobiographie, 304 Seiten, Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100153562, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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