Matthias Rohl
20. Mai 2008

Filmgeschichte(n): „Sie kannten kein Gesetz“

Sie nannten ihn „Bloody Sam“, „Hollywoods Bad Boy“ oder gar „Picasso of Violence“: Sam Peckinpah gilt als einer der einflussreichsten Filmkünstler des 20. Jahrhunderts

1914, Vorabend des Ersten Weltkriegs. Sechs physisch ausgezehrte Desperados reiten, als Ranger verkleidet, durch Starbuck. Ihr Ziel: ein Überfall auf das Lohnbüro der Eisenbahngesellschaft. Am Straßenrand Kinder, vertieft in ein grausames Spiel: Sie ergötzen sich am Todeskampf zweier Skorpione mit einer Übermacht von Ameisen. Unter einer Plane wettert ein Guttempler-Prediger gegen Alkoholismus. Auf den Dächern ringsum lauert ein zersprengter Haufen gieriger Kopfgeldjäger mit Gewehren. Als einer der Männer aus Pike Bishops (William Holden) Gruppe den Hinterhalt bemerkt, entbrennt ein Massaker, bei dem der Kugelhagel wild durch die Menge pfeift. Panik bricht aus, Pferde stürzen zu Boden, Unbeteiligte müssen als Schutzschilde herhalten. Vier überleben, einer so schwer getroffen, dass er um den Gnadenschuss fleht. Bishop zögert keinen Augenblick, denn für ein Begräbnis bleibt keine Zeit…

“The Wild Bunch”, Filmposter

Radikaler Anti-Western: „The Wild Bunch“, Film-Poster

Drastik der Gewalt

Mit „The Wild Bunch“ (deutsch: „Sie kannten kein Gesetz“) ging Sam Peckinpah 1969 in der Drastik der Gewalt weiter als je ein Regisseur zuvor. Er ließ das Blut spritzen, bannte es in erstarrten Fontänen ins Bild, zeigte in legendären Zeitlupen Körper, die von einschlagenden Projektilen umhergeschleudert werden und im Todeskampf grausige Tänze vollführen, selbst auf der Tonspur war der Aufprall der Projektile vernehmbar. Bewegung und Gewalt sind die bestimmenden Strukturmerkmale dieses „Moby Dick of Westerns“ (Richard Slotkin). Die mythische Kreisbewegung des Films, in der auf das Massaker in Starbuck das finale Todesballett in Aqua Verde folgt, montierten Kameramann Lucien Ballard und Cutter Louis Lombardo zu einer schonungslosen Dekonstruktion des Western-Genres und des Helden-Mythos – brutal, deprimierend und elegisch. Mit mehreren Kameras aus ungewöhnlichen Perspektiven fotografiert, im schnellen Wechsel von Einstellungsgröße, Slow-Motion und Echtzeit, in virtuosen, vom sowjetischen Kino inspirierten Schnittfolgen, zelebrierte dieser Meilenstein auch formal eine Genre-Explosion von innen – und offenbarte ein geheimes cineastisches Gesetz: „Action is violence.“

Sam Peckinpah und William Holden

„Moby Dick des Westerns“ – Regisseur Sam Peckinpah und Hauptdarsteller William Holden

Verlierer großen Stils

Peckinpah, der „Poet of blood“, reagierte mit diesem Werk künstlerisch auf den damals so überaus erfolgreichen Italo-Western, vor allem auf Sergio Leones Prototyp „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), dessen ästhetische und moralische Erschütterungen in der Evolution des Kinos irreversibel seine Spuren hinterließen. „The Wild Bunch“ ist Peckinpahs Meisterstück, komplexer, aggressiver und radikaler als je ein Western zuvor. Im Grunde sind alle Peckinpah-Filme strukturell und dramaturgisch Western, die ihre anthropologischen Impulse aus der Grundeinsicht in die Gewalt der modernen Kultur gewinnen. Die Männer in „The Wild Bunch“ sind Verlierer großen Stils; sie wissen, dass ihre Zeit längst vorbei ist – und spielen weiter auf einer überspannten Saite, bis sie reißt. In Differenz zum klassischen Western steht hier nicht das singuläre Helden-Raubein vom Schlage eines John Wayne, sondern die Gruppe im Zentrum. Und so entfaltet der Film den Plot – eine Gruppe von Männern schweißt sich zusammen, man hat einen Auftrag, einen Job. Jeder in der Gruppe ist Experte auf seine Weise – und darf mit dem Respekt der anderen rechnen.

“The Wild Bunch”, Szenenfoto

Ausgezehrte Desperados am Ende der Straße

Lachen im Angesicht des Todes

Man hat Spaß zusammen, vertreibt sich in Bordellen die Zeit, die Whisky-Flasche kreist. Und da ist dieses gemeinsame Lachen, rau, dreckig, trotzig – ein übermütiger Hohn auf sich selbst in Todesahnung. Im Gegensatz zum klassischen Plot jedoch wollen die „tough guys“ nicht mehr in die Gesellschaft inkludiert werden, ja die Demarkationslinie zwischen Wildnis und Zivilisation ist längst überschritten. In den Augen dieser melancholisch gegerbten Gesichter ist nur noch die Differenz von stark und schwach intakt. Im heraufdämmernden Zeitalter der Automobile, Flugzeuge und Maschinengewehre können die Widersprüche nur noch „explodieren, sich mit Gewalt Raum schaffen, auch wenn das für die Männer bedeutet, sich selbst mit in den Tod zu reißen“ (Josef Früchtl). Und die Explosionen führen schließlich zur Maschinerie des Gemetzels. Im Angesicht der ästhetisierten Gewalt wirkt jeder Treffer wie eine Detonation, die die Zeit im visuell gedehnten Zerstörungsakt neu erfahrbar macht – die retardierte Zeit als cineastisches Gegengift zur beschleunigten Dramaturgie der Moderne. Und es ist diese Implosion der Zeit durch die Explosion der Gewalt, für die Peckinpah so eindrückliche, universale Bilder gefunden hat. Und so verweist das höhnische Lachen der Männer auf ein anderes, mythisches Leben, „das immer weitergeht und auf seine Art Unsterblichkeit verspricht“ (Früchtl).

nächste Folge:
„Für eine Handvoll Dollar“
Wie Sergio Leone den Italo-Western erfand und Clint Eastwood zur cleversten Ikone des modernen Kinos wurde

(Fotos: Pressefotos/Wikipedia)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel