Henning Chadde
22. Dezember 2014

Entwicklung, ick hör Dir krachen…

Das Verhör: „Songs Of Woe“ von Navel

Alte Hasen im Entwicklungs-Wolfspelz: Navels „Songs Of Woe“, Album-Cover

Fürwahr, da lügt der Presse-Waschzettel zur CD einmal nicht. Der Ruf der Schweizer Band Navel in Indie- und Gitarrenkrach-Breiten ist tatsächlich „gewaltig“. Genauer gesagt schiebt die Combo um den Sänger, Gitarristen und Mastermind Jari Antii Zeit ihres Bestehens eine gewaltige Bugwelle vor sich her. Eine Bugwelle, die es der Band nicht immer leicht gemacht hat. Trug sie doch neben jeder Menge Superlativen, Hoffnungsträger-Plaketten und nicht selten überdimensionierten Erwartungshaltungen seitens der Musik-Journaille und ihrer Fans gleichsam ebenso viele Genre-Fragezeichen und enttäuschte Minen von Album zu Album bleischwer in sich. Kein Wunder bei dem konsequenten Willen zur stetigen Veränderung und Stil-Erweiterung im Navel-Kosmos. Nun soll hier nicht der Fehler begangen werden, den gesamten Hergang der navelschen Musik-Karriere und Ausrichtung von den ersten hochgelobten Noise-Grunge-Gewittern ihrer Frühphase bis hin zur episch-bluesigen Psychedelia-Breite ihrers neuen Werkes „Songs Of Woe“ erneut herunterzubeten. Dies möge der geneigte Leser dem Konzert-Tipp in eben diesem Journal zum Auftritt der Breitwand-Adepten im November dieses Jahres in Hannover entnehmen: „Woe of sound“

Allein, es sei darauf hingewiesen, dass es schon ein sehr weiter Entwicklungsweg war, den Navel seit ihrem 2008er Debüt „Frozen Souls“ bis zu ihrem aktuellen, von der Presse beinahe durchweg als Meisterwerk gelobten Werk „Songs Of Woe“ zurückgelegt haben. Ein Weg, denn es sicherlich Schritt für Schritt ausschließlich als Entwicklungs- und Abnabelungs-Prozess zu betrachten gilt, denn ihn ständig mit einem roten Faden aus der teilweise vollexplosiven Anfangs-Phase Navels herleiten zu wollen. Leider macht es genau dieser Umstand auch dem Verfasser dieser Zeilen, der den ersten Krach-Attacken Navels immer noch begeistert lauschen mag, nicht gerade leicht, einen fließenden Übergang vom Damals ins Jetzt zu ziehen. Fehlt dem aktuellen Album auf dem allerersten Hördurchgang doch zunächst einmal die gewisse Kantigkeit und bissig-rotzige Stringenz, die Navel einmal auszeichnete.

So erinnert nicht zuletzt der zumeist verhallte Gesang immens an britpoppige Manchester-Sounds-Zeiten aus den mittleren bis späten Achtzigern und beginnenden Neunzigern. Doch obacht! Hierbei dreht es sich weniger um – ja auch nicht zur Gänze zu verachtende – Querwerweise in Richtung Inspiral Carpets, Oasis oder Blur, sondern vielmehr um eine sich tief verneigende Referenz-Verbeugung vor den Ur-Vätern dieses Sounds: britischen Krach-, Hall- und Shoegaze-Veteranen wie The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine, Slowdive und den frühen Swervedrivern. Man mag mich Lügen strafen, aber in der Offenheit einiger Arrangements vermag ich gar entfernte Schwingungen von Echo And The Bunnymen erahnen. Und das lässt wiederum deutlich aufhören. Mehrmals.

Zusammengenommen mit der musikalischen Reife Navels und entspannt epischen wie krachenden Ausflügen in Blues-, Psychedelia-, Noise- und Rock- wie Americana-Gefilde, entwickelt „Songs Of Woe“ eine Sogwirkung, die letzlich doch staunen macht. Und schlichtweg bei jedem Hördurchgang ein großes Stück mehr zu begeistern weiß. Bis es schließlich seine ganze Pracht und hintergründige Düsternis entfaltet hat. Beispiele geünscht? Das drängend, stompend-psychedelische „The World Is On Fire“, der sich überaus lazy heranschleichende und schließlich ruppig explodierende Gesangs-Hochtöner „Tale Of Woe“, die fast achtminütige, psychedelische Blues-Abfahrt „Way Out“, der sägende Nackenbrecher „Don’t Get Me Wrong“ und die schräg-verhuschte Fast-Ballade „Never“. Whatever, Namen sind in diesem Zusammenhang tatsächlich eher Schall und Rauch denn Gemarkungssteine. „Songs Of Woe“ funktioniert vor allem in seiner Gesamtheit. Und das ist in diesen musikalisch-kompositorisch schnelllebigen Zeiten leider mittlerweile auch in Indie-Genre-Fachkreisen eher die Ausnahme denn die Regel. Ganz bestimmt ein Köpfhörer-Album, meine Damen und Herren. Im doppelten Sinne. Dazu absolutely made for live. Und nix für handelsübliches „Nebenbeihören“. Und das ist gut so. Mehr als das.

Navel: „Songs Of Woe“, CD, 12 Songs, 47 min., Noisolution

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Kategorien: Musik

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